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    Leckeres aus der Pfefferkuchenstadt

    Es muss nicht immer Lebkuchen sein – Aus dem sächsischen Pulsnitz stammt ein Gebäck mit langer Tradition. Von Benedikt Vallendar

    Für Herz und Bauch: Ein echtes Pulsnitzer Pfefferkuchenherz. Foto: BW

    Pulsnitz (DT) Pfefferkuchen, das weiß man in Pulsnitz, ist mehr ist als ein bloßes Süßgebäck. Von jeher wetteifert Pulsnitz in der sächsischen Oberlausitz mit Nürnberg um den heimlichen Titel als Deutschlands Pfefferkuchenhauptstadt. Und von jeher verbinden Christen mit Pfefferkuchen Begriffe wie Tradition und Besinnlichkeit, gleichwohl der Kuchen mit Pfeffer rein gar nichts zu tun hat. „Die Bezeichnung ,Pfefferkuchen‘ kam im Mittelalter auf, als exotische Gewürze allgemein als Pfeffer bezeichnet wurden“, weiß Rietschel. Überregional bekannt seien vor allem die Pulsnitzer Spitzen mit Füllung, deren Rezepte bis heute geheim sind. Doch erst seit 1992 ist der Name „Pulsnitzer Pfefferkuchen“ gesetzlich geschützt, so dass sich nur solcher Pfefferkuchen so nennen darf, der auch tatsächlich von dort stammt. Nicht immer waren die Gesetze rund um das Süßgebäck so streng. Anfang der siebziger Jahre, als die DDR in Stein gemeißelt schien, wurden auch in Pulsnitz die letzten Familienunternehmen verstaatlicht – bis auf acht Privat-Betriebe, die sich bis zum Untergang der DDR dem Zugriff der kommunistischen Behörden widersetzten.

    Der SED-Sozialismus, in seiner zerstörerischen Kraft, steuerte das Land in den Untergang, auch wenn bis dahin noch Jahre vergehen sollten. Bis zur Wende lieferten Pulsnitzer VEB-Betriebe ihre Lebkuchen in alle Winkel des selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaates. Derweil vormalige Firmeneigentümer als „Betriebsdirektoren“ fungierten, gegängelt von der Partei, deren Funktionäre sich in Dinge einmischten, von denen sie meist keine Ahnung hatten. Das blieb nicht ohne Folgen. Denn im Gegensatz zum Dresdner Stollen exportierte Pulsnitz zu DDR-Zeiten kaum Lebkuchen ins Ausland, da die damals weitaus kleinere Produktionsmenge, auf Parteibeschluss, allein der werktätigen Bevölkerung vorbehalten blieb. Erich Honecker wollte von seinen Untertanen geliebt werden, und das auch beim Genuss von Süßspeisen aus Pulsnitz. Was jedoch, markenpsychologisch, dazu führte, dass sich nach der Wende zahlungskräftige Westkunden zunächst scheuten, Geld für etwas auszugeben, das sie nicht kannten.

    Zum Teil jedoch lag der anfangs schleppende Umsatz mit Pulsnitzer Pfefferkuchen auch an der starken Konkurrenz aus Nürnberg, die bis heute den hart umkämpften Lebkuchenmarkt dominiert. Das Konkurrenzverhältnis zwischen David und Goliath, zwischen Pulsnitz und Nürnberg, verschob sich ein wenig zu Gunsten der Pulsnitzer, als in den Trümmern des real existierenden DDR-Sozialismus kleinere und größere Schätze zutage traten, die sich hier und da als wahre Marktperlen entpuppten. Das Engagement sächsischer Wirtschaftspolitik sollte sich lohnen. Denn längst exportieren Pulsnitzer Betriebe ihre süßen Erzeugnisse wieder in vieler Herren Länder. Auch der Bund trug der Wiedergeburt Rechnung. An der Autobahn 4 zwischen Dresden und Görlitz prangen braun-weiße Hinweisschilder mit der Aufschrift „Pfefferkuchenstadt Pulsnitz“, was Jahr um Jahr mehr Menschen in die knapp zehntausend Einwohner zählende Kleinstadt im Grenzgebiet zu Tschechien lockt.

    Auch in diesem Jahr ist das so. Rund um die alte Nikolaikirche im Zentrum gruppieren sich zur Vorweihnachtszeit die Buden und Geschäfte, aus denen es nach Räucherkerzen und Glühwein duftet; und wo es neben Pfefferkuchen auch Nützliches für die Winterzeit gibt, etwa kunstvoll verzierte Kerzen und handgemachte Filzpantoffeln aus dem Erzgebirge. „Der Pfefferkuchenmarkt ist vor allem ein Familienmarkt“, sagt die PR-Expertin Evelin Rietschel, ein Event, an dem sich auch die Kirchen beteiligen. In den Räumlichkeiten der Nicolai-Gemeinde etwa können Kinder selbst gemachte Lebkuchen nach Herzens Lust mit Lebensmittelfarben bemalen, in neue Formen zerschneiden und daraus Hexenhäuschen bauen, die von Zuckerguss zusammengehalten werden. Die Geschichte des Pulsnitzer Pfefferkuchen ist ein beredtes Beispiel dafür, was Menschen an Gutem bewirken können, wenn man sie nur lässt.

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