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    „Jetzt mal anders – Ohne Gewalt klarkommen“

    Worum ging es bei dem Projekt, Herr Ortmann? Die Caritas hat ein zweijähriges Modellprojekt durchgeführt mit dem Novum, dass bei häuslicher Gewalt nicht Opfer und Täter getrennt beraten werden, wie das in der Bundesrepublik derzeit üblich ist, sondern dass Opfer und Täter, Mann und Frau,

    Worum ging es bei dem Projekt, Herr Ortmann?

    Die Caritas hat ein zweijähriges Modellprojekt durchgeführt mit dem Novum, dass bei häuslicher Gewalt nicht Opfer und Täter getrennt beraten werden, wie das in der Bundesrepublik derzeit üblich ist, sondern dass Opfer und Täter, Mann und Frau, als Paar von einem Beraterpaar beraten werden. Unser Institut hat das Projekt wissenschaftlich begleitet, sodass wir diese Arbeit nun bewerten können. Das Ergebnis ist sehr positiv, weil die gemeinsame Beratung sehr erfolgreich ist. Hier bahnt sich ein ganz neuer Weg an, den man zukünftig beim Thema häusliche Gewalt beschreiten soll.

    Wie haben Sie den Bedarf ermittelt und was ist das Neue?

    Die Beratungsstellen, die mit Problemen der häuslichen Gewalt arbeiten, sind gut ausgelastet. Das Besondere an den Paaren, die im Modellprojekt beraten wurden, war, dass sie bereit waren, um ihre Beziehung zu kämpfen. Sie hatten sich noch nicht verstrickt in chronische Gewaltausbrüche und suchten nach Wegen, zukünftig ohne Gewalt miteinander Probleme zu lösen, also wie es im Untertitel des Projektes heißt: „ohne Gewalt klarkommen“. Bisher standen meist Paare mit exzessiver Gewalt im Fokus der Forschung und weniger diese Paare, die mit Hilfe professioneller Begleitung bereit waren, ihre Lebensqualität zu verbessern und auf Gewalt zu verzichten. Sehr häufig wurden Paare mit Kindern beraten. Das war auch beabsichtigt, damit Kinder die Chance bekommen, in einer gewaltfreien Familie aufzuwachsen und Vater und Mutter um sich zu haben.

    Wie viele Paare nahmen am Projekt insgesamt daran teil?

    Insgesamt waren es 70 Paare und 45 von ihnen waren damit einverstanden, dass wir sie in unsere Forschungen einbeziehen und befragen. Von 33 Paaren haben wir auch die anamnesischen Daten – dass nicht alle Paare eingewilligt hatten, an der Untersuchung teilzunehmen, liegt auch daran, dass es ein sehr intimes Thema ist, denn über Gewalt wird erst einmal nur ungern gesprochen – erst recht, wenn jemand von außen kommt. Auch wenn wir uns mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer für unsere Forschung gewünscht hätten, sind wir mit der Datenlage zufrieden, weil sie aussagekräftig ist.

    Was war Ihre genaue Aufgabe, denn die Beratung lief ja über Jugendämter und Caritas?

    Wir haben das Projekt evaluiert und wissenschaftlich begleitet. Es gab keine Blaupause für uns und wir entwickelten mit den Beratern ein Forschungskonzept, das dann praktisch umgesetzt wurde. In Deutschland ist bei häuslicher Gewalt die Beratung bisher aufgeteilt in Opfer und Täter und es wird das Individuum beraten. Hier kommt das Paar mit systemisch und lösungsorientierter Beratung zum Zug und man sieht relativ schnell Erfolge: die Gewalttätigkeit – ob körperlich oder psychisch-verbal – sinkt schon nach der dritten Sitzung deutlich ab.

    Wie wird es nach dem Pilotprojekt weitergehen?

    Von der Caritas weiß ich, dass man sehr interessiert ist, diese Arbeit fortzusetzen. Ob hier in Berlin die Senatsverwaltung das ähnlich sieht, vermag ich nicht zu beurteilen – immerhin ist es auch eine Frage der Kosten. Ethisch wäre es aber nicht zu verantworten und zu vertreten, wenn es nicht weitergeht, da der Nutzen sich ganz klar zeigte.