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    „Im Iran darf man kein Christ sein“

    Aus aufgeweckten Augen schaut Jakob in die Welt, Man mag kaum glauben, dass der Junge erst zehn Jahre alt ist, so erwachsen wirkt er oft. Ein Grund dafür mag seine Geschichte sein: Armut, Flucht und Neuanfang – fast zu viel für ein Kinderleben. Vor knapp einem Jahr kam Jakob mit seiner Familie, dem Baby Mia und Bruder Marlon aus dem Kosovo. Es war vor allem die materielle Not, welche die Familie dazu trieb, das Land zu verlassen und ihr Glück woanders zu suchen. Jakobs Vater hatte im Kosovo keine Arbeit, es fehlte an allem, auch an Materialien für die Schule. Hier geht es ihnen besser, eine Arbeit aber hat der Vater auch hier noch nicht gefunden.

    Suchen Hoffnung: Flüchtlingskinder. Foto: dpa

    Aus aufgeweckten Augen schaut Jakob in die Welt, Man mag kaum glauben, dass der Junge erst zehn Jahre alt ist, so erwachsen wirkt er oft. Ein Grund dafür mag seine Geschichte sein: Armut, Flucht und Neuanfang – fast zu viel für ein Kinderleben. Vor knapp einem Jahr kam Jakob mit seiner Familie, dem Baby Mia und Bruder Marlon aus dem Kosovo. Es war vor allem die materielle Not, welche die Familie dazu trieb, das Land zu verlassen und ihr Glück woanders zu suchen. Jakobs Vater hatte im Kosovo keine Arbeit, es fehlte an allem, auch an Materialien für die Schule. Hier geht es ihnen besser, eine Arbeit aber hat der Vater auch hier noch nicht gefunden.

    Der Zehnjährige geht als einziger der interviewten Jungen aus den Balkanstaaten in die 4. Klasse einer normalen Grundschule. Sein Deutsch ist schon ganz passabel: „Ich will lernen Deutsch“, macht Jakob klar, und man spürt, wie sehr er sich wünscht, die Sprache seiner neuen Heimat zu beherrschen. Dabei kommt es ihm zugute, dass er viele deutsche Freunde hat, die ihm gerne helfen. Jakob weiß genau, wofür er lernt: Eines Tages möchte er Lehrer werden.

    Wenn da nicht der Status Duldung wäre, der wie eine Drohung über der Familie hängt. Jakob wird von der Angst beherrscht, dass er und seine Familie bald wieder in den Kosovo abgeschoben werden. Nachts kann er kaum schlafen. „Nicht bisschen habe Stress, aber ganz viel“, erklärt der Junge. Ein Freund hat ihm erzählt, dass die Polizei bevorzugt nachts komme, um Familien abzuholen und in das Herkunftsland zurückzuschicken.

    Die christliche Hilfsorganisation World Vision ist der Meinung, dass Kinder, ihre zum Teil schrecklichen Erlebnisse, ihre Ängste und Hoffnungen, noch viel zu wenig im Blick sind, wenn es darum geht, in Deutschland die Herausforderungen mit den großen Fluchtbewegungen der Gegenwart zu meistern. Behutsam geführte Interviews sollen dazu beitragen, die Wünsche der Kinder aus Syrien, Afghanistan, dem Iran, Serbien, dem Kosovo und Eritrea öffentlich zu machen und ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Mit der Auswahl der interviewten Kinder von elf und zwölf in einer Pilotstudie von World Vision sollte die große Heterogenität der Gruppe von geflüchteten Kindern in Deutschland ansatzweise abgebildet werden. Die Namen der Kinder wurden anonym gehalten.

    Kabira, zehn Jahre alt, stammt aus Syrien und hat nur einen Wunsch: Ein großes Haus mit viel Platz für die ganze Familie. Deren derzeitiger Status: Anerkannte Asylberechtigung.

    „Unser altes Haus haben wir im Fernsehen gesehen, es ist kaputt“, erzählt Kabira. Sie weiß, dass in Syrien Krieg ist und Bomben fallen. Auch das Haus von Tante und Onkel fiel den Bomben zum Opfer. Der Onkel kam ums Leben. Die Großeltern von Kabira wollen Damaskus nicht verlassen und leben bis heute in der zerstörten Stadt. Die Familie aber flüchtete, Kabira, ihre Mutter und drei Geschwister, der Vater war schon vorher nach Deutschland geflohen.

    Wie die Flucht verlief, darüber berichtet Kabira nur bruchstückhaft; gefährlich und beschwerlich sei sie gewesen. Vielleicht will sie auch verdrängen, dass sie mit einem Fischerboot in Seenot gerieten. Es drohte zu kentern, und erst in letzter Minute wurden sie von einem großen Schiff aufgenommen, vielleicht die italienische Küstenwache? Kabira deutet an, dass nicht alle an Bord den Schiffbruch überlebt haben. Danach bekam sie Albträume, glaubte, sie müsste ertrinken.

    Lebhaft schildert die Zehnjährige das Wiedersehen mit dem Vater in Italien, wohin ihn die erschöpfte Mutter bestellt hatte. Von Italien reiste die Familie mit dem Zug nach Deutschland, zunächst in die Erstaufnahmestelle in Ellwangen. Kabira erzählt von weiteren Stationen: Obertürkheim, Wertheim und ein Wohnheim für Geflüchtete in Stuttgart-Müllhausen. Heute leben sie in einem kleinen Vorort von Stuttgart in einer eigenen Wohnung. Neue Freundinnen hat Kabira schnell gefunden.

    Die Familie ist muslimisch. Ja, sie würden beten, aber in der Moschee waren sie nur einmal nach der Ankunft vor zwei Jahren, danach nicht wieder. Kabira mag die hohen Berge hier. Ob ihr Wunsch jemals in Erfüllung gehen wird, mit der ganzen Familie in ein Haus zu ziehen? Kabira ist sich nicht mehr so sicher, auch in Deutschland, so viel hat die Zehnjährige schon mitbekommen, können sich nicht alle alles leisten.

    Die elf-jährige Shirin kommt aus dem Iran. Status: Anerkannte Asylberechtigung. Vor drei Jahren hat Shirin das erste Mal in Deutschland Weihnachten gefeiert. Im Iran war das verboten. Denn dort gehören sie und ihre Mutter zur christlichen Minderheit. Shirin macht mit dem Finger eine unmissverständliche Geste Richtung Hals, als sie von den Gefahren spricht, die Andersgläubigen in dem streng muslimischen Land drohen. „Im Iran darf man kein Christ sein“, sagt Shirin. „Christen müssen sterben.“ Rund 20 000 Christen sitzen aus politischen Gründen oder wegen ihres Glaubens im Gefängnis. Oft reicht eine Kleinigkeit aus, damit die Behörden die Christen massiv bedrohen und die Familien einschüchtern.

    Selbst die kleine Shirin bekam die Willkür des Regimes zu spüren. Weil ihr Kopftuch verrutschst war und man Shirins Haaransatz sehen konnte, wurde sie von der Polizei bedroht. Ihre Mutter fürchtete sich vor den nächsten, womöglich noch viel folgenreicheren Repressalien Im Iran muss man kein Verbrechen begangen haben, um im Gefängnis zu landen.

    „Ich weiß nicht mehr, wie wir hergekommen sind“, sagte Shirin mit leiser Stimme. Ganz offensichtlich hat sie die Flucht mit all ihren Begleiterscheinungen verdrängt. Erst wenn sie größer ist, will die Mutter ihr alles erzählen. Seit einigen Monaten leben Shirin und ihre Mutter in einer eigenen Wohnung in der Nähe von Wertheim. Auch die Mutter geht in die Schule und belegt einen Deutschkurs. Er ist wichtig für eine spätere Einbürgerung. Nach der Schule nimmt Shirin den Bus nach Hause, wo ihre Mutter für sie kocht. Meist essen sie persische Speisen – eine der wenigen Erinnerungen an das Land, in dem noch zahlreiche Verwandte leben. Diese hätte Shirin gern um sich, wenn sie nach ihren Wünschen gefragt wird.

    Christoph Waffenschmidt, Vorstandsvorsitzender von World Vision Deutschland, betont: „Mit der vorliegenden Studie bleiben wir unserem Anliegen treu, das wir auch in den World Vision Kinderstudien verfolgen. Wir wollen Kindern eine Stimme geben. Auch begleitete minderjährige geflüchtete Kinder brauchen eine Lobby – wir wollen uns dafür stark machen, dass ihre Belange gehört werden.“