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    „Hier gibt es sehr viel Dankbarkeit“

    Die Arbeit mit Menschen ist ihm wichtig: Der 19-jährige Marius Ziemann setzt sich als FSJler für Obdachlose ein. Von Jakob Rabe

    Marius Ziemann hilft konkret. Foto: Felder

    Der 19-jährige Marius Ziemann setzt genau das in die Praxis um, was Papst Franziskus fordert: an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Seit September absolviert er ein freiwilliges soziales Jahr im Haus der Wohnungslosen, einer Einrichtung für alleinstehende wohnungslose Männer ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs von Münster. Vermittelt haben diese Stelle die Freiwilligen Sozialen Dienste (FSD) im Bistum Münster, Träger ist die katholische Bischof-Hermann-Stiftung. Ziemann ist 1998 in Münster geboren, getauft und hat 2017 das Abitur am Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium im Ortsteil Nienberge abgelegt. Seine Mutter, die Erzieherin in einem Brennpunktbereich ist, hat in ihm den Wunsch geweckt, sich sozial zu engagieren. „Ich bin kein Bürohengst, sondern brauche die Arbeit mit Menschen“, erklärt er. „Mein Berufswunsch ist es, Lehrer, Sozialarbeiter oder Krankenpfleger zu werden, und da ist das hier ja absolut keine vergeudete Zeit.“ Morgens um 7.30 Uhr beginnt Marius‘ Arbeitstag, in der Regel mit einer Besprechung und dem Frühstück für alle Bewohner des Hauses und Obdachlosen, die von außen hinzukommen. „Das Frühstück muss hergerichtet werden. Das bedeutet im Klartext: Kaffee kochen und Brötchen schmieren“, erläutert der junge Mann. Die Zahl der Frühstücksgäste schwankt stark – von 15 oder 20 bis zu 60 bis 80 Leuten, Bewohner und Gäste aus der Stadt, fast nur Männer. Dem Frühstück folgt die sogenannte „Überbrückungszeit“ von 10 bis 13 Uhr, die sich für den jungen FSJler vor allem im hauswirtschaftlichen Bereich abspielt. „Da ist schnell mal etwas kaputt und muss repariert werden“, berichtet er, „sprich: Ich muss Schlösser auswechseln, Heizungen entlüften, Dächer säubern oder Zimmer aufräumen.“ Häufig kommt es auch vor, dass er mit einem der Bewohner des Hauses der Wohnungslosen zur Versicherung, zur Bank, zum Bürgeramt, zum Krankenhaus oder zum Arzt gehen muss. Alternativ können auch Aufgaben im Büro anfallen, wenn etwa die Anrufe von außen angenommen werden müssen.

    Von 12.30 Uhr bis 13.30 Uhr steht das Mittagessen auf dem Programm, das ähnlich abläuft wie das Frühstück. Einziger Unterschied: Mittags kommen fast nur Bewohner des Hauses. Danach folgt die nächste Überbrückungszeit, „in der fast alles passieren kann“, wie Ziemann vielsagend andeutet. So kann es etwa vorkommen, dass er einen Rundgang machen oder zum Beispiel eine Meldebescheinigung für einen Bewohner beim Einwohnermeldeamt besorgen muss. Gerade am Tag vorher musste er mit einem Obdachlosen, der sich kurz vorher den Fuß gebrochen hatte, zum Krankenhaus fahren. „Da ist es gut, für die Obdachlosen Zeit zu haben, mit jemandem reden und Lebensweisheiten austauschen zu können“, betont er. „Jeder, der behauptet, das hier sei eine leichte Arbeit, belügt sich selbst. Die Einrichtung leistet ihr Möglichstes.“ Die Lebensläufe der Obdachlosen seien sehr unterschiedlich.

    Kann er aber wirklich etwas für seine Schützlinge tun, ihnen tatsächlich helfen? „Meine Arbeit ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber die Bewohner sind schon für den kleinsten Gefallen unendlich dankbar“, verdeutlicht der FSJler. „Die Bedürfnisse sind hier nicht so hochgeschraubt wie sonst in der Gesellschaft.“ Marius Ziemann macht seine Arbeit im Haus der Wohnungslosen Spaß, ja er ist sogar glücklicher dadurch geworden. Es sei auch interessant, bei den Seminaren, bei denen er andere FSJler trifft, über Gott, den Sinn des Lebens und die Frage, ob etwas nach dem Tod kommt, zu diskutieren.