• aktualisiert:

    Gutes aus der Not

    Wie sieht Ihre Arbeit in Syrien aus? In erster Linie versorgen wir Flüchtlinge in Syrien. Innerhalb der Grenzen mussten um die acht Millionen Menschen ihre Häuser verlassen. Einige von ihnen mussten inzwischen sogar mehrmals fliehen.

    Nawras Sammour SJ. Foto: aho

    Wie sieht Ihre Arbeit in Syrien aus?

    In erster Linie versorgen wir Flüchtlinge in Syrien. Innerhalb der Grenzen mussten um die acht Millionen Menschen ihre Häuser verlassen. Einige von ihnen mussten inzwischen sogar mehrmals fliehen. Ich kenne eine Familie, die siebenmal weiterziehen musste. Das heißt nicht, dass die Flüchtlinge kilometerweit wandern – manchmal sind es nur 500 Meter. Trotzdem handelt es sich hier um eine Vertreibung: Menschen sind gezwungen, ihre Häuser zu verlassen.

    Wie versorgt der JRS die Flüchtlinge?

    Unser Hauptaugenmerk liegt darauf, sie materiell zu unterstützen. Wir versuchen, 10 000 Familien in Aleppo mit Nahrungsmitteln und anderen Gütern auszuhelfen. Außerdem betreiben wir eine Feldküche, die täglich 10 000 Menschen mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Zusätzlich leiten wir eine Klinik in Aleppo, wo etwa 2 000 Menschen pro Monat erste Hilfe erhalten. Wir bieten auch psycho-soziale Aktivitäten an. In Aleppo gibt es ein Besuchsteam für Familien, in Homs und Damaskus haben wir neben der Verteilung von Nahrungsmitteln auch ein Zentrum für Kinder eingerichtet, wo sie psycho-soziale Unterstützung erhalten. In Homs heißen wir dort 3 000 Kinder und in Damaskus 1 000 Kinder willkommen.

    Wie entstand das Helfernetzwerk?

    Die Krise in Syrien begann 2011, wir reagierten darauf mit unserer Arbeit Anfang 2012, als die Vertreibung der Menschen begann. Wir dachten, dass die Probleme nach einer Weile aufhören würden. Sie haben aber bis heute nicht aufgehört. Im Handeln haben wir gelernt, damit umzugehen. Wir sind gewachsen. Junge Menschen kamen und fragten: Wie können wir helfen? Ich kann mich drei Stunden täglich einbringen. Das nächste Mal brachten sie Freunde mit. Es begann mit Freiwilligen. Sie fragten nicht nach einer Vergütung. Heute sind wir gut organisiert und sehr professionell.

    Wie haben Muslime reagiert, als Christen ihnen helfen wollten?

    Wenn jemand in Not ist, fragt er nicht zweimal: Und wenn jemand da ist, der ihm helfen kann, geht er zu ihm. Aber ich weiß – und es gibt viele, die das bezeugen – dass Muslime die christliche Hilfe sehr schätzen, und dass sie es anfangs nicht erwarteten. Jetzt sind alle sehr froh darüber. Am Anfang gab es in Syrien viele Flüchtlinge aus dem Irak. Diese helfen nun den vertriebenen Syrern. Flüchtlinge helfen Flüchtlingen – es ist schön, wie viel Gutes aus Not entstehen kann.

    Vielleicht sogar die Grundlage für ein neues Zusammenleben?

    Alle, die mit uns zusammenarbeiten, ungefähr 400 Christen und Muslime aus unterschiedlichen Gemeinschaften mit unterschiedlichen Hintergründen, können als eine zukünftige Idee von Syrien betrachtet werden. Aber ob wir uns durchsetzen können? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass eine enge und friedliche Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren möglich war und auch immer sein sollte – mit diesen jungen Leuten.