• aktualisiert:

    Glosse

    Was man von Margot Käßmann lernen kann. Von Georg Blüml

    Es ist, ach, eine schwere Kunst – die Kunst des Rücktritts von Amt und Würden! Zu oft doch nagt an den bedeutsamen Entscheidungsträgern (und auch -innen) die Hybris der eigenen Unersetzlichkeit: „Wer soll's denn machen? Man ist doch alternativlos!“

    Unter den Handverlesenen, welche die hohe Kunst des Zurücktretens beherrschen, ragt eine Lichtgestalt wie keine andere hervor: Dr. Margot Käßmann. Am 24. Februar 2010, nur vier Tage. nachdem sie mit einem Alkoholpegel von 1,54 ‰ eine rote Ampel übersehen hatte, trat mit ihr erstmals eine Landesbischöfin von allen Ämtern zurück.

    Öfter schon war sie in ihrer Karriere die erste gewesen: Mit 25 Jahren wurde die streitbare Theologin als Jüngste in den Weltkirchenrat gewählt und als Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentags war die damals 36-Jährige die erste Frau in diesem Amt. Mit 41 erklomm sie gar die Spitze der Hannoverschen Landeskirche und wurde Deutschlands erste Bischöfin. Sterbebegleitung, Behindertenförderung, arm und reich, Krieg und Frieden – die prominente Protestantin widmete sich einem bunten Strauß an Themen; bedarfsweise moralisierend oder populistisch dargereicht.

    Käßmanns besonderes Steckenpferd aber blieb die Ökumene – von Papst Benedikt erwartete sie hierzu von vorneherein nichts. In Sorge um die Einheit der Christen wagte sie auch ungewöhnliche Brückenschläge. Beherzt griff sie zum Holzhammer, um die Pfeiler hierfür in den Grund zu rammen: Inmitten des Münchner Liebfrauendoms pries sie die Anti-Baby-Pille als Gottesgeschenk. In Sachen Ehe, Abtreibung und Familie gilt der geschiedenen Mutter von vier Töchtern selbst Papst Franziskus als zu engstirnig. Dass der Sekretär der evangelisch-lutherischen Kirche Russlands ihre Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden als „Krisenzeichen westlicher Gesellschaft“ kommentierte, nahm „Miss Ökumene“ mutig in Kauf.

    So kometenhaft Käßmanns theologische Karriere auch verlief, in ihrem Rücktritts-Management griff sie nach den Sternen: Umstandslos und ohne die übliche Salami-Taktik – nach welcher man scheibchenweise nur jenes eingesteht, was irreparabel nachweisbar ans Licht kam – räumte sie die polizeilich festgestellte Trunkenheit am Steuer ein.

    Es bleibt bedauerlich, dass ihr inspirierendes Beispiel bei nachfolgenden Generationen rücktrittsreifer Politiker keine sonderliche Beachtung fand. Aber Theologie und Tagespolitik bleiben nun einmal zwei völlig unterschiedliche Brotgewerbe und von der jeweils anderen Seite größtenteils unverstanden.

    Mit ihrer Methode aber bewies Margot Käßmann, dass ein Rücktritt nicht das Ende sein muss.

    Bald schon startete sie zu einer nachbischöflichen Karriere durch und entdeckte in sich weitere wahre Berufungen. Die Gottesfrau schillerte als Bestsellerautorin, Talkshowgast und -masterin sowie als gefragte Referentin über Gott, Welt und letzte Dinge: beim „Bestattungen.de-Award“ suchte sie Deutschlands schönste Urne.

    Zuletzt war Käßmann Jubiläumsbotschafterin der EKD. Als solche wurde sie nun – nach 500 Jahren Reformation – in den Ruhestand verabschiedet. Es dürfte ein unruhiger werden. Käßmanns Kompetenz: Sie kann Rücktritte. Ob man in Berlin noch eine Beraterin sucht...?

    Von Georg Blüml

    Weitere Artikel