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    Glosse: Notizen aus der Provinz

    Man muss Prioritäten setzen, auch wenn das dumme Volk das vermutlich noch nicht versteht. Von Burkhardt Gorissen

    Die Brandenburger SPD hat Juli Zeh zur Verfassungsrichterin gemacht. Zeh, für alle, die sie nicht kennen – und das kann vorkommen – ist nicht nur Juristin, sondern auch Schriftstellerin. Zwingend ist ihre Lektüre nicht, die deutsche Weltliteratur endet ohnehin bei Thomas Mann. Ihre Weltsicht hat die gebürtige Bonnerin nun in einem Interview mit der „Basler Zeitung“ kundgetan: In den Dörfern der Mark Brandenburg, so Zeh, gebe es „noch ein paar Jahrzehnte Rückstand in der Entwicklung bestimmter Werte“. Vor allem weiß sie „von Freunden aus anderen Dörfern, dass sich die Offenherzigkeit beim Äußern von Fremdenfeindlichkeit um den Faktor 10 000 multipliziert hat“. Bei soviel gellender Geistesgröße wird die Frage erlaubt sein, ob die großstädtische Ermächtigungsattitüde vor allem für Menschen gilt, die den Prenzlauer Berg für den Nabel der Welt halten, oder ob alles vor der Hate-Speech-Doktrin des linksliberalen Establishments strammzustehen hat? Nur böse Zungen behaupten, jeder Widerspruch werde damit bestraft, Juli Zehs Romane zu lesen. Allerdings, was „Die deutschen Kleinstädter“ anbelangt, bleibt August von Kotzebue nach wie vor der geeignete Stichwortgeber. Übrigens, an der Vereidigung der Verfassungsrichter im Potsdamer Landtag konnte Frau Zeh nicht teilnehmen. Es gab Wichtigeres: einen TV-Termin. Man muss schließlich Prioritäten setzen, auch wenn das dumme Volk das vermutlich noch nicht versteht.

    von Burkhardt Gorissen