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    Glaubensverkündigung oder Kommerz?

    Würzburg (DT) Im polnischen Städtchen Swiebodzin, dem früheren deutschen Schwiebus, lässt ein Pfarrer mit Unterstützung des Gemeinderates eine neue, auf dem Reißbrett geplante Pilgerstätte bauen und träumt von einem „katholischen Holyland“. Im Zentrum steht dabei eine gigantische Christusfigur, die größte ihrer Art in Europa. Die am Wochenende fertiggestellte Statue ist sogar größer als ihr Vorbild in Rio de Janeiro. Swiebodzins Christus steht auf einem 16 Meter hohen künstlichen Hügel, ist 33 Meter groß – auf seinem Kopf trägt er eine drei Meter hohe Krone. Er blickt in die Moränenlandschaft der Neumark, vor seinem Auge liegt das Schwimmbad der 21 000-Einwohner-Stadt. Wie in Rio breitet der Herrgott seine schützenden Arme über die Stadt. Für die Katholiken in Polen soll das neue Christus-Monument zum Pilgerort werden und auch international Touristen und Pilger anlocken. Der Einweihungstermin ist auf den 21. November gelegt. Ob es dabei bleibt, ist noch nicht sicher.

    Zentrum eines christlichen „Freizeitparks“: Die nun errichtete Jesusstatue im polnischen Swiebodzin ist die größte der W... Foto: dpa

    Würzburg (DT) Im polnischen Städtchen Swiebodzin, dem früheren deutschen Schwiebus, lässt ein Pfarrer mit Unterstützung des Gemeinderates eine neue, auf dem Reißbrett geplante Pilgerstätte bauen und träumt von einem „katholischen Holyland“. Im Zentrum steht dabei eine gigantische Christusfigur, die größte ihrer Art in Europa. Die am Wochenende fertiggestellte Statue ist sogar größer als ihr Vorbild in Rio de Janeiro. Swiebodzins Christus steht auf einem 16 Meter hohen künstlichen Hügel, ist 33 Meter groß – auf seinem Kopf trägt er eine drei Meter hohe Krone. Er blickt in die Moränenlandschaft der Neumark, vor seinem Auge liegt das Schwimmbad der 21 000-Einwohner-Stadt. Wie in Rio breitet der Herrgott seine schützenden Arme über die Stadt. Für die Katholiken in Polen soll das neue Christus-Monument zum Pilgerort werden und auch international Touristen und Pilger anlocken. Der Einweihungstermin ist auf den 21. November gelegt. Ob es dabei bleibt, ist noch nicht sicher.

    Vater des Projektes ist der ehemalige Gemeindepfarrer von Swiebodzin, Sylwester Zawadzki (78). Große Projekte sind für ihn nichts Neues, sie sind seine Leidenschaft. Er sagt von sich selbst „Ich habe in meinem Leben zwei Berufungen erhalten. Die eine war das Priesteramt, die andere ist das Bauwesen.“ Pfarrer Zawadzki genießt in Swiebodzin, wo fast jeder katholisch ist, großes Ansehen. Von 1994 bis 1999 hatte er das Sanktuarium „Milosierdzia Bozego“ durch Spenden und den unentgeltlichen Einsatz von Muskelkraft neu errichtet. Nachdem die Kirche fertig war und 2000 geweiht wurde, hörte Sylwester Zawadzki eine innere Stimme, die ihm den Auftrag erteilte, die Christus-Statue zu bauen, so der Geistliche. Er kaufte daraufhin fünf Hektar Wiesen am Stadtrand. Obwohl viele Bürger von Swiebodzin zunächst skeptisch diesem Projekt gegenüberstanden, war man im Rathaus von Anfang an Feuer und Flamme; man hofft dass durch dieses Denkmal die Stadt weltbekannt wird. Der Gemeinderat sorgte dafür, dass der Bau trotz fehlender Baugenehmigung für die Statue nach einem vorläufigen Baustopp weitergebaut werden konnte, weil man sich wirtschaftliche Vorteile erhoffte.

    Der Christus von Swiebodzin wird samt Hügel und Krone das Land um 50 Meter überragen. Er wiegt 440 Tonnen, besteht aus Leichtbeton und ist an einem Stahlträger montiert. Sein Materialwert liegt bei über einer Million Euro. Erbaut wurde er in einem Zeitraum von fünf Jahren von hunderten Bauarbeitern. Viele davon arbeiteten für einen kargen Monatslohn von 200 Euro. Die meisten, unter ihnen auch Sträflinge einer nahegelegenen Haftanstalt, auch nur für ein „Vergelt's Gott“. Finanziert wurde die neue Statue durch Spenden. Ein großer Teil der Finanzen kam von anonym bleibenden Sponsoren. Die Felder, die in der Nachbarschaft des Jesus-Statuen-Grundstücks liegen, befinden sich alle im Besitz von Investoren. 70 Kilometer hinter Frankfurt/Oder soll ein Wallfahrtsort eigener Art entstehen.

    Pfarrer Zawadzki selbst bezeichnet den Bau als seine „Mission“ und die Grenznähe zu Deutschland als Glücksfall, weil dadurch auch die deutschen Katholiken einen neuen Wallfahrtsort bekämen. Neben der Christusfigur soll zunächst ein Pilgerhotel mit Restaurant entstehen, später soll noch ein Kreuzweg hinzukommen, ein Holyland mit dem Palast des Herodes und Golgatha, das der Via Dolorosa in Jerusalem nachempfunden sein wird. Unter den Füßen der Statue soll eine Quelle entspringen. Der Holyland-Park „soll ein heiliger Ort werden“, so der polnische Geistliche. Die Krippe von Bethlehem, der See Genezareth, das heilige Grab, der Himmelfahrtshügel, all dies sind mögliche weitere Ideen.

    Christkönigsfest löst Wettbewerb aus

    Der polnische Christus steht aber keinesfalls alleine da. Im Jahre 1925 wurde durch Papst Pius XI. das Christkönigsfest in den katholischen Festkalender eingefügt. Unmittelbar nach der Schaffung errichteten viele katholische Gemeinden und Städte weltweit Monumente zur Verehrung von Christus König. Besonders in Lateinamerika hat seit damals ein Wettkampf um die höchste und schönste Christusfigur eingesetzt. Die weltweit wohl bekannteste und älteste Christusfigur, „Christo Redentor“, ist der segnende Christus auf dem Berg Corcovado bei Rio de Janeiro, der am 12. Oktober 1931 eingeweiht wurde. In Mexiko, Kolumbien, Peru und Kuba wurden bereits in den 1940er Jahren Christusfiguren gebaut, die in ihrer Größe nicht ganz an die Christusfigur von Rio heranreichten. Im Jahre 1949 wurde in Portugal mit dem Bau der Christusfigur Cristo-Rei (Christkönig) in der Stadt Almada im Bistum Setubal begonnen. Mit einer Gesamthöhe von 110 Metern überragt der portugiesische Christkönig seinen brasilianischen Counterpart fast um das Dreifache. Die Höhe der Christusfigur beträgt allerdings nur 28 Meter.

    1994 wurde in Bolivien das seinerzeit größte Christkönigsmonument Südamerikas eingeweiht. Mit 33 Metern war der „Cristo de la Concordia“ (Christus des Friedens) am Rande der Großstadt Cochabamba drei Meter höher als der von Rio, jeder Höhenmeter der Figur entspricht einem Lebensjahr Jesu. Der „Christus des Friedens“ ist wie der Cristo Redentor in Rio seit 2006 eine Wallfahrtsstätte. Zu seinen Füßen werden katholische Gottesdienste gefeiert.

    Auch innerhalb Brasiliens hat längst ein Wettkampf um die höchste Jesusfigur eingesetzt. An Ostern 2009 wurde in der Stadt Sertaozinho 350 Kilometer nordöstlich von Sao Paulo der neue Spitzenreiter unter den Christusfiguren Brasiliens eingeweiht. Der Sertaozinho Christus ist mit 57 Metern 19 Metern höher als der Christus von Rio. Allerdings entfallen die meisten Höhenmeter dabei auf den Betonsockel. Das Monument von Sertaozinho, das in nur wenigen Monaten Bauzeit errichtet wurde, besteht aus einem 39 Meter hohen Betonsockel, der die 18 Meter große Jesusfigur trägt.

    Der 1931 auf dem Corcovado bei Rio eingeweihte Erlöserchristus sollte nicht nur ein Symbol des Glaubens der Brasilianer sein, er sollte auch das gesellschaftliche Machtstreben der katholischen Kirche Brasiliens in der damaligen Zeit dokumentieren. Seit damals hat die katholische Kirche Brasiliens jedoch viel an Einfluss verloren, fast 30% aller Brasilianer bekennen sich heute zu einer der vielen Pfingstkirchen, die wie Pilze aus dem Boden sprießen. Das neue Wahrzeichen von Sertaozinho ist deshalb ein ökumenisches Zeichen geworden.

    Im Jahre 2007 wurde in Copova in Mexiko nach 20 Jahren Vorbereitungszeit mit dem Bau des neuen weltweit größten Jesusmonuments begonnen. Wenn der vom Vatikan anerkannte Bau fertiggestellt ist, wird die Stadt Tuxtla Gutierrez in der Unruheprovinz Chiapas mit 63,30 Metern die weltweit größte Jesusfigur beherbergen. Als einziger der bisherigen Monumentalchristusfiguren wird der neue Chiapasjesus von Mexiko ein gekreuzigter Christus, er wird auch nicht nach dem europäischen Monumentalstil der 1920er Jahre gebaut werden, sondern soll Elemente des indigenen Zoque Plastikstils in sich vereinen. Wie lange die Bauzeit an dieser mexikanischen monumentalen Christusfigur jedoch dauern wird, ist zurzeit noch nicht abzusehen.