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    Gestern Märtyrer, morgen ersetzt

    Würzburg (DT) Nach Finanz- und Kirchenkrise jetzt also auch die heile Welt des deutschen Fußballs. Nach einem harten Foul an Michael Ballack im englisch FA-Cup Finale, dem Pendant zum DFB-Pokal, fällt erstmals der Kapitän einer deutschen Nationalmannschaft kurz vor einer Weltmeisterschaft aus. Die bittere Wahrheit trifft Fußballfans und selbsternannte Experten am vergangenen Montag wie ein Schlag: Riss des Innen- und des Syndesmosebandes, Lauftraining frühestens wieder in acht Wochen.

    Würzburg (DT) Nach Finanz- und Kirchenkrise jetzt also auch die heile Welt des deutschen Fußballs. Nach einem harten Foul an Michael Ballack im englisch FA-Cup Finale, dem Pendant zum DFB-Pokal, fällt erstmals der Kapitän einer deutschen Nationalmannschaft kurz vor einer Weltmeisterschaft aus. Die bittere Wahrheit trifft Fußballfans und selbsternannte Experten am vergangenen Montag wie ein Schlag: Riss des Innen- und des Syndesmosebandes, Lauftraining frühestens wieder in acht Wochen.

    Die Medienwelt verbreitet eine beinahe apokalyptische Stimmung und bläst zum kollektiven Trauermarsch, bei dem alle Hoffnung auf eine erfolgreiche Teilnahme und einem vierten Titelgewinn bei der vom 11. Juni bis 11. Juli in Südafrika ausgetragenen WM weitestgehend beerdigt werden. Von einem Schockzustand der Nationalmannschaft, einer tiefen Betroffenheit aller Spieler und einer nun fast unmöglichen Mission der Nationalmannschaft ist die Rede.

    Trifft der Ausfall Ballacks das Team wirklich so gravierend?

    Ballack avanciert zu einem modernen Märtyrer, der nur durch ein angeblich absichtliches Foul von der Krönung seiner glanzvollen Karriere abgehalten werde. Dass der Übeltäter gerade der in Deutschland aufgewachsene Kevin-Prince Boateng ist, „Fußball-Badboy“ schlechthin und pikanterweise noch für den erweiterten WM-Kader des deutschen Gruppengegners Ghana nominiert, trägt zur medialen und kollektiven Legendenbildung um den tragischen Helden Ballack bei. Und so ergießt sich ein Strom an Mitleid auf den 33-jährigen Nationalspieler, der als „Unvollendeter“ und vom Pech begleiteter „Capitano“ in die Annalen des Fußballs einzugehen droht.

    Doch trifft der Ausfall Ballacks die Nationalmannschaft wirklich so schwer wie suggeriert? Ist Ballack unersetzlich im System des Nationaltrainers Joachim Löw? Die Antwort ist ein Ja und Nein zugleich. Es trifft zu, dass Ballack unangefochtener Kapitän in einer jungen, konsequent von Löw umgebauten Nationalmannschaft ist. Mit Kampfgeist und Torgefährlichkeit – 42 Tore in 98 Spielen – führte Ballack Deutschland immerhin ins Halbfinale der WM 2006 und ins Finale der Europameisterschaft 2008. Der Görlitzer hätte weniger erfahrenen Profis als Teamführer Selbstvertrauen einflößen können. Und er war neben Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Per Mertesacker der wichtigste Aktivposten im System Löws.

    Tatsache ist aber auch, dass Ballack beim englischen FC Chelsea keine überragende Saison hinter sich hat. Zwar feierte der Verein das Double, den Gewinn von Meisterschaft und FA-Cup – Ballack saß dabei aber öfter auf der Bank. Bleiben also Zweifel, ob Ballack wirklich in Weltklasseform ist, wie es viele deutsche Medien meinen. Und noch eines, so traurig es ist: Wäre Ballack mitten während der WM ausgefallen, wäre das für die Mannschaft gefährlicher gewesen, hätte der Bundestrainer doch kaum Zeit für taktische Umstellungen gehabt. Die aber hat er jetzt in den verbleibenden knapp vier Wochen.

    Dabei kann er sowohl auf gereifte Persönlichkeiten wie Schweinsteiger oder Lahm, als auch auf junge talentierte Spieler wie den 23-jährigen Samir Khedira bauen und die möglichen Varianten in den noch kommenden Vorbereitungsspielen gegen Ungarn am 29. Mai und gegen Bosnien-Herzigowina am 3. Juni testen. Wieso sollen es nicht auch die „jungen Wilden“ richten?

    Dass der Ausfall von Ballack bedauerlich ist und die Öffentlichkeit zuerst aufgewühlt hat, aber dennoch nicht einem Weltuntergang gleichkommt, demonstriert der Bundestrainer dann am Mittwoch: Er bezeichnet jetzt andere Spieler als Leistungsträger, funktioniert Ballack zum Ratgeber um, der junge Kicker im Team motivieren soll, mahnt eine Rückkehr zur Normalität an und beschwört die erfolgreiche WM-Teilnahme auch ohne den vom Pech Verfolgten. Und siehe da: Fußballdeutschland findet zurück in diese Normalität, spekuliert schon zwei Tage später über die neuen Kandidaten für die Kapitänsbinde – unersetzlich scheint im Fußball also niemand zu sein. Einige hoffen gar auf den Bayern-Faktor: Sieben Spieler der Münchner „mir san mir“-Truppe könnten mit einem Gewinn der Champions-League recht selbstbewusst den Kampf um den für sie dann vierten Titel angehen – die Weltmeisterschaft. Von der Tragik der Heldengestalt Ballack ist weniger und weniger zu lesen. Man richtet den Blick auf die Zukunft, will die Chancen sehen.

    Im Internet entwickelt sich eine Hetze gegen den Foulspieler

    Eine Rückkehr zur Normalität ist unterdessen für Kevin-Prince Boateng nur schwer möglich. Die erbarmungslos scheinende Maschinerie, aber auch die Emotionalität des Geschäfts Fußballs erlebt jetzt der junge Mann, der Ballack gefoult hat. Dessen Anwalt will juristische Schritte prüfen. Prominente wie Boris Becker vermuten ein absichtliches Foulspiel. Zeitungen hatten darüber spekuliert. Im Internet kursieren Verschwörungstheorien. Es findet eine Hetzjagd auf den Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers statt. Im sozialen Netzwerk Facebook formierten sich 60 000 Mitglieder in der Gruppe „82 000 000 gegen Boateng!!!!“ – binnen 24 Stunden. Bezeichnungen wie „Schwein“ oder „Penner“ sind in diesen Foren noch maßvolle Formulieren. Solche Hasstiraden müssen nicht wie 1994 enden, als ein kolumbianischer Nationalspieler ermordet wurde. Gleichwohl sprechen Soziologen jetzt mit Blick auf die Hetze gegen Boateng von einer Brutalität, die „schockierend“ sei. Auch Nationaltrainer Löw unternimmt alles, um den Halbbruder von Kevin-Prince Boateng, Jerome Boateng, der im deutschen Aufgebot steht, aus dem medialen Schussfeld zu nehmen.

    Und bei allem diesem Tamtam dürfte der Bundestrainer genau wissen, dass sein Kopf bei einem schlechten Abschneiden der Deutschen als erster rollen wird – um in der martialischen Fußballersprache zu reden. Im Vereinsfußball wie auch anderswo sind es nicht die Spieler, sondern die Trainer, die gehen. Entscheidend ist nur der Erfolg. Mit oder ohne den Märtyrer Ballack.

    Von Clemens Mann