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    Fleckvieh statt Facebook

    Wenn es Juli wird, gleiten die meisten Besucher mit der Gondel die Kampenwand hinauf – Wanderer, Touristen, Tagesausflügler. Maria Anner indes geht zu Fuß hinauf auf 1 500 Meter Höhe. Ganz bedächtig und in Begleitung. Mit 16 Kühen Marke Simmenthaler macht sie sich auf den Weg zur Michlalm – ihrem Arbeitsplatz für die nächsten drei Monate. Bis zum 29. September wird sie sich um das Fleckvieh mit den weißen Köpfen kümmern und ihre 800 Kilogramm schweren Schützlinge dann, am Tag des Almabtriebs, wieder ins Tal begleiten.

    Hoch hinaus zur Einkehr: Die meisten Besucher gleiten mit der Gondel die Kampenwand hinauf – Wanderer, Touristen, Tagesa... Foto: Beyer

    Wenn es Juli wird, gleiten die meisten Besucher mit der Gondel die Kampenwand hinauf – Wanderer, Touristen, Tagesausflügler. Maria Anner indes geht zu Fuß hinauf auf 1 500 Meter Höhe. Ganz bedächtig und in Begleitung. Mit 16 Kühen Marke Simmenthaler macht sie sich auf den Weg zur Michlalm – ihrem Arbeitsplatz für die nächsten drei Monate. Bis zum 29. September wird sie sich um das Fleckvieh mit den weißen Köpfen kümmern und ihre 800 Kilogramm schweren Schützlinge dann, am Tag des Almabtriebs, wieder ins Tal begleiten.

    Geregelt ist der Zeitraum der Bewirtschaftung von Almen seit Jahrhunderten, festgelegt in der ersten Forst- und Almordnung des Gerichtsherrn Pankraz von Freyberg zu Hohenaschau von 1558. Im Gemeindegebiet von Aschau im Chiemgau, 75 Kilometer südöstlich von München, gibt es heute noch mehr als 30 Almen. Ursprünglich waren sie dazu gedacht, den Hof im Tal zu entlasten und ihm die Haltung von mehr Vieh zu ermöglichen. Heute wird Almwirtschaft betrieben, weil die Bergwiesen und mit ihnen die jahrtausendealte Kulturlandschaft sonst binnen kurzer Zeit verwildern würden.

    Mit ihren bis zu 18 Lebensjahren sind Maria Anners vierbeinige Begleiterinnen übrigens schon ältere Damen. Im Rest des Landes wären sie schon längst im Schlachthaus gelandet – bundesweit lässt man Kühe nur fünf Jahre alt werden, weil sie dann ihre Milchquote nicht mehr erfüllen. Auf der Alm aber geht so manches anders zu. Was bei Besuchern zuweilen großes Erstaunen auslöst, wie Maria Anner weiß. „Hier kommen Kinder hoch, die haben noch nie eine Kuh gesehen“, erzählt sie. „Die sagen dann, wieso sehen die denn jetzt so aus, die Kühe im Fernsehen sind doch lila!“ Es ist auch schon vorgekommen, dass neue Erkenntnisse bei kleinen Gästen sogar Tränen auslösen. „Manche Kinder sind geschockt, wenn sie mitbekommen, dass Tiere geschlachtet werden“, ergänzt die junge Sennerin. „Die wissen gar nicht mehr, dass es einen natürlichen Kreislauf gibt. Andererseits sind Kinder sehr interessiert, man muss es ihnen eben erklären.“

    Besucher aus dem Tal nutzt Maria Anner ihrerseits als Informationsquelle. „Wenn du wissen willst, was im Dorf los ist, musst du auf den Berg gehen!“, sagt die junge Frau mit einem verschmitzten Lächeln. Seit zwölf Jahren schon lebt sie ohne Fernseher, hat mit dem Internet nicht viel am Hut, führt kein Profil bei Facebook. „Das ist mir zu blöd!“, entfährt es ihr zum Thema soziale Netzwerke. „Mich interessiert nicht, was die anderen da reinstellen, und meine Sachen gehen keinen was an. Ich bin eine Leseratte, und ein Radio habe ich auch. Aber am meisten bekommt man von den Besuchern mit.“

    Mit ihren heutigen Besuchern sitzen Maria Anner und Nachbarin Ingrid am Holztisch in der gemütlichen Almhütte und servieren den Gästen aus dem Tal die „Biomilch“ vom Morgen. Deren kräftiger Geschmack löst allgemeine Anerkennung aus. Ein großer Bollerofen in der Hütte strahlt eine wohlige Wärme aus. Im Herrgottswinkel in der Zimmerecke über der Eckbank stehen in einer kleinen Vase trockene Buchsbaumzweige von Palmsonntag. Während des Palmsonntagsgottesdienstes in der Dorfkirche wurden sie geweiht, sollen Unglück von Mensch, Tier und Alm fernhalten. Nur wenn das Vieh gesund bleibt und auch in der Bauersfamilie kein Todesfall zu beklagen ist, wird der Almabtrieb zum Zeichen der Dankbarkeit gefeiert, ziehen die Kühe geschmückt mit Tannenzweigen und Kreppblumen im Haar ins Tal hinab. Anders als in vielen alpinen Regionen wird der Abtrieb hier im Chiemgau jedoch nicht touristisch vermarktet. „Für mich ist das der einzige Tag, der nur mir gehört“, sagt Sennerin Ingrid, während sie gemeinsam mit Maria emsig Blumen aus Krepppapier bastelt. Viele verstünden das nicht, fügt sie hinzu, doch es sei eben so. „Das ist ein total emotionaler Tag, da steht man auch schon mal vor dem Stall und weint: Die Saison ist vorbei!“ Immer mehr bunte Papierblüten landen derweil in einem Pappkarton neben dem Holztisch. „Schon als ganz kleines Mädchen habe ich geholfen, Blumen für den Almabtrieb zu basteln“, sagt Maria Anner, die nach ihrem Hauswirtschaftsstudium eine Ausbildung als Betriebshelferin absolviert hat. Plötzlich flackert das Licht in der rustikalen Holzhütte. „Das liegt an der Seilbahn“, erklärt Maria Anner, als ihre Besucher sorgenvoll zur Glühbirne aufschauen. „Je nach Betrieb flackert die Lampe halt.“ Für Maria Alltag. Alltag, den sie im Sommer monatelang allein auf der Alm verbringt. Kein Job für Langschläfer. Früh am Morgen schon wollen die Kühe gemolken werden, dann geht es ab mit ihnen auf die Weide. Noch vor dem Frühstück muss die frische Milch gebuttert werden. Mit einer museumsreifen Zentrifuge trennt Maria Anner wie vor hundert Jahren die Magermilch von der Sahne. Aus der Sahne produziert sie im hölzernen Butterfass, das zum Glück mit einem Elektromotor angetrieben wird, die leckere Butter. Nach einer kurzen Kräftigung geht es weiter mit Stallausmisten, Fegen, Zentrifugesäubern und Wiesenabstecken. Nachmittags geht Maria auf die höheren Almwiesen zum sogenannten Schwenden. Dabei befreit sie das Weideland vom Bewuchs, reißt sie kleine Bäumchen und Sträucher aus und erhält so die Kräuterwiese für ihre Kühe. Ihre Kühe? Ihre Kühe. „Die erkennen sich gegenseitig am Klang der Glocken und kennen natürlich auch ihre Sennerin. Nur mir folgen sie am Abend in den Stall“, sagt Maria Anner. Und was ist nach Einbruch der Dunkelheit? Fühlt sich die junge Frau dann nicht einsam, hat sie keine Angst, so ganz allein in ihrer Hütte? Maria Anner schüttelt den Kopf. „Wir hier oben halten zusammen und besuchen uns gegenseitig, wenn die Arbeit es zulässt“, berichtet sie. „Und ich glaube, in der Stadt ist die Gefahr durch Wahnsinnige größer“, fügt die 21-Jährige entschieden hinzu.

    Auf dem Weg zurück zur Seilbahn ist von ihren Kühen keine Spur zu sehen. Durch den dicken Nebel, der sich wie ein weißer Mantel auf die Almen gelegt hat, verrät nur das gedämpfte Läuten der Glocken ihre Anwesenheit.