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    Eine zierliche Frau, ein großes Herz

    Santiago de Chile (DT) Wenn Karoline Mayer durch Recoleta geht, ein Elendsviertel im Norden von Santiago de Chile, öffnen sich viele Türen, und die Leute laden sie ins Innere ihrer Behausungen ein. „Hermana Carolina“ – wie Schwester Karoline auf Spanisch genannt wird – ist vielen bekannt. Seit 1968 lebt die Nonne aus dem bayerischen Eichstätt in Chile. Seit 1971 unterstützt sie die Bewohner von Recoleta, die täglich ums Überleben kämpfen. Ihr wohl wichtigstes Projekt ist die ökumenische Stiftung „Cristo vive“, Christus lebt. Schwester Karoline gründete sie 1990, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur. Zu der Stiftung gehören Kindertagesstätten und Berufsbildungszentren, Polikliniken, ein Tageszentrum für Drogenkranke und, eine Seltenheit in Chile, eine Werkstatt für Behinderte.

    Santiago de Chile (DT) Wenn Karoline Mayer durch Recoleta geht, ein Elendsviertel im Norden von Santiago de Chile, öffnen sich viele Türen, und die Leute laden sie ins Innere ihrer Behausungen ein. „Hermana Carolina“ – wie Schwester Karoline auf Spanisch genannt wird – ist vielen bekannt. Seit 1968 lebt die Nonne aus dem bayerischen Eichstätt in Chile. Seit 1971 unterstützt sie die Bewohner von Recoleta, die täglich ums Überleben kämpfen. Ihr wohl wichtigstes Projekt ist die ökumenische Stiftung „Cristo vive“, Christus lebt. Schwester Karoline gründete sie 1990, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur. Zu der Stiftung gehören Kindertagesstätten und Berufsbildungszentren, Polikliniken, ein Tageszentrum für Drogenkranke und, eine Seltenheit in Chile, eine Werkstatt für Behinderte.

    Überall werden Menschen aus der Unterschicht kostenlos betreut. Über sich und ihre Mitarbeiter sagt Schwester Karoline: „Wir kommen nicht, um in Recoleta zu herrschen, um irgendetwas für uns aufzubauen, sondern um mit den Menschen Dinge zu tun, bei denen sie selbst teilnehmen können, bei denen sie ihr Leben in die Hand nehmen und auf ihre eigenen Füße kommen.“

    Schwester Karoline ist eine zierliche Frau mit weißen Haaren und lebhaften blauen Augen. Wenn sie ihre kräftige Stimme erhebt, ahnt man, welche Energie in ihr steckt. Die braucht sie, um immer aufs Neue in Recoleta zu bestehen. Vor der majestätischen Kulisse der Anden, die sich unweit der chilenischen Hauptstadt erheben, haben die Menschen mit einfachsten Mitteln Hütten und Häuschen gebaut. Im Sommer knallt die Sonne unbarmherzig auf staubige Straßen, breitet sich Ungeziefer aus. Im Winter ist es matschig und kalt. Es gab Zeiten, da weigerten sich die Taxifahrer, jemanden nach Recoleta zu fahren. Gewalt herrschte, Drogensüchtige begingen Überfälle, um die nächste Dosis zu bezahlen. Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt – auch dank der Stiftung „Cristo vive“. Doch noch immer leben bis zu zwanzig Menschen in mancher Hütte, die kaum größer ist als fünfzig Quadratmeter.

    Oft arbeitet in einer Großfamilie nur eine einzige Person: die Mama. Ihre Jüngsten kann sie in den Kindergarten „Naciente“ bringen, der zur Stiftung gehört. In dem gelb, rot und blau angestrichenen Gebäude spielen Zwei- bis Fünfjährige. „Naciente“ bedeutet Geburt. „Wir nehmen die Ärmsten der Armen auf“, sagt die Chilenin Aurelia Arredondo, die den Kindergarten leitet. „Es ist wichtig, dass es eine kirchliche Einrichtung ist, denn die Art zu arbeiten, unterscheidet sich von anderen.“ Das Verhältnis der Mitarbeiter untereinander und gegenüber den Kindern sei von Geduld und Respekt geprägt.

    Doch anfangs begegneten die Menschen in Recoleta der Nonne aus Deutschland und ihren Helfern mit Misstrauen. „Die Kirche war für sie damals eine mächtige Institution, mit der sie nicht viel zu tun haben wollten“, erinnert sich Schwester Karoline an die frühen Siebziger. Sie zog in eine kleine Holzhütte mitten in Recoleta. Die Holzpritsche, auf der sie nachts schlief, wurde tagsüber zum Behandlungstisch, auf dem die gelernte Krankenschwester ihre Patienten behandelte. Bei den Bewohnern von Recoleta erkämpfte sie sich Respekt, erst recht, als sie nach dem Militärputsch von 1973 im Land blieb, um den Armen beizustehen. „Es war der ganze Sinn meines Lebens, unter den Menschen dort zu sein“, sagt sie. „Ich wollte ihnen nahebringen, was unser Glaube ist, dass nämlich Gott Mensch geworden ist unter den Armen.“

    Schwester Karoline lebt heute in der Arbeitersiedlung Quinta Bella, die zu Recoleta gehört. Gegenwärtig setzt sie sich vor allem dafür ein, dass das chilenische Erziehungsministerium Berufsabschlüsse grundsätzlich zertifiziert und Geld für die Ausbildung zahlt. Ihre Kontakte in der Politik helfen ihr dabei. „Beruf ist in Chile eigentlich nur etwas für Akademiker“, sagt sie. Eine Lehre – wie in Deutschland – gebe es nicht. „Handwerkliche, körperliche Arbeit wird als etwas Minderwertiges angesehen.“ Unter dem Dach der Stiftung „Cristo vive“ wurden seit 1992 rund 11 000 junge Menschen ausgebildet – im Handwerk, zu Krankenpflegern, Servicekräften in der Gastronomie. Das staatliche Bildungssystem, das während der Diktatur zusammengekürzt wurde, hatte ihnen kaum eine Chance gewährt. Viele brachen die Schule ab, lebten auf der Straße. Das Berufsbildungszentrum nahm sie trotzdem auf. Seine Abschlüsse werden von den Arbeitgebern geschätzt. „Gut ausgebildete Handwerker werden in Chile gesucht“, sagt Schwester Karoline. „Der Verdienst ist enorm gestiegen. Manche bekommen sogar mehr als Akademiker.“

    Von Josefine Janert