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    Rio de Janeiro

    Eine kolonistische Altlast

    Ungleiche Chancen: In Brasilien bestimmt weiter der „Colorismo“ das gesellschaftliche Leben.

    Über die Hälfte der Bevölkerung in Brasilien hat – wie Vanessa Ferreira da Silva – afrobrasilianische Wurzeln. ... Foto: Foto:

    In Brasilien gibt es kaum Rassismus“, verkündete der Staatspräsident Jair Bolsonaro am 8. Mai dieses Jahres im Programm „Luciana By Night“ auf Rede TV dem staunenden Fernsehpublikum. Aber in seinem Kabinett ist unter den 22 Ministern nicht ein einziger Schwarzer auszumachen. Obwohl die Nachfahren über Jahrhunderte versklavter Afrikaner heute mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

    Die Moderatorin der Sendung – live aus dem Palácio do Jaburu in Brasília – beeilte sich aber, dem Interview-Gast beizupflichten. Sie, das Ex-Model Luciana Gimenez, weiß, dass es sich lohnt, sich mit berühmten Leuten gut zu stellen. Das gelang ihr zu Karrierebeginn mit dem Rolling Stones-Sänger Mike Jagger so gut, dass daraus Baby Lucas resultierte – und das Ehe-Aus des Sängers mit Jerry Hall. Lucianas spätere Heirat mit einem TV-Boss von Rede TV verschaffte ihr den Job als Moderatorin in der Sendung mit prominenten Gästen.

    Menschen mit dunkler Hautfarbe oft als Kriminelle stigmatisiert

    Menschen mit dunkler Hautfarbe erleben eine andere Realität bezüglich Rassismus: Speziell Favela-Bewohner werden aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft oft als Kriminelle stigmatisiert. Sie leben mit einem bis zu vierfach höheren Risiko als Weiße, bei Konflikten durch Schusswaffen getötet zu werden – oftmals von der Polizei.

    Der rechtspopulistische Präsident strebt eine Klassengesellschaft an. Rassismus ist zwar seit dreißig Jahren auch in seinem Land eine Straftat: Wer eine Person oder eine Gruppe aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit, Rasse oder Hautfarbe physisch oder verbal attackiert oder ihr den Zugang zu Versorgung oder Hilfeleistung verweigert, kann nach dem Paragraphen 7716-89 des Strafgesetzbuches verurteilt werden. So laviert Bolsonaro – ähnlich wie es auch der aktuelle Präsident der USA zu tun pflegt – ständig zwischen herabwürdigenden Attacken gegen Farbige und Arme – und anschließenden halbherzigen Relativierungen.

    Die Eroberer kamen mit der Überzeugung, die bessere Rasse zu sein

    Brasilien trägt immer noch die Altlasten des Kolonialismus. Die weißen Eroberer kamen mit der Überzeugung, die bessere Rasse zu sein, als die Indigenen und Dunkelhäutigen, die ihnen zu dienen hätten. Brasilien war das letzte Land des Erdballs, das im Jahre 1888 schlussendlich die Sklaverei abschaffte. Teile der Sklavenhaltermentalität leben aber weiter. Brasilien ist in vielem ein Land vor der Aufklärung, voller ungeklärter Beziehungen zwischen den Gesellschaftsschichten. Weder der Aufstieg der Arbeiterpartei noch der Niedergang der Demokratie in den vergangenen Jahrzehnten haben grundlegend etwas an den Strukturen von zu Zeiten der „Coronéis“ – der absolutistisch herrschenden Grundherren, geändert.

    Laut einer Umfrage der IBGE sehen sich in dem südamerikanischen Land 44, 2 Prozent der über 200 Millionen Brasilianer als Weiße. Schwarze machen 8, 2 Prozent der Bevölkerung aus. Somit machen „Pardo“ (in der brasilianischen Statistiker-Sprache „Braune“) 52, 4 Prozent der Einwohner aus. Rein arithmetisch zeigt sich hier, dass bei der Stichwahl um das Präsidentenamt im Oktober letzten Jahres auch Menschen von brauner Hautfarbe dem ehemaligen Fallschirmspringer, der großmäulig das Blaue vom Himmel herunter versprach, geglaubt haben müssen – und für ihn stimmten. Nun, nach einem halben Jahr Regierungszeit, stellen sie fest, dass sich keine Verbesserungen abzeichnen. „Der Rassismus kam ganz direkt durch die Stimmen der Menschen an die Macht, er wurde demokratisch gewählt. Und das ist für mich sehr schwierig zu verstehen“, sagt der Journalist und Autor Luiz Ruffato, einer der bekanntesten Autoren Brasiliens. Und sein Schriftstellerkollege Sérgio Guimaraes, der vor zwanzig Jahren noch gemeint hatte, dass die im Lande noch zu beobachtende Rassen-Hierarchie lediglich ein aussterbender Überrest der einstmaligen Sklavenhaltergesellschaft sei, muss einsehen, dass er sich getäuscht hat.

    Colorismo als täglicher Begleiter

    Vanessa Ferreira da Silva, 20, aus Campina Grande, ist eine hellhäutige schwarze Frau. Obwohl sie gegen gewisse Vorurteile und Benachteiligungen anzutreten hat, weiß sie, dass sie in allen Lebensbereichen weniger Schwierigkeiten hat als Menschen mit dunklerer Hautfarbe. In der (fast) weißen Umgebung ihres Colleges ist sie bestens integriert.

    Aber der Colorismo ist ihr täglicher Begleiter. Der Begriff des Kolorismus wurde von der US-amerikanischen Schriftstellerin Alice Walker („Die Farbe Lila“) in den 1980er Jahren in die Diskussion gebracht. Es geht da um eine sublime Form des Rassismus: Um das Abstufen der Hautschattierungen. Und dieses ist in Brasilien immer mehr verbreitet. „Es ist eine Hierarchie von Hautfarben – und möglichst nur abgeschwächt afrikanisch geprägte Gesichtszüge sind von Vorteil“, erklärt der Anthropologe Hélio Menezes, ein Forscher, der an der Universität von Sao Paulo solche soziale Differenzierungsmerkmale erforscht. „Je klarer die Haut ist, desto näher kommt die Person dem weißen Schönheitsideal. Und desto eher wird sie Zugang zu bestimmten Bereichen der Gesellschaft haben. Sie hat Vorteile bei der Job- und Wohnungssuche, gilt als Kredit-würdiger. Die Tönung der Haut hat Auswirkungen auf die Bildungschancen, auf das Einkommen der Menschen – und sogar auf die Gesundheit.“ Wenn in einer Stellenausschreibung „Boa Aparencia“ – also „angenehme Erscheinung“ – gefordert ist, dann braucht sich ein Schwarzer gar nicht erst zu bewerben. „Pardo“, = „Braune“, haben je nach Hauttönung unterschiedliche Chancen. Sehr dunkelbraun heißt wenig Aussichten; nur leicht getönter Teint und wenig negroide Merkmale beschreibt ein angesagtes Äußeres. Es ist die genetische Basis für einen lohnenden Job – oder sogar für ein Erscheinen auf der Titelseite eines Hochglanz-Magazins.

    Eine kürzlich durchgeführte Studie zeigte, dass bei Bewerbungen von Mathematik-Lehrern die helleren Kandidaten von den Entscheidungsträgern generell als „kompetenter“ eingestuft wurden. Und sogar Auswirkungen auf das Lohngefälle konnten nachgewiesen werden.

    Die Kosmetik-Industrie will daran mitverdienen

    Die Kosmetik-Industrie zieht Vorteile aus der Situation, indem sie mit aufhellenden Cremes und der Glättung von Afrokrausen im Haar arbeitet. Vanessa scherzt: „Ich bin zum Glück heller als Packpapier!“ Dieser Abgleich-Test sei schon zu Sklavenzeiten gemacht worden – sei eine Chance gewesen für eine junge Farbige, im Haus zu arbeiten und nicht mehr auf der Plantage.

    „Gibt es nicht auch Bereiche in der brasilianischen Gesellschaft, wo der Colorismo keine Rolle spielt?“ wollen wir von Vanessa wissen – und denken an die Hierarchien in der Kirche. „Hm, nur wenn du ein begnadeter Sänger oder Musiker bist“, lacht die Studentin, „oder Fußballer!“

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