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    Drogenfrei bis 2015?

    Der gestern von den Vereinten Nationen in Wien vorgestellte Weltdrogenbericht 2013 offenbart: Die Zunahme psychoaktiver Drogen, sogenannter Designerdrogen oder „Legal Highs“, wird zur immer größeren Herausforderung. Die Zahl der chemischen Drogen ist weltweit von 166 im Jahr 2009 auf 251 bis Mitte 2012 gestiegen. International kontrolliert und verboten sind 234 Drogen. Im Jahr 2011 starben rund 211 000 Menschen wegen ihres Drogenkonsums. In Kambodscha kämpft die Regierung des Landes seit einigen Jahren umfassender gegen Drogenproduktion und -handel.

    Um ihre Position gegen Drogenhandel zu unterstreichen, ließ die Regierung von Kambodscha öffentlich Drogen verbrennen. Foto: dpa

    Der gestern von den Vereinten Nationen in Wien vorgestellte Weltdrogenbericht 2013 offenbart: Die Zunahme psychoaktiver Drogen, sogenannter Designerdrogen oder „Legal Highs“, wird zur immer größeren Herausforderung. Die Zahl der chemischen Drogen ist weltweit von 166 im Jahr 2009 auf 251 bis Mitte 2012 gestiegen. International kontrolliert und verboten sind 234 Drogen. Im Jahr 2011 starben rund 211 000 Menschen wegen ihres Drogenkonsums. In Kambodscha kämpft die Regierung des Landes seit einigen Jahren umfassender gegen Drogenproduktion und -handel.

    Neben HIV/Aids und nahezu flächendeckender Armut hat Kambodscha mit dem Drogenproblem zu kämpfen. Wie beurteilen Sie die jüngste Entwicklung? Sind eher Erfolge oder Rückschläge zu verzeichnen?

    Wir haben immer noch keine genauen Schätzungen zur Zahl der Drogenabhängigen in Kambodscha – müssen aber davon ausgehen, dass deren Zahl noch im Steigen begriffen ist. Die offizielle Zahl von rund 6 000 Drogenkonsumenten sollte man meiner Erfahrung nach mindestens mit Zehn multiplizieren. Dennoch ist deutlich Bewegung in die Drogenarbeit gekommen. Es gibt inzwischen elf staatliche Zentren in sieben der 24 Provinzen, geführt vom Sozialministerium, Stadtverwaltung Phnom Penh, Militär, Militärpolizei und Polizei. Hinzu kommen einige Therapiezentren, die von nichtstaatlichen Organisationen oder privat geführt werden. Am 1. April 2009 war erstmals ein Drogenlabor in Kambodscha ausgehoben worden. Man fand tonnenweise Chemikalien zur Herstellung von kristallinem Methamphetamin, bekannt als Ice. Wir sehen dies als ein deutliches Zeichen für bessere Regierungsführung im Drogenbereich.

    Welche Drogen werden in Kambodscha genommen, und wie hoch ist der Anteil jugendlicher Konsumenten?

    Die mit Abstand beliebteste Droge ist Methamphetamin, zunächst in Tablettenform, bekannt als Yama oder Yaba. Beide Namen stammen aus Thailand, von wo aus die Droge ursprünglich ins Land geschmuggelt wurde. Yamá bedeutet „Pferdepille“ und war schon lange vor der Drogenwelle ab 1996 beliebt unter thailändischen Lastkraftwagenfahrern. Die Thairegierung änderte den Namen um in Yabá, das heißt „Droge, die verrückt macht“. Seit mehreren Jahren beherrscht kristallines Methamphetamin in Kambodscha den Drogenmarkt, der Name „Ice“ wurde ins Khmer übersetzt, und die Droge ist nun bekannt als „Ma-toeuk-kok“. Yaba wird in der Regel in Wasserpfeifen geraucht. Ice, das traditionell vor allem in Japan, Taiwan und auf den Philippinen konsumiert wird, ist wesentlich reiner, bis über 90 Prozent, während Yabá in Pillenform meist nicht einmal 30 Prozent Methamphetamin enthält: der Hauptbestandteil dort ist Koffein. Ice könnte auch gespritzt werden, wodurch sich bei gemeinsamem Spritzengebrauch die Gefahr der Ansteckung mit HIV drastisch erhöht. Heroin folgt mit weitem Abstand; wir nehmen an, dass weniger als zehn Prozent der Drogenabhängigen diese Droge konsumieren. Neuerdings wird – wie schon vor vielen Jahren – erneut klebriges schwarzes Opium in Phnom Penh angeboten. Legal erhältliche Kleber und Lösungsmittel sind nach wie vor unter Straßenkindern und Jugendlichen beliebt. Wenn Yaba zu teuer wird, kehren viele zurück zu Klebern oder Alkohol, zumal örtlich hergestellter Reis-schnaps sehr billig ist. Cannabis wächst zwar wild im Land, wurde und wird traditionell aber nur als Gewürz in Suppen verwendet, wie übrigens auch im benachbarten Laos. In dieser Form wird der Konsum von Cannabis nach wie vor auch legal toleriert. Rauchen von Cannabis hingegen war nie stark verbreitet; nicht wenige Rucksacktouristen sind aber gerade darauf aus. Bis 1998 war Cannabis legal und sehr preiswert auf den Märkten erhältlich.

    Wo kommen die Drogen her, und werden sie auch in Kambodscha hergestellt?

    Wie ich erwähnt hatte, stammte Yaba ursprünglich aus Thailand. Herkunftsland war und ist jedoch Myanmar, früher bekannt als Burma. Als Folge des Krieges gegen Drogen unter der Thaksin-Regierung in Thailand im Jahre 2003 änderte sich die Schmuggelroute. Heute kommt nach offizieller internationaler Auffassung Yaba und Heroin entlang des Mekong von Myanmar durch Laos nach Kambodscha. Heroin wird jedoch weitergeschmuggelt, hauptsächlich nach Vietnam und Australien zu den lukrativeren Märkten. Wir sind immer davon ausgegangen, dass Drogen auch in Kambodscha selbst hergestellt werden. Bekannt ist, dass Teile des Militärs darin verwickelt sind, auch Geschäftsleute und wohl auch kriminelle Organisationen. Mit der erwähnten Aushebung des Labors in Kampong Speu, etwa 50 Kilometer von Phnom Penh entfernt, ist nun der Beweis erbracht worden. Aber auch in der Provinz Battambang sind Orte bekannt, wo Drogen produziert wurden. Die involvierten Militärs genießen jedoch noch Protektion von oben. Das Militär, das sich aus regierungs- und oppositionstreuen Truppenteilen und Resten der ehemaligen Roten Khmer zusammensetzt, hat seit langem die Freiheit, sich das benötigte Budget größtenteils selbst zu beschaffen. Auch illegaler Holzschlag und die Besetzung riesiger Landflächen, die gewinnbringend versilbert werden können, gehören dazu.

    Wo setzen Hilfsorganisationen, wie zum Beispiel „Mith Samlanh“, bei der Bekämpfung des Drogenkonsums an?

    Die Organisation „Mith Samlanh“, der Name bedeutet „Freunde“, kümmert sich in erster Linie um Straßenkinder und Jugendliche. Da viele unter ihnen jedoch Drogen nehmen, hat „Mith Samlanh“ ein komplettes System aufgebaut, mit diesem Problem umzugehen: Es gibt einen Bus, der an die Brennpunkte fährt und dort Kontakt zu den Konsumenten vor Ort aufnimmt. Es gibt eine Anlaufstelle für Beratung, Betreuung und Austausch von Spritzen, eine Schlafstelle für Straßenkinder, ein kleines Therapiezentrum für Entgiftung und Kurzzeittherapie. Die größte Leistung wird meiner Meinung nach jedoch durch Schulunterricht und handwerkliche Ausbildung in neun Berufen erbracht. Das Interesse an Drogenarbeit wächst deutlich. Eine große Zahl von Organisationen, die sich bisher nur um das Aids-Problem kümmerten, hat inzwischen Drogenarbeit mit auf ihre Agenda gesetzt. Auch entstehen immer mehr Therapiezentren. Ich hatte einen von mir organisierten sechswöchigen Trainingskurs in ambulanter und stationärer Therapie abgeschlossen, mit 94 Absolventen aus zwölf Provinzen von staatlichen und insgesamt 26 nichtstaatlichen Organisationen. Damit war eine sehr gute Basis geschaffen, dass sich die Qualität von Therapie, die bisher einseitig auf militärischen Drill und Gymnastik ausgerichtet war, deutlich erhöhen kann. Das gegenwärtig laufende Programm des UNODC, dem Büro der Vereinten Nationen gegen Drogen und Verbrechensbekämpfung, wird die Kapazität weiter verbessern. Für rund 200 Heroinabhängige besteht nun die Möglichkeit, sich mit Methadon unter Leitung des Gesundheitsministeriums substituieren zu lassen. Überhaupt soll das Ministerium in Therapiefragen generell das Sagen haben und nicht meine frühere Behörde. Allerdings fehlt es noch an geschultem Personal, Servicebereitschaft und anderem mehr.

    Haben die örtlichen Behörden das Problem ausreichend erkannt, und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

    Die Antidrogen-Behörde, für die ich arbeitete, hat in den letzten Jahren deutlich an Kapazität gewonnen. Die Regierung hat ja mit ganz anderen Problemen wie weit verbreiteter Armut und Verbesserung der Infrastruktur zu kämpfen. Aber das Drogenproblem hat inzwischen die notwendige Aufmerksamkeit bekommen. „Meine“ Behörde, dazu die Antidrogen-Polizei, das Büro der Vereinten Nationen gegen Drogen und Verbrechen, die Weltgesundheitsorganisation und viele andere arbeiten nach wie vor an einer landesweiten Strategie zur Reduzierung des Drogenproblems, die auf Gemeindeebene ansetzt. Aber es gibt immer wieder Rückschläge. So führte ein härteres Durchgreifen dazu, dass die Drogenabhängigen untertauchten und nun nicht mehr so leicht kontaktiert werden konnten. Bis zum Jahr 2015 wollten die Asienstaaten eigentlich drogenfrei sein. Aber Korruption in Verbindung mit lächerlichen Monatsgehältern von nicht einmal 20 Euro und schlecht geschultem Personal bei der Polizei, ein aus ähnlichen Gründen korruptes und von der Regierungspartei abhängiges Justizsystem, Armut und vieles andere behindern eine erfolgreiche Strafverfolgung und Unterdrückung des Drogenhandels und der Produktion.