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    Die Leiden der Kellner und Zimmermädchen

    Berlin (DT) Kann das Zimmermädchen von ihrem Gehalt ausreichend Essen für ihre Familie kaufen? Ist der Kellner im Hotel krankenversichert? Und wann hatte der Reiseführer seinen letzten freien Tag? Zwar fahren jedes Jahr Millionen Deutsche in den Urlaub, wurden immer entferntere, exotische Destinationen populär. Doch nur eine Minderheit der Reisenden hat sich bislang mit den Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in den Reiseländern beschäftigt.

    Ihre Arbeit wird leider allzuoft in der Tourismusbranche unter den Scheffel gestellt: das Servicepersonal. Foto: dpa

    Berlin (DT) Kann das Zimmermädchen von ihrem Gehalt ausreichend Essen für ihre Familie kaufen? Ist der Kellner im Hotel krankenversichert? Und wann hatte der Reiseführer seinen letzten freien Tag? Zwar fahren jedes Jahr Millionen Deutsche in den Urlaub, wurden immer entferntere, exotische Destinationen populär. Doch nur eine Minderheit der Reisenden hat sich bislang mit den Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in den Reiseländern beschäftigt.

    Auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin setzte sich ein Kirchenforum mit dem Thema „Urlaub auf Kosten anderer?“ auseinander. Es wurde organisiert von der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Freizeit und Tourismus (KAFT) und dem Netzwerk „Kirche in Freizeit und Tourismus“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Fazit der Diskussion: Die deutschen Viel-Verreiser müssen häufiger darüber nachdenken, was in den wunderschönen Erholungsorten hinter den Kulissen geschieht. Und auch von den Reiseveranstaltern fordern, dass sie gewisse Standards einhalten.

    Die beliebtesten Urlaubsmonate sind Juni bis Oktober. Das verwundert nicht – und auch nicht, dass die Anbieter in ihren Prospekten gern mit freundlichen Gesichtern, Lokalkolorit und Servicebereitschaft rund um die Uhr werben. Dahinter verbirgt sich jedoch zumeist Knochenarbeit und wenig soziale Sicherheit. Das berichtete der österreichische Gewerkschafter Robert Maggale. Als gelernter Koch in einem Urlaubsgebiet hatte er eine 50-Stunden-Woche, die von montags bis sonntags dauerte. Schon nach der Lehre habe er gewusst, „dass das kein Beruf ist, in dem ich bleiben kann, weil er mich körperlich und psychisch mitnimmt“. Vielen Mitarbeitern würde es so ergehen, meinte Maggale.

    Jobs im Tourismus faszinieren offenbar besonders junge Menschen. Der Mediziner Andreas Hillert zählte Gründe dafür auf: Man sieht etwas von der Welt, arbeitet oft in einem chicen Ambiente, trifft viele Menschen, hat freie Kost und Logis und eine Beschäftigung, die einen fordert. Doch Hillert, Chefarzt an einer psychosomatischen Klinik, kennt auch die Kehrseite. Wer so viel unterwegs ist, kann sich heimatlos fühlen, seine Wurzeln verlieren. Er kennt niemanden richtig, verliert sich in Identitätsproblemen. Hillert behandelt in seiner Klinik am Chiemsee oft Menschen, die sich ausgebrannt fühlen. Beschäftigte der Touristikbranche würden sich allerdings kaum bei ihm melden, erzählte er. Grund: Für so eine Behandlung brauche man Zeit und Geld. Und in der Reisebranche sind unsichere Beschäftigungsverhältnisse üblich.

    Wenn Beschäftigte im Tourismus denn doch zu Professor Hillert kommen, dann leiden sie etwa unter Essstörungen: In der Branche sind schlanke, gut aussehende Mitarbeiter gefragt, und es bleibt oft kaum Zeit, eine ausgewogene, gesunde Mahlzeit zuzubereiten und zu essen. Viele leiden unter dem, was Hillert eine„Gratifikationskrise“ nennt: hoher Einsatz, geringe Entlohnung, geringe Wertschätzung. Mancher stellt mit 35 Jahren fest, dass er zwar die vergangenen Jahre an einem tollen Ort gelebt hat. Aber er hat das Studium oder den Beruf aufgegeben, hat daheim kein Netzwerk, das ihn bei einem Neuanfang stützt.

    Als einziger Vertreter eines Touristikunternehmens hatte sich Andreas Müseler aufs Podium gewagt, Umweltbeauftragter der REWE-Gruppe, die auch Reisen anbietet. „Dass die Arbeitsbedingungen fair sind, liegt im Interesse aller“, sagte er. „Kein Unternehmen will einen hohen Krankenstand und eine hohe Fluktuation.“ Müseler kritisierte, dass viele Bewerber falsche Vorstellungen von der Branche hätten. Sie glaubten, dass ein Job im Tourismus mit ständigem Herumreisen, Multikulti-Ambiente und Kontakten um den halben Globus verbunden seien. „Doch unsere Verwaltung ist ein nüchterner Bürobetrieb.“

    Sowohl Andreas Hillert als auch der Tourismuskritiker Heinz Fuchs von Tourism-Watch, dem „Informationsdienst Dritte Welt-Tourismus“ des Evangelischen Entwicklungsdienstes, forderten mehr Statistiken über die Angestellten in der Reisebranche. Was verdienen sie – weltweit? Wie ist ihr Gesundheitszustand? Die wenigen Statistiken, die es gebe, zeichneten ein düsteres Bild. Laut einer Schweizer Erhebung etwa verdienten dort Frauen in der Branche 20 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. In vielen anderen Staaten hätten Angestellte erst gar keinen Arbeitsvertrag, würden wegen ihrer ethnischen Herkunft diskriminiert und nur geringfügig entlohnt.

    Dass die Touristikbranche für Naturkatastrophen und politische Unruhen anfällig ist wie nur wenige andere, zeigt gerade Nordafrika. Reisen nach Ägypten und Tunesien sind für wenige Euro zu haben. Dadurch entstehe Druck auf die Veranstalter, die Preise für ähnliche Destinationen wie etwa die Dominikanische Republik ebenfalls zu senken, sagte der Tourismuskritiker Fuchs. „Das geschieht auf Kosten der Beschäftigten.“ Nicht immer verdienen sie schlecht. Doch wenn ein Hochschullehrer in Marokko als Reiseleiter zwei- bis dreimal so viel bekommt als wenn er seine Studenten betreut, dann hat das negative Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft.

    Die Menschen in ihrem Reiseland in Not stürzen – das wollen die meisten Reisenden sicher nicht. Was können sie also tun? Zwar gibt es schon Siegel für nachhaltigen Tourismus, die auch die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten berücksichtigen. Doch es sind so viele und ihre Bedingungen sind so uneinheitlich, dass der Laie viele Stunden bräuchte, um sich einzuarbeiten und den „richtigen“ Urlaub zu buchen. Professor Christian Spieß vom Berliner Institut für christliche Ethik und Politik forderte von den Unternehmen mehr Informationen über die Arbeits- und Lebensbedingungen ihrer Beschäftigten.

    Auch der einzelne Tourist vor Ort kann sie verlangen, kann sich erkundigen, wer denn das leckere Menü zubereitet und das Hotelzimmer geputzt hat. „Die einzige Wertschätzung, die ich als Koch erhalten habe, waren die Touristen, die sagten, dass es ihnen geschmeckt hat“, erinnerte sich der Gewerkschafter Robert Maggale.

    www.tourism-watch.de