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    Die Anwältin der toten Frauen

    Sie kommt aus Cuidad Juárez, einer Stadt im Norden Mexikos, an der Grenze zur USA, die als einer der gefährlichsten Orte der Welt gilt. Sie widmet sich der Aufklärung von Morden an Frauen. Ein Leben voller Gefahren, denn allzu oft werden Bürgerrechtler in Mexiko selbst zu Zielscheiben von Gewalt. Und trotzdem ist Imelda Marrufo Nava ein fröhlicher Mensch. Lebhaft schüttelt sie die dunklen Locken, lächelt, beantwortet geduldig die Fragen der Journalisten. Sie ist nach Berlin gekommen, um den mit 10 000 Euro dotierten Anne-Klein-Frauenpreis entgegenzunehmen. Dieser wird 2014 zum dritten Mal von der Heinrich-Böll-Stiftung vergeben. Er wurde gestiftet von Anne Klein, die von 1950 bis 2011 lebte und auch Anwältin und Frauenrechtlerin war, so wie Imelda Marrufo Nava.

    Hunderte rote Schuhe erinnern bei einer Protestaktion an die toten Frauen. Foto: dpa

    Sie kommt aus Cuidad Juárez, einer Stadt im Norden Mexikos, an der Grenze zur USA, die als einer der gefährlichsten Orte der Welt gilt. Sie widmet sich der Aufklärung von Morden an Frauen. Ein Leben voller Gefahren, denn allzu oft werden Bürgerrechtler in Mexiko selbst zu Zielscheiben von Gewalt. Und trotzdem ist Imelda Marrufo Nava ein fröhlicher Mensch. Lebhaft schüttelt sie die dunklen Locken, lächelt, beantwortet geduldig die Fragen der Journalisten. Sie ist nach Berlin gekommen, um den mit 10 000 Euro dotierten Anne-Klein-Frauenpreis entgegenzunehmen. Dieser wird 2014 zum dritten Mal von der Heinrich-Böll-Stiftung vergeben. Er wurde gestiftet von Anne Klein, die von 1950 bis 2011 lebte und auch Anwältin und Frauenrechtlerin war, so wie Imelda Marrufo Nava.

    „Der Preis ist für mich und meine Mitstreiterinnen ein Schutz“, sagt die Mexikanerin: Je mehr Menschen von ihrer Arbeit erfahren, umso besser. Denn die kriminellen Banden, die in Teilen Mexikos das Sagen haben und auch den Justizapparat unterwandern, ziehen ihre Strippen gern im Verborgenen. Und der mexikanische Staat spielt das Ausmaß der Gewalt herunter. Imelda Marrufo Nava und das von ihr gegründete Netzwerk „Mesa de Mujeres“ (Frauentisch) in Ciudad Juárez engagieren sich hingegen dafür, dass die Straftaten aufgeklärt und die Schuldigen vor Gericht gestellt werden. Sie beraten auch die Angehörigen der Toten und setzen sich dafür ein, dass die strukturellen Ursachen der Gewalt beseitigt werden. Dazu gehört die Straflosigkeit. Wer in Cuidad Juárez einen Mord begeht, muss nicht damit rechnen, dass er zur Verantwortung gezogen wird. Nach Angaben der Heinrich-Böll-Stiftung kommt es landesweit nur bei etwa vier Prozent aller angezeigten Straftaten zu einer Anklage. Zwei Prozent der Täter werden verurteilt.

    Laut einer Studie des Nationalen Instituts für Statistik und Geografie Mexikos wurden allein im Jahr 2012 in Mexiko 105 600 Personen entführt. Es gab annähernd sechs Millionen Erpressungen. In jedem dritten Haushalt wurde mindestens eine Person Opfer eines Verbrechens.

    Wie es zu dieser Gewaltspirale kommt, lässt sich anhand von Ciudad Juárez bestens veranschaulichen. Die Stadt hat 1,3 Millionen Einwohner, von denen knapp 38 Prozent in Armut leben. Die Schattenwirtschaft wird gesteuert von den Drogenkartellen, die den illegalen Transfer der Ware in die USA organisieren. Banden bekriegen einander und alle Menschen, die sich ihnen in den Weg stellen. Bars und Clubs prägen die Straßen von Ciudad Juárez. Auf den Straßen prostituieren sich Schulmädchen. Zu ihren Kunden gehören Touristen, die aus El Paso herüberkommen, das auf der anderen Seite der Grenze in Texas liegt. In Ciudad Juárez sind zahlreiche Montagebetriebe für den Export in die USA tätig. Dort gibt es viele Arbeitsplätze für Frauen – zu menschenunwürdigen Bedingungen. Die Arbeitstage sind lang, die Löhne niedrig. Mancher Arbeitgeber verlangt, dass die Bewerberin erst einmal einen Schwangerschaftstest macht, ehe er sie einstellt.

    Schon 1993 stellte der Kriminologe Oscar Maynez fest, dass es regelrechte Serien von Frauenmorden gibt. Bis heute wurden mehr als 900 Opfer dieser spezifischen Form von Gewalt gezählt. Frauen werden entführt, vergewaltigt, verstümmelt. Ihre Körper sind teilweise so entstellt, dass sie nicht mehr identifiziert werden können. Die Leichen werden Tage oder Wochen später auf Brachflächen aufgefunden. „Es gibt mehr als ein Täterprofil“, betont Imelda Marrufo Nava. Die Gewalt an Frauen hat viele Ursachen. „Letztlich ist sie ein extremer Ausdruck des Machismo“, sagt Ingrid Spiller, Leiterin des Referats Lateinamerika der Heinrich-Böll-Stiftung.

    Da ist die Freundin des Drogenbosses, die von einer rivalisierenden Bande entführt und umgebracht wird, um Rache an ihrem Liebhaber zu üben. Da sind Drogenkurierinnen, die von der „Konkurrenz“ abgefangen werden. Da sind Mexikanerinnen, die zu viel wissen über den Frauenhandel an der Grenze zu den USA. Da ist familiäre Gewalt, die immer weiter eskaliert. Hinzu mag kommen, dass sich Kriminelle aus den USA nach Mexiko absetzen. Das Netzwerk „Mesa de Mujeres“ entstand 2001, nachdem in einem Baumwollfeld nahe Ciudad Juárez acht Frauenleichen gefunden worden waren. Es besteht aus zehn Basisorganisationen, die sich für Gesundheit, Bildung, Arbeit, Gemeindeentwicklung und Menschenrechte einsetzen und gefährdete Frauen zu schützen versuchen. Sie kooperieren miteinander, um Politik und Justiz zugunsten von Frauenrechten zu beeinflussen. Ihr erster großer Erfolg bestand darin, dass der Fall der acht Toten vor dem Interamerikanischen Gerichtshof verhandelt wurde. Der mexikanische Staat wurde in insgesamt drei Fällen für schuldig befunden, dass er die Sicherheit, Integrität und Freiheit der Opfer und ihrer Angehörigen nicht garantiert hatte. Zum ersten Mal wurde mit diesem Urteil der Tatbestand des Feminizids als Menschenrechtsverbrechen anerkannt. Feminizid – das bedeutet, dass Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind.

    2010 erreichte die Gewalt einen neuen Höhepunkt. In diesem Jahr wurden in Ciudad Juárez nach Angaben der Heinrich-Böll-Stiftung 3 100 Männer und Frauen umgebracht. Das entspricht bis zu acht Morden pro Tag. Seit Mexiko 2012 das Jugendstrafrecht verschärfte, ist die Zahl der männlichen und weiblichen Mordopfer in der Stadt gesunken. Doch die Ursachen für die Gewalt bestehen fort. Die Bevölkerung hat – zu Recht – kein Vertrauen in Polizei und Justiz. Entführt und umgebracht werden in verschiedenen Teilen Mexikos auch politische Aktivisten – Gewerkschafter und Umweltschützer, kritische Journalisten, Geistliche und Anwälte. Auch Menschen, die versuchen, illegal die Grenze zu den USA zu überqueren, um dort zu arbeiten, geraten ins Visier der Kartelle. Auf ihrem Weg werden sie ausgeraubt und erpresst. Imelda Marrufo Nava will dieser Gewalt eine Kultur der Aufklärung entgegensetzen. Ihr Netzwerk plant, in Ciudad Juárez eine Schule für Mädchen zu gründen, in der diese politische Aufklärung erfahren. Sie fordert vom mexikanischen Staat mehr Geld für die Aufklärung von Straftaten. Durch die engagierte Zusammenarbeit am „Mesa de Mujeres“ gewinne sie die Stärke weiterzumachen: „Wir sind zufrieden, wenn wir sehen, dass es den Angehörigen der Opfer dank unserer Arbeit besser geht.“