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    Der Reis wird teurer

    „Eat rice with me.“ Die mit leiser Stimme ausgesprochene Einladung kommt aus einem Seiteneingang des Central Marktes in Phnom Penh. Ein älterer Mann spricht sie aus. Die Aufforderung ist keinesfalls eine leere Floskel. Im Gegenteil: Dem sich im chaotisch erscheinenden Gewimmel eines asiatischen Marktes vorwärts tastenden Fremden wird eine hohe Ehre zuteil. Er soll das wenige teilen, was der kambodschanische Marktverkäufer zu Mittag isst – eine Schüssel mit Reis und gedünstetem Gemüse. Fleisch oder Fisch sind teuer. Reis ist das Grundnahrungsmittel, das auch von Jahr zu Jahr teurer wird.

    Die Gebäude in Kambodscha werden höher, der Verkehr schneller und der Tropenwald weniger. Foto: dpa

    „Eat rice with me.“ Die mit leiser Stimme ausgesprochene Einladung kommt aus einem Seiteneingang des Central Marktes in Phnom Penh. Ein älterer Mann spricht sie aus. Die Aufforderung ist keinesfalls eine leere Floskel. Im Gegenteil: Dem sich im chaotisch erscheinenden Gewimmel eines asiatischen Marktes vorwärts tastenden Fremden wird eine hohe Ehre zuteil. Er soll das wenige teilen, was der kambodschanische Marktverkäufer zu Mittag isst – eine Schüssel mit Reis und gedünstetem Gemüse. Fleisch oder Fisch sind teuer. Reis ist das Grundnahrungsmittel, das auch von Jahr zu Jahr teurer wird.

    In Kambodscha muss niemand mehr verhungern wie zu Zeiten der Roten Khmer, als die Essensrationen nicht ausreichten und Hunderttausende die von dem Terrorregime angeordnete Zwangsarbeit auf den Feldern nicht überlebten. Zwar ist die Armut in dem südostasiatischen Land immer noch groß, doch die Menschen sind besser genährt und gekleidet als noch vor zehn oder 20 Jahren.

    „Eat rice with me“ ist höchster Ausdruck der Gastfreundschaft, und man sollte sie zu würdigen wissen. Es reichen schon der traditionelle Gruß mit aneinander gelegten Händen und einige freundliche Dankesworte. Der Kambodschaner weiß diese Annäherung an die heimische Kultur zu schätzen und wird in dem ausländischen Gast mehr sehen als einen durch das Land hastenden Touristen.

    Phnom Penh ist eine rasant wachsende Großstadt. Sie wetteifert mit anderen asiatischen Metropolen und ist gerade dabei, die letzten kolonialen Relikte hinter sich zu lassen. Sogar ein Twin-Tower entsteht auf dem Reißbrett, mit einem Bürotrakt, den in dieser Dimension niemand braucht, und mit Wohnungen, die sich nur eine korrupte Elite leisten kann.

    Da versteht es sich von selbst, dass auch die neuesten Edelkarossen in Kambodscha ihren Einzug halten. Im Foyer des teuren, am Ufer des Mekong gelegenen Apartment-Hotels „Himawary“ (Sonnenblume) bestaunt eine Handvoll Kambodschaner die Hybrid-Version eines Gefährts aus der Stuttgarter Autoschmiede. Würde ein Rikschafahrer das PS-starke Automobil langsam umkreisen, würde der Quantensprung in Sachen Fortbewegung in diesem Entwicklungsland für jeden unübersehbar.

    Die Rikschas, die hier Cyclo genannt werden und seit der französischen Kolonialzeit das Stadtbild von Phnom Penh beherrschen, werden von Jahr zu Jahr weniger. Der moderne Verkehr verdrängt die alten Gefährte. Meistens sind es ausländische Touristen, die in einem Anflug von Nostalgie die Rikscha besteigen und sich dann wundern, wenn der ausgemergelte Fahrer ein paar Dollar mehr verlangt als die konkurrierenden Motorrad-Taxen. Seit einigen Jahren gibt es die Organisation Cyclo Center, einer Gewerkschaft ähnlich, die sich um die Belange der Rikschafahrer kümmert. Dennoch sind die Cyclos zum Aussterben verurteilt und dazu trägt nicht nur die stetig ansteigende Zahl der Pkw bei, sondern auch die Tuk-Tuks, die zu Tausenden durch Phnom Penh knattern. Diese machen die besten Geschäfte, wenn sie Fahrten zu den „Killing Fields“ anbieten, für die der Gast bis zu 20 Dollar berappen muss. Die aus Thailand stammenden Transportmittel bieten mehr Platz als eine Rikscha und sind zudem sicherer.

    Seit kurzem sind die ersten solarbetriebenen Tuk-Tuks auf dem Markt. Es bleibt ein Rätsel, weshalb die Sonnenenergie nicht schon seit Jahren genutzt wird in dem kleinen Königreich, in dem fast das ganze Jahr über die Sonne scheint – sogar häufig in der Regenzeit.

    Größtes Umweltproblem in Kambodscha ist seit gut 30 Jahren der Holzeinschlag. Auch Angelina Jolie kann den kambodschanischen Tropenwald nicht retten. Unter den Augen der von ihr bezahlten Ranger sind innerhalb kürzester Zeit rund 200 Hektar Tropenwald im Naturschutzgebiet Samlot illegal gefällt und über die grüne Grenze nach Vietnam und Laos gebracht worden. Die berühmte Schauspielerin und UN-Botschafterin, die vor Jahren den kambodschanischen Jungen Maddox adoptierte, hat es sich zum Ziel gesetzt, ihren Beitrag zum Erhalt des Tropenwaldes zu leisten. Ein Verwalter der Maddox-Jolie-Pitt-Stiftung sagte, das Waldgebiet sei seit Ende 2015 geschlagen worden, ohne dass die zur Bewachung des Schutzgebietes eingestellten Ranger hätten eingreifen können. Die bewaffneten Räuber würden sofort von der Schusswaffe Gebrauch machen, wenn sie beim Waldfrevel überrascht würden.

    Die riesigen Stämme im kambodschanischen Regenwald gehören zu den wertvollsten in der ganzen Welt. Indirekt sind auch die Europäer mitschuldig an dem fortschreitenden Kahlschlag, weil vor allem für Rosenholz Spitzenpreise bezahlt werden. Andere Holzarten werden für Garten- oder Wohnzimmermöbel verwendet.

    Die Regierung in Phnom Penh scheint inzwischen die Brisanz des ungebremsten Waldfrevels erkannt zu haben. Die Einflüsse auf das Klima werden von Jahr zu Jahr deutlicher; die Trockenzeit hält länger an mit negativen Auswirkungen auf die Landwirtschaft und den Anbau von Reis. Die Seen verflachen, was wiederum zu zunehmender Fischarmut und damit einhergehendem Proteinmangel führt.

    Veränderungen des Klimas beschränken sich schon lange nicht mehr auf die von der Waldzerstörung betroffene Region, sondern gehen auch weit über die Nachbarländer hinaus. Ministerpräsident Hun Sen, dessen Clique ebenso wie die Spitzen der Armee vom Waldraub profitiert haben, will sich nun vom Saulus zum Paulus wandeln. Sein neuester Coup: Mehrere einflussreiche Nichtregierungsorganisation (NGO) sollen gemeinsam mit der Militärpolizei eine Task Force zur Bekämpfung des illegalen Einschlags bilden. Zu den Organisationen gehören unter anderem WWF-Cambodia, Birdlife International und Fauna & Flora International. Bereits einen Tag nach Gründung der Eingreiftruppe meldete sie mehrere Festnahmen – Kritiker sprechen von einer Show, wie sie nur ein Taktiker wie Hun Sen aus dem Hut zaubern könne.

    Da schlug die Nachricht wie eine Bombe ein, der Chef der Militärpolizei der östlichen Provinz Mondulkiri, Sak Sarang, habe sich von Waldfrevlern bestechen lassen. Der Journalist Vann Tith, der die Affäre aufdeckte, wurde umgehend festgenommen, verhört und nach zwei Stunden wieder freigelassen. Sein Mobiltelefon wurde eingezogen. Sarangs Sprecher ließ mitteilen, manchmal sei der Inhalt einer Story „so klein wie ein Finger“, werde aber völlig übertrieben dargestellt.

    Kürzlich ärgerte sich Hun Sen so sehr über die wachsende Zahl seiner Kritiker, dass er wünschte, die Geister mögen ihnen „den Hals brechen“. Hun Sen ist brutaler Machtmensch und geschickter Diplomat zugleich. Mal heizt er die Spannungen zum benachbarten Thailand an, dann verwandelt er sich im Handumdrehen in einen freundlichen und großzügigen Gastgeber: Als kürzlich die thailändische Prinzessin Maha Chakri Sirindhorn die kambodschanische Provinz Ratanakkiri besuchte, um ein Gesundheitszentrum zu eröffnen, kam er dem Wunsch der kapriziösen Dame nach und ließ für ihren Kurzbesuch am Ufer des Yeak Lom Sees ein Badehaus inklusive Toilette errichten. Kostenpunkt: 40 000 US-Dollar. Beobachter berichteten später, das nach ihren Wünschen gebaute Bad sei von der Prinzessin gar nicht betreten worden.

    Hintergrund: Das südostasiatische Königreich Kambodscha liegt am Golf von Thailand zwischen Thailand, Laos und Vietnam. Das Land hat rund 15 Millionen Einwohner. Nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich 1953 folgten jahrzehntelange Bürgerkriege. Auch der Vietnamkrieg (1955–1975) und die Diktatur der Roten Khmer (1975–1979) forderten unzählige Opfer und brachten das Land in wirtschaftlichen Verfall. Heute nimmt der Tourismus in Kambodscha jährlich zu. Seine Tempelruinen in Angkor, Roluos, Banteay Srei und Preah Vihear wurden ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.