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    Der Herkules der Berge

    Auch „Selbst-Mächtigkeit“ hat Grenzen: Reinhold Messner und seine Sicht auf das Leben. Von Esther von Krosigk

    Reisemesse Caravan Motor Touristik (CMT)
    Reinhold Messner ist immer noch offen für neue Perspektiven. Foto: dpa

    Reinhold Messner war fünf Jahre alt, als ihn auf über 3 000 Meter Höhe ein vages Ahnen überkam, was Unendlichkeit sein kann. Es war der Anblick der Geisler-Spitzen, als der Junge mit den Eltern nach mühevollem Aufstieg durch den Hochwald auf die offene Fläche der Gschmagenhart-Alm hinaustrat – dahinter erhob sich die Dolomiten-Gruppe im abendlichen Licht. „Die Berge waren so groß und gewaltig, wie ich mir das nie hätte vorstellen können. Da waren Dimensionen zu verarbeiten, die über mein Vorstellungsvermögen gingen, die jenseits meines Sinnenvermögens lagen“, erinnert sich Messner in einem Interview.

    Das Kind ergriff ein schier überbordendes Gefühl, welches in den folgenden knapp sieben Jahrzehnten so nie wiederkehren sollte. Wenigstens nicht in dieser Eindringlichkeit, in dieser Schärfe. Obgleich Messner weit höhere Berge erklomm. Und dafür frenetisch gefeiert wurde: Als Gipfelstürmer aller 8 000er dieser Welt; es sind 14 an der Zahl. Oft war er allen voran: Als erster erreichte er 1978 gemeinsam mit Peter Habeler den Gipfel des Mount Everest ohne Sauerstoffflasche, als erster schaffte Reinhold Messner sogar alle welthöchsten Berge ohne künstliche Atemhilfe, teilweise im Alleingang.

    Er wählte stets seinen ganz eigenen Weg

    Superlativ reihte sich an Superlativ in seinem Leben. Erfolgreich war der Südtiroler nicht nur als Grenzgänger und Abenteurer, sondern auch in etlichen anderen Bereichen. Er schrieb zahlreiche Bücher, drehte Filme, wurde 1999 Politiker der italienischen Grünen im Europäischen Parlament und hält noch heute als über 70-Jähriger Vorträge in riesigen, vollbesetzten Hallen.

    Denn Messner hat beim Bergsteigen nicht nur Rekorde gebrochen, sondern auch neue Maßstäbe gesetzt: Als junger Alpinist übertrug er die alpine Kletterkunst auf das Höhenbergsteigen im Himalaya. Was bedeutete: Er wagte den Aufstieg in kleinster Gruppe oder eben ganz alleine und nur mit leichtem Gepäck ausgerüstet. Er verzichtete auf vorher präparierte Routen und wählte sich seinen ganz eigenen Weg hinauf. Über all diese Grenzerfahrungen vermag Messner sehr anregend zu erzählen, er ist redegewandt, eloquent und medienfirm. Ihm ist sehr wohl bewusst, dass in unserer westlichen Sicherheitsgesellschaft wagemutige Alleingänger wie er als TV-Gäste gefragt sind. Bergsteigen und Extremsport sind beliebt wie nie zuvor – aber bitte nur als Spiel mit Grenzen. Nicht bis in die letzte Konsequenz. Das war jedoch nie sein Ding. Im Gegenteil: Messner suchte stets die Nähe zum Tod, um das Leben zu verstehen. Der Wille zur Überwindung der eigenen Angst und der Todesfurcht mag sogar die eigentliche Triebfeder für so manches Wagnis gewesen sein. Denn im Grunde, gibt er zu, sei er eher ein vorsichtiger Mensch. Und so kommt sein Sieg über die Natur – die innere wie die äußere – jedes Mal einer Wiedergeburt gleich. Wenn er auf seinen Bergtouren nicht umgekommen war, sagte er mir vor einigen Jahren, lag das Leben wieder weit vor ihm, konnte neu begonnen und erobert werden. Ich begleitete ihn vor einigen Jahren beim Auftrieb seiner tibetanischen Yaks am Ortler, wir hatten dabei Gelegenheit zu sprechen. In solchen Interviews und auch bei seinen Vorträgen vermittelt Reinhold Messner den Eindruck, dass eigentlich jeder so ein Herkules sein kann, der die Kraft aufbringt, erst den inneren Widerstand und dann die Gefahren der Wildnis niederzuringen. Diese Freiheit und Eigenbestimmung benennt er mit einem großen Wort: Für ihn ist es Selbst-Mächtigkeit.

    Das klingt nicht gerade bescheiden. Aber sicher macht das auch die Faszination dieses Mannes aus, der einem tiefkatholischen Elternhaus entstammt: Dass er mit dieser Hybris tatsächlich die höchsten Gipfel genommen, die widrigsten Umstände überwunden und immer wieder neues Leben geschenkt bekommen hat.

    Die Liebe für das gebirgige Gelände wurde ihm quasi in die Wiege gelegt – zusammen mit dem Vater kletterte Reinhold Messner in den Dolomiten, ehe er das ABC aufsagen konnte. Bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr entwickelte er einen Instinkt und eine Trittsicherheit, die sich nicht nur auf seinen diversen Touren durch die Natur, sondern für seinen gesamten späteren Lebensweg auszahlen sollte.

    Natürlich gab es auch Phasen des Zweifels, der Ungewissheit. Eine der gravierendsten war der tödliche Unfall seines Bruders Günther, mit dem Reinhold Messner gemeinsam 1970 zu einer Expedition an den Nanga Parbat aufgebrochen war. Von dieser Tour kehrte er alleine zurück, Günther Messner wurde beim Abstieg vermutlich von einer Eislawine erfasst. Lange Zeit wurde über dieses Ereignis in der Öffentlichkeit spekuliert. Böse Zungen unterstellten Messner, er habe den jüngeren Bruder möglicherweise allein über den normalen Weg ins Lager gehen lassen, um selbst die Überschreitung des 8 125 Meter hohen Nanga Parbat zu versuchen und damit Weltruhm zu erlangen. „Es war eine große seelische Belastung. Ankläger wollten mir später ein Verbrechen andichten. Doch niemand lässt den eigenen Bruder liegen, um eine Sensation zu liefern. Es gab sogar eine Zeit, in der ich mich ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte“, erklärte der Extrembergsteiger 2014 gegenüber einer Schweizer Zeitung.

    Die sterblichen Überreste des Bruders wurden erst 2005 gefunden, Jahrzehnte nach der Tragödie. Aufgrund des Fundortes konnte nachgewiesen werden, dass Reinhold Messners Version des Unglücks der Wahrheit entsprach.

    Er hat sich auch körperliche Blessuren zugezogen

    Er trug nicht nur seelische Blessuren davon – der damals 25-jährige Bergsteiger verlor am Nanga Parbat sieben Zehen durch Erfrierung. Seine Abenteuerlust wurde dadurch allerdings nicht gebremst, alle folgenden Expeditionen unternahm er als Invalide.

    Nachdem er höhenmäßig alles erreicht hatte, wechselte er in die Horizontale und durchquerte die Antarktis, Grönland, die Wüste Gobi. Auch was die einzelnen Lebensphasen betraf, konnte er seinem ausgeprägten Instinkt folgen. Mit 20 Jahren war Messner ein meisterhafter Kletterer – die Antarktis hätte er in diesem Alter nicht geschafft, davon ist er überzeugt.

    Als seinen „15. Achttausender“ bezeichnet er nun, im fortgeschrittenen Alter, die Summe all seiner Erfahrungen. Sein gesammeltes Wissen hat er auf sechs verschiedene Museen – zusammenfasst als „Messner Mountain Museum“ – in seiner Heimat Südtirol verteilt. Vor einem der Museen, Schloss Juval, auch Wohnsitz des Bergsteigers und seiner Familie, hat er mit einem tibetischen Grabmal bereits die Phase danach vorbereitet. Für den Aufstieg ohne Wiederkehr.