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    Dem Himmel deutlich näher

    Sie hat Münsters höchsten Arbeitsplatz – und ist, obwohl Protestantin, dadurch mit der katholischen Kirche ganz eng verbunden. Türmerin Martje Saljé leistet jeden Abend hoch oben auf dem Turm der markanten Lambertikirche am Prinzipalmarkt ihren Dienst: Ab 21 Uhr bläst sie jede halbe Stunde in ihr Horn, das sich von unten für die meisten Passanten ganz ähnlich wie ein Schiffssignal anhört. Vor allem aber ist sie Ansprechpartnerin für ganz viele Menschen in aller Welt. „Ich trage durch einen eigenen Blog nach außen, welche Tradition Münster hat“, erläutert die hochmotivierte junge Frau mit ihrer ansteckenden guten Laune. „Dadurch trete ich in Echtzeit in Dialog mit anderen Menschen und gewinne für Münster und die Lambertikirche das Interesse von ganz neuen Zielgruppen.“ Bleibt noch zu erwähnen, dass sie seit 1383 die erste Frau auf diesem „hohen“ Posten ist. Angestellt ist sie allerdings nicht bei der Kirche, sondern bei der Stadt Münster.

    Martje Saljé
    Die Türmerin von Münster, Martje Saljé, ist beruflich hoch hinausgekommen. Foto: Felder

    Sie hat Münsters höchsten Arbeitsplatz – und ist, obwohl Protestantin, dadurch mit der katholischen Kirche ganz eng verbunden. Türmerin Martje Saljé leistet jeden Abend hoch oben auf dem Turm der markanten Lambertikirche am Prinzipalmarkt ihren Dienst: Ab 21 Uhr bläst sie jede halbe Stunde in ihr Horn, das sich von unten für die meisten Passanten ganz ähnlich wie ein Schiffssignal anhört. Vor allem aber ist sie Ansprechpartnerin für ganz viele Menschen in aller Welt. „Ich trage durch einen eigenen Blog nach außen, welche Tradition Münster hat“, erläutert die hochmotivierte junge Frau mit ihrer ansteckenden guten Laune. „Dadurch trete ich in Echtzeit in Dialog mit anderen Menschen und gewinne für Münster und die Lambertikirche das Interesse von ganz neuen Zielgruppen.“ Bleibt noch zu erwähnen, dass sie seit 1383 die erste Frau auf diesem „hohen“ Posten ist. Angestellt ist sie allerdings nicht bei der Kirche, sondern bei der Stadt Münster.

    Geboren 1980 in Bremen, verbrachte Martje (niederländisch: „kleine Martha“) Saljé ihre Kindheit teilweise in Norwegen. „Seit ich vier Jahre alt bin, stehe ich auf den Bühnen dieser Welt“, erzählt sie schmunzelnd. Nacheinander erlernte sie eine ganze Reihe von Instrumenten: verschiedene Blockflöten, Klavier, Gitarre, Renaissancelaute, Kontrabass, E-Bass und Perkussion. Da ist es nicht weiter erstaunlich, dass sie als Jugendliche in der Kirchengemeinde die Musik mitgestaltete und sich auch in der Jugendarbeit engagierte. „Die Musik hat für den Glauben große Bedeutung“, erklärt sie. „Alles, was Menschen mit Worten an Gefühlen nicht ausdrücken können, kann die Musik transportieren und verstärken.“ Geradezu ins Schwärmen gerät sie, wenn sie an die Kirchenlieder von Paul Gerhardt denkt, aber auch sie selbst hat schon biblische Texte vertont, etwa das Hohe Lied oder das Buch Kohelet. „Ich halte Wörter für musikalisch und verbinde sie sofort mit Tönen“, macht sie engagiert deutlich. „Wenn ich die Bibel durchblättere, etwa die Psalmen, bin ich immer wieder aufs Neue berührt und inspiriert.“ Ein Fixpunkt für ihre eigenen Vertonungen ist die Orientierung an Johann Sebastian Bach. Sie selbst empfindet es als Bereicherung, dass sie wiedergeben kann, was sie fühlt. An der Universität Oldenburg hat sie Geschichte und Musik studiert und jahrelang hauptsächlich als Musikerin gearbeitet. „Musik war früher mein Lebensinhalt, und heute ist sie mein Hobby“, berichtet sie. Auf internationalen Tourneen ist sie unter anderem in Frankreich, Belgien, Italien, auf den britischen Inseln und in Polen aufgetreten und hat mit einer Folk Rock-Truppe, Tanzkapellen und Jazz-Ensembles zusammengearbeitet. Inzwischen konzentriert sie sich auf den Gesang und steht nicht mehr jeden Tag auf der Bühne. Jeden Abend außer dienstags steigt Martje Saljé 300 Stufen hoch zu ihrer Türmerstube – vorbei an den berühmten Käfigen, in denen einst die Leichen der Anführer der Täuferbewegung aus Gründen der Abschreckung ausgestellt wurden. In letzter Zeit ist eine Diskussion darüber entstanden, ob man die Körbe an ihrem Platz belassen oder abhängen soll, aber die Türmerin hat eine klare Meinung dazu: „Sie sind Teil der Stadtgeschichte, und es wäre falsch, sie abzuhängen“, erklärt Saljé. „Nicht alles ist mit heutigen Maßstäben zu erklären. Sie müssen da sein, damit man über sie diskutieren und sich eine Meinung bilden kann. Münster hält das aus.“ Diese Haltung hat die studierte Historikerin unter anderem auch gegenüber der BBC vertreten, als sie gebeten wurde, sich im Rahmen einer Dokumentation für das britische Fernsehen zu den Täufern zu äußern. Keinen Hehl macht die junge Frau daraus, dass sie sich an ihrem buchstäblich hohen Standort dem Himmel ein Stück näher fühlt. „Das ist sehr beglückend und überhaupt nicht langweilig“, betont sie glaubhaft. „Ein bisschen fühlt sich das an wie nicht von dieser Welt.“ Jede Jahreszeit, so versichert sie mit Nachdruck, stellt sich von hier oben anders dar, wobei sie Sonnenuntergänge und Nebel („dann verschwindet der Dom auf einmal hinter einer großen Wand“) für besonders spektakulär hält. Das halbstündliche Signal aus ihrem Horn erklingt in einem tiefen C – andere Töne gibt es auf dem Nachbau eines Instruments aus dem 16. Jahrhundert nicht – und geht in drei Himmelsrichtungen, nicht aber nach Osten, wo einmal ein Friedhof gelegen haben soll, dessen Ruhe nicht gestört werden durfte. Tatsächlich hat sie auch schon einmal – wie ihre Vorgänger all die Jahrhunderte zuvor – einen Brand verhindert, der verheerend hätte enden können: Als sie eines Sommerabends im etwa zwei Kilometer entfernt gelegenen Wienburgpark eine feine Rauchsäule in der Dämmerung erkannte, alarmierte sie die Feuerwehr und dirigierte sie vom Turm bis zum Brandort.

    „Ihren Bürgerdom“ St. Lamberti kennt Martje Saljé natürlich in- und auswendig und verfolgt alles, was sich in und um das herausragende Gotteshaus abspielt, mit größtem Interesse: die Gottesdienste, die Orgelkonzerte, die Aktion „Nightfever“ und vieles, vieles mehr. Ihre Erfahrung ist: Wenn die Musik im Gottesdienst eine große Rolle spielt, ist die Kirche ein Publikumsmagnet. Für ähnlich faszinierend hält sie außerdem die ökumenischen Treffen von Taizé und das Pilgern. Viele Gruppen führt Martje Saljé auf den Turm – und ist sich dessen bewusst, dass sie ihre Tätigkeit noch lange ausüben kann. „Mein Vorgänger war bis zu seinem 70. Lebensjahr Türmer“, meint sie schmunzelnd. „Das kann ich, wenn meine Gelenke das mitmachen, sogar noch übertreffen.“

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