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    Dasein, zuhören und die Probleme lindern

    Früher war sie ein Geheimtipp, heute ist sie aus dem sozialen Netzwerk der Hauptstadt nicht mehr wegzudenken: die Suppenküche des katholischen Franziskanerordens in der Wollankstraße im Berliner Stadtteil Pankow, wo zu DDR-Zeiten hohe Parteikader ihre Villen hatten und zuletzt auch Egon Krenz gewohnt hat, bevor er Amt und Land verlor. Mirko möchte in der Zeitung nur mit seinem Vornamen erscheinen. Das war die Bedingung für das Gespräch. In langer Reihe stehen die Menschen vor der Suppenküche, keine hundert Meter vom ehemaligen Todesstreifen entfernt an. Armut und Verwahrlosung steht vielen ins Gesicht geschrieben. Die meisten sind zu Fuß gekommen, manche haben die S-Bahn genommen, mit einem Sozialticket der Berliner Verkehrsgesellschaft oder sind schwarz gefahren. Unter Obdachlosen hat sich das gute Gratis-Essen der Franziskanermönche längst herumgesprochen. Viele sind darauf angewiesen. „Denn die staatliche Unterstützung in Form von Hartz IV reicht oft nur bis zur Monatsmitte, auch übermäßigen Alkohol- und Tabakkonsums wegen“, sagt einer der Mönche. Er und seine Mitbrüder haben Armut zum Lebensideal erklärt und machen anderen vor, wie sich trotz materieller Einschränkungen ein erfülltes und sinnerfülltes Leben leben lässt. „Deutschland krankt nicht am Mangel, eher an persönlicher Zuwendung und der Frage: Wie kann ich ein Teil dieser Gesellschaft werden?“, formuliert es ein anderer Mönch. Auch darum gehe es bei der Suppenküche, gleichwohl diese zuvörderst Mägen füllen und akute Nöte lindern muss. Davon kann auch Mirko ein Lied singen. Mit seinem Kumpel Chris sitzt er im Foyer der Suppenküche. Der 41-jährige Malergeselle war drei Jahre zuvor der „Liebe wegen“ aus Süddeutschland nach Berlin gekommen, sagt er. Die Liebe ist gegangen, geblieben sind Schulden und das Gefühl, in der großen Stadt verloren zu sein. Bei den Franziskanern bekommt Mirko ein warmes Mittagessen und manchmal auch rezeptfreie Salben gegen seinen chronischen Hautausschlag. Inzwischen ist Mirko Dauergast, jemand, der in den Tag hineinlebt und froh ist, wenn er jemanden zum Reden hat.

    Der Mensch lebt nicht vom Essen allein, doch eine Mahlzeit kann Wunder wirken. Foto: dpa

    Früher war sie ein Geheimtipp, heute ist sie aus dem sozialen Netzwerk der Hauptstadt nicht mehr wegzudenken: die Suppenküche des katholischen Franziskanerordens in der Wollankstraße im Berliner Stadtteil Pankow, wo zu DDR-Zeiten hohe Parteikader ihre Villen hatten und zuletzt auch Egon Krenz gewohnt hat, bevor er Amt und Land verlor. Mirko möchte in der Zeitung nur mit seinem Vornamen erscheinen. Das war die Bedingung für das Gespräch. In langer Reihe stehen die Menschen vor der Suppenküche, keine hundert Meter vom ehemaligen Todesstreifen entfernt an. Armut und Verwahrlosung steht vielen ins Gesicht geschrieben. Die meisten sind zu Fuß gekommen, manche haben die S-Bahn genommen, mit einem Sozialticket der Berliner Verkehrsgesellschaft oder sind schwarz gefahren. Unter Obdachlosen hat sich das gute Gratis-Essen der Franziskanermönche längst herumgesprochen. Viele sind darauf angewiesen. „Denn die staatliche Unterstützung in Form von Hartz IV reicht oft nur bis zur Monatsmitte, auch übermäßigen Alkohol- und Tabakkonsums wegen“, sagt einer der Mönche. Er und seine Mitbrüder haben Armut zum Lebensideal erklärt und machen anderen vor, wie sich trotz materieller Einschränkungen ein erfülltes und sinnerfülltes Leben leben lässt. „Deutschland krankt nicht am Mangel, eher an persönlicher Zuwendung und der Frage: Wie kann ich ein Teil dieser Gesellschaft werden?“, formuliert es ein anderer Mönch. Auch darum gehe es bei der Suppenküche, gleichwohl diese zuvörderst Mägen füllen und akute Nöte lindern muss. Davon kann auch Mirko ein Lied singen. Mit seinem Kumpel Chris sitzt er im Foyer der Suppenküche. Der 41-jährige Malergeselle war drei Jahre zuvor der „Liebe wegen“ aus Süddeutschland nach Berlin gekommen, sagt er. Die Liebe ist gegangen, geblieben sind Schulden und das Gefühl, in der großen Stadt verloren zu sein. Bei den Franziskanern bekommt Mirko ein warmes Mittagessen und manchmal auch rezeptfreie Salben gegen seinen chronischen Hautausschlag. Inzwischen ist Mirko Dauergast, jemand, der in den Tag hineinlebt und froh ist, wenn er jemanden zum Reden hat.

    Von Dienstag bis Sonntag hat die Suppenküche geöffnet. Es gibt eine Kleiderkammer und einen Sozialdienst, den eine Sozialpädagogin leitet. Die Franziskaner betreiben die Suppenküche mit Geldspenden, aus zugewiesenen Bußgeldern der Justizbehörden und manchmal auch mit Sachspenden, die sie an Bedürftige weiterleiten. Zurzeit seien vor allem Bettwäsche, Kinderkleidung und Handtücher gefragt, heißt es auf dem Anrufbeantworter an der Klosterpforte. In Notfällen fahren die Brüder auch raus und versorgen die Menschen vor Ort, Alte, Kranke oder Menschen, die nicht die Kraft haben, den Weg nach Pankow zu finden. Aus Spendengeldern haben die Brüder für die Arbeit ihrer Gemeinschaft einen gebrauchten Kleinbus und ein paar Kleinwagen französischer Bauart gekauft.

    Begonnen hat es mit der Suppenküche in der Nachwendezeit, als im Ostteil Berlins viele Menschen Not litten. Not, die es im „Arbeiter- und Bauernstaat“ nicht geben durfte und dennoch gab. Anfangs kamen rund zwanzig Leute, bald schon Fünfzig und Hundert. Mittlerweile kommen täglich 300 bis 500 Personen zu den Franziskanern. Mirko wohnt in einem Heim für Wohnungslose. Eine eigene Bleibe kann er sich nicht leisten, sagt er. Und das mit dem Amt sei ihm „zu stressig“, sagt er. Mirko hätte als Alleinstehender Anspruch auf eine vom Amt bezahlte, maximal 50 Quadratmeter große Wohnung. Doch dafür müsste er auch Eigeninitiative aufbringen. „Die wollen mindestens vier Bewerbungen im Monat von mir sehen, und dann soll ich auch noch jeden Mistjob annehmen, etwa morgens Zeitungen austragen, nee Danke“, entrüstet sich der gebürtige Rostocker. Ein-Euro-Jobs hat Mirko auch schon gemacht, sagt er, aber nicht lange. Und Schwarzarbeit sei nicht sein Ding. Das Amt zahlt ihm das Zimmer und hilft mit Gutscheinen für Einkäufe bei Aldi und Lidl. Mirko ist krankenversichert und hat sich, so scheint es, mit seinem Leben eingerichtet. „Würde ich einen 450-Euro Job annehmen, gingen 270 Euro davon ans Amt“, sagt er. Da lohne es sich doch gar nicht, arbeiten zu gehen, glaubt er. Er habe auch schon mal für eine Recyclingfirma gearbeitet und in einem Lager ausgeholfen, bis auch dort „Schluss“ war. Das Problem: In Berlin wird einfache Arbeit schlecht bezahlt, derweil die Mieten steigen und steigen. Und das nicht nur in exklusiven Lagen wie Mitte und Zehlendorf, sondern auch in jenen Vierteln, die früher als soziale Brennpunkte galten. Neukölln, noch bis vor drei Jahren als Problemkiez mit hohem Ausländeranteil verschmäht, ist heute gefragter denn je. Kaltmieten von neun Euro und mehr sind dort keine Seltenheit mehr. Nach unbestätigten Zahlen ist die Zahl der Wohnungslosen in Berlin bis Ende 2016 wieder auf über Zehntausend gestiegen, nachdem sie Mitte der neunziger Jahre mal kurzzeitig auf unter Fünftausend gesunken war.

    Die Not hat verschiedene Ursachen

    „Wir können Probleme lindern, aber nicht immer lösen“, sagt ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Franziskaner. Es klingt ernüchternd, wie der angehende Sozialpädagoge das so sagt. Bei den Franziskanern gibt es eine Kleiderkammer und Hygienestation mit Dusche, WC und Waschmaschine für alle, die kein Geld für den Waschsalon haben, wo die Ladung mancherorts immerhin fast sieben Euro plus Pulver kostet. Obdachlose können sich dort, nach Geschlechtern getrennt, duschen und ihre Wäsche waschen lassen. Man dürfe jedoch nicht grundsätzlich der „Gesellschaft“ die Schuld an den Zuständen geben, die sich bei den Franziskanern wie in einem Brennglas fokussieren, sagt die junge Frau an der Theke, wo es gespendeten Joghurt und Kuchen gibt. Obdachlosigkeit habe meist vielfältige Ursachen, sagt sie. Manchmal sind es Schicksalsschläge, noch häufiger jedoch die Unfähigkeit der Betroffenen, Lebenskrisen zu meistern und sich selbst zu helfen. Überhöhter Alkoholkonsum setzte manchmal eine verhängnisvolle Abwärtsspirale nach unten in Gang, an deren Ende ein Leben auf der Straße steht. Offiziellen Schätzungen zufolge wächst Berlin jährlich um 50 000 Neubürger. Viele kommen über die offenen Grenzen aus Osteuropa in die neue Boomtown an der Spree und sind oft bereit, gesetzlicher Mindestlohn hin oder her, für drei oder vier Euro jeden Job zu machen. Das macht sich auch auf dem städtischen Wohnungsmarkt bemerkbar. Die hohe Nachfrage korrespondiert schon lange nicht mehr mit den geringen Löhnen. Und wann die für 2017 angekündigten Programme des neuen Berliner Senats zur Verbesserung der Wohnsituation Wirkung zeigen, bleibt offen. Denn Berlin ist faktisch pleite, finanziert einen beträchtlichen Teil seiner Ausgaben durch Zuwendungen aus dem Länderfinanzausgleich. Zurzeit gieren alle nach Geld. Aus Mirkos Notunterkunft sollen bald teure Eigentumswohnungen werden, heißt es. Doch sei das bislang nur ein Gerücht.