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    Da denkt einer so wie ich

    Mittwoch, kurz nach 19 Uhr: Wolfgang Weidemann rückt in seiner Wohnung Stühle an einen großen Tisch und holt Mineralwasser, Bier und Knabbereien aus der Küche. Der 58-Jährige bereitet den Hauskreis der evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Chemnitz vor. Die Mitglieder treffen sich einmal im Monat jeweils in der Wohnung eines anderen Teilnehmers. In dem karg eingerichteten Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer von Wolfgang Weidemann soll ein Dutzend Menschen Platz finden. „Ich bin alleinstehend und wollte Kontakt zu Leuten in meinem Alter haben“, begründet der hagere Mann sein Engagement für den Hauskreis. „Ich möchte mich mit ihnen auch außerhalb kirchlicher Veranstaltungen über verschiedene Themen austauschen.“

    Bei Wolfgang Weidemann trifft man sich, um über Geschichte und Politik, über Gott und die Welt zu sprechen. Foto: Janert

    Mittwoch, kurz nach 19 Uhr: Wolfgang Weidemann rückt in seiner Wohnung Stühle an einen großen Tisch und holt Mineralwasser, Bier und Knabbereien aus der Küche. Der 58-Jährige bereitet den Hauskreis der evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Chemnitz vor. Die Mitglieder treffen sich einmal im Monat jeweils in der Wohnung eines anderen Teilnehmers. In dem karg eingerichteten Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer von Wolfgang Weidemann soll ein Dutzend Menschen Platz finden. „Ich bin alleinstehend und wollte Kontakt zu Leuten in meinem Alter haben“, begründet der hagere Mann sein Engagement für den Hauskreis. „Ich möchte mich mit ihnen auch außerhalb kirchlicher Veranstaltungen über verschiedene Themen austauschen.“

    Sie reden über Politik und Geschichte, philosophieren über Gott und die Welt. Manchmal bringt jemand seine Urlaubsfotos mit und erzählt, wie es in Nepal oder einem anderen Land gewesen ist. Pfarrerin Hiltrud Anacker moderiert die Runde. Sie stellt in der Diskussion den Bezug zum christlichen Glauben her. Manchmal liest sie eine Stelle aus der Bibel oder einen Psalm. Und sie beendet jeden Hauskreis-Abend mit dem Vaterunser. „Die Teilnehmer sind selbstbewusste Menschen, die ihre Ideen einbringen und sich nicht abwimmeln lassen, wenn man gerade mal was völlig anderes im Kopf hat“, sagt Anacker. „Und genau solche Leute braucht die Gemeinde, und davon lebt auch der Hauskreis.“

    Hauskreise gibt es in vielen Orten Deutschlands. Das Besondere an der Chemnitzer Runde ist, dass die Teilnehmer fast alle in einem riesigen Neubauviertel wohnen. Das Fritz-Heckert-Gebiet entstand Mitte der siebziger Jahre in Karl-Marx-Stadt, wie Chemnitz damals hieß. Tausende Familien fanden hier eine Wohnung mit einer Innentoilette und einer Zentralheizung – in der DDR jener Jahre durchaus ein Luxus. Doch in den riesigen Blocks fühlten sich manche Mieter schnell einsam. „Die Anonymität ist natürlich gegeben, wenn man sich vorstellt, dass so ein Wohnblock mit acht Eingängen bis zu 520 Mietparteien hat“, sagt Wolfgang Weidemann. Er zog 1980 ins Fritz-Heckert-Gebiet.

    Der Hauskreis entstand 1979 – auch mit dem Ziel, die Anonymität aufzubrechen. „Zu wissen: Da wohnt einer, der denkt so wie ich oder der hat einen christlichen Hintergrund wie ich oder der hat diese oder jene Interessen, die mir angenehm sind“, sagt Wolfgang Weidemann. Die Frühzeit des Hauskreises kennt er allerdings nur aus Berichten anderer Teilnehmer. Erst vor fünf Jahren luden befreundete Nachbarn den Mann in die Runde ein. Zur Gründergeneration gehören Sigrid und Olaf Knutzen. Die Ingenieurin und der Mathematiker, heute beide Rentner, gehören seit 33 Jahren dem Hauskreis an. Ende der siebziger Jahre hatten sie zunächst selbst einen gründen wollen, erinnert sich Olaf Knutzen: „Das scheiterte aber, da sich die Leute nur berieseln lassen und nicht selbst aktiv beteiligen wollten.“

    So ging das Paar zum Pfarrer – und der empfahl ihm den Hauskreis im „Wohngebiet 4 / 5“, wie die Blocks im DDR-Deutsch bezeichnet wurden. In der Runde waren Menschen aus fast allen sozialen Schichten vertreten. Es trafen sich Verkäuferinnen und Mitarbeiterinnen des Gesundheitswesens mit Arbeitern im Schichtdienst und Akademikern. Sie redeten, wie sich Olaf Knutzen erinnert, etwa über die Kreuzzüge, über die Hexenverbrennungen, über historische Persönlichkeiten wie Luther und Müntzer. Auch um DDR-kritische Themen ging es. An die Details können sich die beiden Knutzens nicht mehr erinnern. Jedoch wissen sie noch, dass ihnen die Staatsmacht eines Tages wohl einen Spitzel vorbeischickte. „Der Pfarrer hatte uns vorgewarnt“, sagt Olaf Knutzen. „Er hatte da so einen Verdacht.“ Die Person kam tatsächlich, und die Teilnehmer besprachen einen Abend lang nur das, was man in der DDR eben öffentlich sagen konnte. Kritische Themen ließen sie aus. Die Strategie wirkte – die Person tauchte nie wieder auf.

    Im Wendeherbst 1989 nahm Olaf Knutzen – so wie andere Mitglieder des Hauskreises auch – an den friedlichen Demonstrationen teil. Diese wurden von Aktivisten aus dem Umfeld der evangelischen Kirche mit organisiert. „Zunächst einmal ging es uns nicht darum, die DDR abzuschaffen, sondern darum, eine DDR zu schaffen, die die Grundrechte für jeden Menschen verwirklicht“, sagt Olaf Knutzen. „Dazu gehört natürlich auch das Grundrecht, einen Glauben zu haben und in aller Öffentlichkeit darüber reden zu können.“

    Obwohl sie dieses Grundrecht inzwischen genießen, profitieren die Mitglieder des Chemnitzer Hauskreises weiter von der Intimität ihrer kleinen Runde. Wolfgang Weidemann sagt: „In kirchlichen Gesprächsgruppen ist es so, dass die Regie, die dort geführt wird, zu steif ist für manche Teilnehmer. Deswegen möchten sie sich lieber ungezwungen in einer häuslichen Atmosphäre treffen.“