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    Ciceras Weg aus der Hölle

    Es stinkt nach Urin, Erbrochenem und Drogen. Auf alten Fernsehbildschirmen in dem Bordell laufen Pornofilme, die sich volltrunkene Männer ansehen, um in Stimmung zu kommen. Die Frauen, die auf dem Straßenstrich von Vila Mimosa und in seinen dunklen Spelunken in Rio de Janeiro arbeiten, sind ganz unten angekommen. „Wer hier überleben will, braucht ein Stück Brutalität“, sagt die Brasilianerin Cicera (53), die selbst jahrelang in Vila Mimosa anschaffen musste, ehe ihr der Absprung gelang.

    Cicera (53, links) und ihre Freundin Luciane (38): Beide haben einen Ausweg aus der Prostitution gefunden. Foto: KNA

    Es stinkt nach Urin, Erbrochenem und Drogen. Auf alten Fernsehbildschirmen in dem Bordell laufen Pornofilme, die sich volltrunkene Männer ansehen, um in Stimmung zu kommen. Die Frauen, die auf dem Straßenstrich von Vila Mimosa und in seinen dunklen Spelunken in Rio de Janeiro arbeiten, sind ganz unten angekommen. „Wer hier überleben will, braucht ein Stück Brutalität“, sagt die Brasilianerin Cicera (53), die selbst jahrelang in Vila Mimosa anschaffen musste, ehe ihr der Absprung gelang.

    Möglich gemacht haben diesen Absprung die Ordensschwestern Maribel Pérez León und Veronique Tirepied von den „Missionarinnen des Lebens“. Denn dieser gottverlassene Ort mitten in Rio de Janeiro ist auch ihr Arbeitsplatz. Sie gehen dorthin, wo der Staat schon lange aufgegeben und die Frauen ihrem Schicksal überlassen hat. „Wir bieten den Frauen ein Gespräch an, ohne Vorbedingungen“, sagt Maribel. „Für uns sind sie prostituierte Schwestern, nicht einfach nur Prostituierte.“ Mit etwa 15 bis 30 Frauen kommen sie so in der Woche ins Gespräch. Es geht vor allem darum, den Prostituierten zuzuhören. „Kein Tag ist wie der andere“, sagt Maribel. Auch weil jede Leidensgeschichte anders ist.

    So wie die von Cicera, die mit zwölf Jahren von zu Hause weglief, weil sie vom Freund ihrer drogenabhängigen Mutter missbraucht wurde. Als sie sich ihrer Mutter anvertraute, die selbst als Prostituierte arbeitete, erntete sie keinen Zuspruch, sondern Faustschläge. Ihre Flucht endete auf der Straße. Zunächst auf einem Strich in Sao Paulo, dann in Rio de Janeiro.

    Kein Tag ist wie der andere

    „Morgens wenn ich aufgewacht bin, habe ich gleich Drogen genommen, um dieses Leben zu ertragen“, erinnert sie sich an den stets wiederkehrenden Kreislauf von Gewalt und Drogenkonsum. Und sie hat sich im wahrsten Sinne des Wortes durch das Leben geschlagen: „In dieser Welt hilft dir niemand, deswegen musste ich mir eine gewisse Brutalität aneignen, um zu überleben.“ Insgesamt drei Kinder wurden ihr abgenommen, weil sie als Prostituierte nicht für sie sorgen konnte. Wenn sie von ihrem früheren Leben erzählt, dann stockt ihre Stimme, die Tränen schießen ihr in die Augen. Irgendwann stand dann eine Ordensschwester inmitten dieses Elends vor ihr und hörte einfach zu. Und zum ersten Mal spürte Cicera so etwas wie Würde und Respekt in ihrem Leben: „Sie haben mich ernst genommen, mir zugehört.“

    Es war der erste Schritt hinaus aus der Hölle von Vila Mimosa. Die Schwestern haben keinen Fahrplan, kein Patentrezept für einen Ausweg und genau das ist auch der Schlüssel zum Erfolg: „Wir lassen uns darauf ein, dass uns Gott im Gespräch den Weg zeigt, wie wir den Frauen helfen können.

    Eine individuelle Brücke zurück ins Leben

    Denn jede Lösung kann eine andere sein“, sagt Maribel. Und so gelingt es, zumindest einigen Frauen eine individuelle Brücke zurück in ein normales Leben zu bauen.

    Zu ihrer Arbeit gehört auch das Konzept einer offenen Kapelle. Während der Andacht dringen die dumpfen Bässe der Musik aus dem Bordell bis hinüber in das kleine Gotteshaus. Aber es geht auch umgekehrt: Lebendige brasilianische Kirchenmusik schafft es durch die offene Türe nach draußen in ein Viertel, aus dem die Fröhlichkeit schon lange ausgezogen ist. Mittendrin ist Cicera. Sie singt, sie klatscht und sie umarmt. „Ich habe bei diesen Schwestern zum ersten Mal Gott gesehen“, fasst sie ihre Gefühle zusammen.

    Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck zeigte sich bei seinem Besuch der Projektarbeit der Schwestern in Rio de Janeiro im Vorfeld des Weltjugendtages beeindruckt von deren „sozialer Arbeit im Namen Jesu“, die sie an den äußeren Rand der Gesellschaft geführt habe. Dies stehe im Einklang mit der Botschaft von Papst Franziskus und einer Kirche, die auch dort sei, wo sonst niemand mehr hingehe. Auch Schwester Maribel sieht das so: „Wir haben jetzt ganz da oben jemanden, der auf unserer Seite steht.“ Adveniat wird die Arbeit der Schwestern von Vila Mimosa auch künftig unterstützen.