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    Camorra-Boss festgenommen

    Rom (DT) In einem Bunker fünf Meter unter einem Einfamilienhaus – dort hat er gelebt, der „König von Gomorrha“, Michele Zagaria. Zwanzig Quadratmeter, keine Fenster, dafür Monitore, die die Bilder der Überwachungskameras von draußen wiedergaben. Sich so etwas bauen lassen, das konnte er, denn Zagaria war Bauunternehmer. Und Italiens meistgesuchter Camorra-Boss. Einer der Oberhäupter des Clans der Casalesi. Bis Mittwoch früh, dann haben sie ihn aus dem Bunker herausgeholt. In dem kleinen Örtchen Casapesenna bei Casal di Principe in der Region Kampanien. Dreihundert Polizisten waren im Einsatz. Sechzehn Jahre war Zagaria untergetaucht. Als ihn ein Polizeiwagen in das Hochsicherheitsgefängnis Novara brachte, jubelten die Polizisten. In Rom freute sich Staatspräsident Giorgio Napoletano. Die Justizministerin gratulierte den Polizisten. Im ewigen Kampf gegen das organisierte Verbrechen hatte der italienische Staat wieder einmal einen Sieg errungen.

    Er war einer der Meistgesuchten Italiens: Michele Zagaria kurz nach seiner Festnahme am Mittwoch. Foto: dpa

    Rom (DT) In einem Bunker fünf Meter unter einem Einfamilienhaus – dort hat er gelebt, der „König von Gomorrha“, Michele Zagaria. Zwanzig Quadratmeter, keine Fenster, dafür Monitore, die die Bilder der Überwachungskameras von draußen wiedergaben. Sich so etwas bauen lassen, das konnte er, denn Zagaria war Bauunternehmer. Und Italiens meistgesuchter Camorra-Boss. Einer der Oberhäupter des Clans der Casalesi. Bis Mittwoch früh, dann haben sie ihn aus dem Bunker herausgeholt. In dem kleinen Örtchen Casapesenna bei Casal di Principe in der Region Kampanien. Dreihundert Polizisten waren im Einsatz. Sechzehn Jahre war Zagaria untergetaucht. Als ihn ein Polizeiwagen in das Hochsicherheitsgefängnis Novara brachte, jubelten die Polizisten. In Rom freute sich Staatspräsident Giorgio Napoletano. Die Justizministerin gratulierte den Polizisten. Im ewigen Kampf gegen das organisierte Verbrechen hatte der italienische Staat wieder einmal einen Sieg errungen.

    Roberto Savianos Buch „Gomorrha“ beschreibt alles

    Es war der Schriftsteller Roberto Saviano, der im Camorra-Milieu aufgewachsen ist, der vor fünf Jahren die Welt der Casalesi bekannt gemacht hat. Sein berühmtes Buch, auf Deutsch mit dem Titel „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ im Hanser-Verlag erschienen, wurde sogar verfilmt. Seither hält sich Saviano an unterschiedlichen Orten auf. Zu den Sondersendungen, die es am Mittwochabend im italienischen Fernsehen gab, war er diesmal aus New York zugeschaltet. Es war ein großer Tag für ihn. Das Haupt des Clans, dessen Praktiken er in seinem Buch beschrieben hatte, war endlich gefasst. Nochmals erklärte er das Grundprinzip: Die Clans der Camorra sind keine Mafiosi, die mit dem ergaunerten Geld in die Wirtschaft einsteigen, sondern sie sind Unternehmer, die von Zeit zu Zeit mit Mafia-Methoden nachhelfen, um sich den wirtschaftlichen Erfolg zu sichern. Als Bauunternehmer, als Händler oder Immobilienbesitzer. Einer der leitenden Staatsanwälte, die Michele Zagaria sechzehn Jahre lang jagten, gab in einer Sendung unumwunden zu, dass erst das Buch Savianos den Ermittlern klar gemacht habe, wie die Camorra funktioniert. Vier Bosse des Clans der Casalesi hat man schon dingfest gemacht. Jetzt schnappte man das Haupt der Schlange.

    Und was fanden die Ermittler in dem High Tech-Bunker? Ein Bett, einen Computer, eine Wechselsprechanlage „mit oben“. Sowie ein Kruzifix, das Buch „Gomorrha“ von Roberto Saviano und eine Biografie des Apple-Gründers Steve Jobs. Sonst nicht viel, keine Waffen, kein Geld. Der Mann, den man da abführte, hätte auch Autohändler sein können, oder Handwerker oder Wirt. Die Menschen in Casapesenna sind an diesem Abend betroffen. Vor fünfzig Jahren habe der Staat diese Region allein gelassen, sagen sie. Und die Casalesi gaben ihnen, was sie brauchten. Der Pfarrer erklärt im Interview lapidar, dass Zagaria für ihn ein Gläubiger wie alle anderen Gläubigen gewesen sei. Ein junger Mann befürchtet, dass nun die Bandenkriege wieder ausbrechen könnten. Bandenkriege, von denen auch Buch und Film „Gomorrha“ erzählen.

    Doch die „Cupola“ der Casalesi hat sich nicht nur in den zersiedelten Gegenden im Hinterland Neapels um Casal di Principe herum ihr Reich geschaffen. Sie hatte Bauaufträge in der Emilia Romagna, mischte bei der Errichtung der größten Einkaufzentren Italiens mit, konnte Häuser in Mailand bauen. Wurde ein Bankkredit einmal nicht gewährt, wusch man schmutziges Geld mit Hilfe von korrupten Abteilungsleitern großer Bankhäuser und erhielt eben dieses Geld als Kredit. Auch Politiker machte man sich gefügig. Zurzeit läuft ein Verfahren gegen den Statthalter des „Volks der Freiheit“ Silvio Berlusconis in der Region Kampanien, Nicola Cosentino. Er soll in die Geschäfte der Casalesi verwickelt sein. Politiker kauft man mit Geld – oder mit Stimmen, die man ihnen bei Wahlen als sicher garantiert. So wie Michele Zagaria am Anfang seiner „Karriere“ dem italienischen Milchproduzenten Parmalat zugesichert hatte, dass die Händler in seiner Region feste Mengen von Produkten aus dem Hause Parmalat abnehmen. Nur in Einzelfällen haben die Casalesi ein wenig nachgeholfen, wenn die Konkurrenz einzuschüchtern oder auszuschalten war. Dann aber floss Blut.

    Bleierne Trauer in der Heimat des Festgenommenen

    Ob sich der italienische Staat nach diesem Schlag gegen das Reich „Gomorrha“ endgültig von der Krake des organisierten Verbrechens befreien kann? Man hat die Mafia oder die Camorra immer wieder mit einem Drachen verglichen, dem mehrere Häupter nachwachsen, wenn man eines abgeschlagen hat. Das Örtchen Casapesenna hat am Mittwoch nicht aufgeatmet, sondern fiel in bleierne Trauer. Die Jugend in den großen Städten, die ist bereit, gegen die Mafia demonstrieren zu gehen. Da ist das chic und es kann nichts passieren. In den Gegenden um Neapel herum und in Neapel selbst sieht das schon ganz anders aus. Am Ende zählt der, der einem Arbeit gibt. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Italien bei dreißig Prozent, im Süden sogar höher. Das ist ein üppiges Reservoir für nachwachsende Köpfe.