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    Brasilia – eine künstliche Hauptstadt

    Brasilia (DT) Vorabendmesse in der Pfarrkirche Dom Bosco in Brasilia: In der brasilianischen Hauptstadt gilt sie als Kirche mit der schönsten Innenarchitektur, schöner sogar als die vom Stararchitekten Oscar Niemeyer geschaffene Metropolitankathedrale. Vorherrschende Farbe in der Dom Bosco-Kirche ist Blau: Die Wände bestehen von oben bis unten aus Glasmosaiken in unterschiedlichsten Blautönen, in denen sich das Licht eines enormen Kristallleuchters bricht. Zur Zeit der Vorabendmesse ist die Kirche gut gefüllt. Bei der Hautfarbe der Gottesdienstbesucher dominiert Weiß. Es sind aber auch dunklere Hautschattierungen vertreten – die brasilianische Hauptstadt zieht immer mehr Zuwanderer aus anderen Regionen des Landes an.

    Brasilia (DT) Vorabendmesse in der Pfarrkirche Dom Bosco in Brasilia: In der brasilianischen Hauptstadt gilt sie als Kirche mit der schönsten Innenarchitektur, schöner sogar als die vom Stararchitekten Oscar Niemeyer geschaffene Metropolitankathedrale. Vorherrschende Farbe in der Dom Bosco-Kirche ist Blau: Die Wände bestehen von oben bis unten aus Glasmosaiken in unterschiedlichsten Blautönen, in denen sich das Licht eines enormen Kristallleuchters bricht. Zur Zeit der Vorabendmesse ist die Kirche gut gefüllt. Bei der Hautfarbe der Gottesdienstbesucher dominiert Weiß. Es sind aber auch dunklere Hautschattierungen vertreten – die brasilianische Hauptstadt zieht immer mehr Zuwanderer aus anderen Regionen des Landes an.

    Nach einem kühlen Regentag in Sao Paulo schlägt einem in Brasilia trockene Hitze entgegen. Die Stadt liegt auf einem Hochplateau inmitten einer steppenartigen Landschaft mit bizarrer Pflanzenwelt und ist für sein trockenes Klima bekannt, insbesondere in den Monaten Dezember bis März, dem brasilianischen Sommer.

    Eine Stadt der Autofahrer, nicht der Fußgänger

    Auf der Fahrt vom Flughafen erhascht der Besucher erste Eindrücke von der „Cidade da Esparança“, der „Stadt der Hoffnung“, die vor 50 Jahren von Oscar Niemeyer zusammen mit dem Städteplaner Lúcio Costa als erste „künstliche Hauptstadt“ der Welt konzipiert und 1987 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt worden war. Zunächst geht es vorüber an modernen, großzügigen Villen auf weitläufigen Grundstücken, von Stacheldraht-bewehrten Mauern umfriedet. Brasilia ist eine wohlhabende Stadt, verzeichnet nach aktuellen Statistiken sogar das durchschnittlich höchste Pro-Kopf-Einkommen Lateinamerikas. Aber: Die Einkommen sind hier wie überall in Brasilien ungleich verteilt. In den wuchernden Satellitenstädten, entstanden aus den Arbeitersiedlungen der Gründerzeit Ende der fünfziger Jahre, wächst der Anteil armer Menschen rasant. Und die Wohlhabenden in Brasilia versuchen sich gegen die zunehmende Kriminalität zu schützen – dies jedenfalls signalisiert der Stacheldraht. Brasilia, die lange als „sichere Stadt“ galt, liegt inzwischen innerhalb Brasiliens bei der Zahl von Gewaltdelikten mit Todesfolge auf Platz fünf.

    Ein weiteres vermittelt die Fahrt vom Flughafen an ersten Eindrücken: Brasilia ist eine Stadt der Autofahrer, Fußgänger sind nicht mit eingeplant, Gehsteige fehlen völlig. Die Zahl der Verkehrstoten in Brasiliens Hauptstadt liegt entsprechend hoch. Die Fahrt vom Flughafen endet zuerst an der Deutschen Botschaft im „Sector de Embaixadas Sul“, den „Südlichen Gesandtschaftssektor“. Brasilia ist in verschiedene Sektoren eingeteilt: Außer dem Südlichen gibt es den „Nördlichen Gesandtschaftssektor“, ferner einen „Sektor der Clubs und Sportzentren“; es gibt einen Nördlichen und einen Südlichen Wohnsektor. Den Kern der Stadt bildet jedoch der Regierungsbezirk mit den Ministerien, dem Kongressgebäude und dem Palast des Präsidenten. Der Stadtplan von Brasilia illustriert die Rationalität einer Stadt, die am Reißbrett entstanden und auf ihre Funktion als Hauptstadt und Regierungssitz hin ausgerichtet ist.

    Hermann Sausen, Geschäftsträger der Deutschen Botschaft, empfängt die Gäste. Architektonisch bemerkenswert ist das Gebäude der Botschaft. Es wurde zwischen 1963 und 1971 nach den Plänen von Hans Scharoun (1893–1972) gebaut – einem der bedeutendsten Vertreter der sogenannten organischen Architektur. Helle, transparent wirkende Räume, Vielfalt der Formen, hohe Glasfronten, die ein optisches Zusammenfließen zwischen Innenräumen und dem parkartig gestalteten Garten ermöglichen, fallen ins Auge.

    Beim Rundgang durch die Botschaft berichtet Hermann Sausen vom Leben in der „künstlichen Hauptstadt“ Brasilia: „Früher verschwanden alle, die hier arbeiten mussten, am Wochenende in Richtung Rio de Janeiro oder Sao Paulo – Brasilia galt als tote Stadt, ohne Eigenleben. Das ändert sich jetzt zunehmend. Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, die in Brasilia nicht nur arbeiten, sondern die sich auch mit dieser Stadt identifizieren.“

    Dazu trägt auch die wachsende Vielfalt an Kultur- und Freizeitangeboten bei. Am Wochenende herrscht in den Clubs und Restaurants Brasilias pulsierendes Leben wie in jeder anderen Stadt des Landes. Sonntags im Restaurant „Mangai“ etwa ist um die Mittagszeit das für seine ausgezeichnete Küche bekannte Lokal überfüllt: Familien schlängeln sich vorbei an dem langen Buffet mit Spezialitäten aus verschiedensten Regionen des Landes. Stimmengewirr, Kindergeschrei. Von draußen dringt blendende Helligkeit in den großen, durch einen Vorhang aus Holzperlenketten unterteilten Raum.

    Zusehends mehr Menschen leben von der Müllverwertung

    Ein besonderer Anziehungspunkt ist sonntags auch das mit 224 Metern höchste Bauwerk Brasilias, der Torre de Televisao, der Fernsehturm. Von der Aussichtsplattform bietet sich ein wunderbares Panorama. Und rund um den Turm findet an jedem Wochenende Brasilias beliebtester Kunsthandwerkermarkt, die „Feira da Torre“, der „Jahrmarkt am Turm“, statt.

    Auf dem Rasenplatz am Fuße des Torre haben sich Jugendliche in Grüppchen zum Schwatzen niedergelassen. Ein paar Jungen spielen mit Lautstärke Fußball. Am Rande ist eine korpulente, sich schwerfällig bewegende Frau zu beobachten, während sie den Müll der Marktbesucher, Glasflaschen und Plastik sorgfältig aufsammelt, prüft und, sofern noch für gut befunden, in einen geräumigen Sack steckt – die andere Seite Brasilias: Zusehends mehr Menschen aus den armen Vorstädten leben von der Müllverwertung. Manche versuchen, sich mit der Verarbeitung von Glas und Plastik ein Kleingewerbe aufzubauen, „Meine Familie und ich möchten so ein kleines Geschäft gründen“, erzählt ein junger Mann, der etwa 20 Jahre alt sein mag. „Aus Plastik kann man doch sehr viel machen – wir hoffen, das dann verkaufen zu können.“

    Inmitten des Markttreibens sitzt in gelassener Haltung eine ältere Senhora. An ihrem Stand hat sie rundum einen kleinen Aufbau aus Stofftieren errichtet: alles Hühner, manche kleiner und dünner, manche groß und dicklich. Einige tragen Kleider aus Karostoff, andere wiederum sind mit kleinen Blümchen- oder schneckenartigen Mustern geschmückt – jedes Huhn: ein Unikat. „Alle handgemacht“, sagt die Frau, und ihr kleines, rundes Gesicht strahlt vor Freundlichkeit. „Leben Sie schon lange in Brasilia?“ – „Seit 1962.“ „Dann sind Sie hierher gekommen, als Brasilia noch eine ganz junge Stadt war?“ – „Ja, ich bin aus Mato Grosso gekommen – seitdem lebe ich hier.“ – „Also sind Sie eine richtige ,capitalina‘, eine Hauptstädterin – stimmt das so?“ Die Frau lacht mit warmer, ein wenig rauer Stimme, nickt bestätigend.

    Rund 30 000 Arbeiter waren am Bau der Stadt beteiligt

    In einem brasilianischen Witz fragt ein Lehrer seine Klasse nach den größten Wüsten der Erde. Ein Schüler hat die Antworten parat: „Sahara, die Wüste Gobi und Brasilia.“ Dieser Witz kennzeichnet die Sicht der Brasilianer auf ihre eigene Kapitale. Zunehmend wird jedoch die „urbane Wüste“ durch Menschen erobert – sie verleihen der Stadt ein eigenes Gesicht, jenseits der futuristisch wirkenden Architektur eines Niemeyer, der planerischen Rationalität eines Costa.

    Augenscheinlich wird dies auch am „Platz der Drei Gewalten“ – mit Kongressgebäude, Oberstem Gerichtshof und Regierungspalast. Den Eingang zum Platz markiert das Denkmal des Präsidenten Juscelino Kubitschek (1902–1976): Er war es, der sich 1956 entschloss, den schon in der Kolonialzeit verwurzelten Traum von einer neuen Hauptstadt Brasilia – im Zentrum des riesigen Landes und in der Nachfolge der alten Hauptstadt Rio de Janeiro – endlich umzusetzen. Ein weiteres Monument, eine hoch aufragende Bronzeskulptur, erinnert an die rund 30 000 Arbeiter, die am Bau der Stadt beteiligt waren. Zwischen den Denkmälern jagen Kinder über den weiten Platz Scharen von Tauben nach, während ihre Eltern auf schmalen Bänken beisammensitzen. Eisverkäufer sind mit ihren Karren unterwegs. Sonntagnachmittag auf dem „Platz der Drei Gewalten“ im Zentrum Brasilias und damit auch im Zentrum des Landes – Brasilia, als Hauptstadt der Zukunft geplant, wird nach und nach zu einer Hauptstadt mit Zukunft.

    Von Anja Kordik