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    Berber, Permakultur, Superfood

    Für die Erfindung der Permakulturen wurde bereits vor 35 Jahren der Alternative Nobelpreis an den Australier Bill Mollison verliehen. Dieser Preis ist eine Auszeichnung für die Gestaltung einer besseren Welt. Mollisons Vision der Landwirtschaft geht von den Vorstellungen eines durch Monokulturen geprägten Ackerbaus aus. Er wollte diesen Prozess durch Kreislaufstrukturen ersetzen. In den zu gestaltenden Lebensräumen sollte das Zusammenleben von Menschen, Tieren und Pflanzen so organisiert sein, dass sie zeitlich unbegrenzt miteinander funktionieren. Jedoch stellt sich durch den drohenden Klimawandel erneut die Frage nach geeigneten landwirtschaftlichen Methoden, gerade in Afrika. Insbesondere hier führt der Klimawandel zu Verwüstungen und weiteren Bodenerosionen. Ein Land, das vieles in diesem Zusammenhang spiegelt, ist Marokko, der Gastgeber der diesjährigen Klimaschutzkonferenz COP22. Gerade an der Küste gibt es dort sehr fruchtbare Bereiche, jedoch an seiner inneren südlichen Grenze auch karge Wüstenlandschaften, die sich bei einem fortschreitenden Klimawandel weiter ausbreiten könnten.

    Der Anbau der Moringa Oleifera-Bäume in Marokko gibt Hoffnung. Foto: TI

    Für die Erfindung der Permakulturen wurde bereits vor 35 Jahren der Alternative Nobelpreis an den Australier Bill Mollison verliehen. Dieser Preis ist eine Auszeichnung für die Gestaltung einer besseren Welt. Mollisons Vision der Landwirtschaft geht von den Vorstellungen eines durch Monokulturen geprägten Ackerbaus aus. Er wollte diesen Prozess durch Kreislaufstrukturen ersetzen. In den zu gestaltenden Lebensräumen sollte das Zusammenleben von Menschen, Tieren und Pflanzen so organisiert sein, dass sie zeitlich unbegrenzt miteinander funktionieren. Jedoch stellt sich durch den drohenden Klimawandel erneut die Frage nach geeigneten landwirtschaftlichen Methoden, gerade in Afrika. Insbesondere hier führt der Klimawandel zu Verwüstungen und weiteren Bodenerosionen. Ein Land, das vieles in diesem Zusammenhang spiegelt, ist Marokko, der Gastgeber der diesjährigen Klimaschutzkonferenz COP22. Gerade an der Küste gibt es dort sehr fruchtbare Bereiche, jedoch an seiner inneren südlichen Grenze auch karge Wüstenlandschaften, die sich bei einem fortschreitenden Klimawandel weiter ausbreiten könnten.

    Der Deutsche Marcus Bongartz kultiviert dort die schnell wachsenden Moringa Bäume (und auch Neem Bäume) quasi aus dem Nichts. Hierzu hat er sich inzwischen in der marokkanischen Oasenstadt Taroudant ein Netzwerk aufgebaut, welches gute Einblicke in Strukturen zulässt. Moringa Oleifera-Bäume gelten als schnell wachsend. In ihren nach Meerrettich schmeckenden Blättern sind für die Ernährung wichtige Antioxidantien, Eiweiße, Aminosäuren sowie Mineralstoffe enthalten. Getrocknete und zu Pulver und dann gepresst in Kapseln verarbeitete Blätter werden als Superfood bezeichnet. Diese soll die Ernährung möglichst umfassend ergänzen und das Wohlbefinden verbessern. Ihre Wirkung ist teilweise wissenschaftlich akzeptiert, jedoch gibt es auch Kritiker, die meinen, in Deutschland ließe sich der gleiche Effekt mit Himbeeren oder Brombeeren erzielen. Abgesichert ist aber die Wirkung der Samen der Moringapflanze bei der Trinkwasserentkeimung. Ein bis zwei handvoll Moringasamen kann einen Liter Trinkwasser entkeimen. Hierzu gibt man die pulverisierten Samen in ein Gefäß mit schmutzigem Wasser. Der gelöste Schmutz und sogar Schwermetalle im Wasser verbindet sich mit den gemahlenen Bestandteilen des Moringasamens und sinkt zu Boden.

    Dieses Wissen hat sich Marcus Bongartz in längerem Eigenstudium erarbeitet. In Deutschland absolvierte er eine Banklehre, war Verkaufsleiter einer renommierten Computerfirma, organisierte Motorradtouren und leitete den Service eines Hotels in Bayern, bevor er sich zum Neustart in dem Maghrebland entschloss. Der Start war holprig. Zunächst versuchte der Deutsche in Zusammenarbeit mit einer Gärtnerei den Startup in Taroudant. Allerdings stand die Partnerschaft unter keinem guten Stern und zerbrach. Jedoch lernte Marcus Mohamed und Abdrahim kennen. Abdrahim betreibt in Taroudant einen Bedarf für die in Marokko noch häufig vertretenen Schuster und ist Kleininvestor für das Projekt des Deutschen. Sein Freund Mohamed – auch „Übersetzer“ und rechte Hand arbeitet etwa 60 Kilometer entfernt als Lehrer. Die Strecke zu seiner Arbeit führt teilweise über eine Schotterpiste. Lehrer haben in Marokko einen schweren Stand. Häufig sind in den Klassen über 40, in Städten wie Casablanca sogar 60 Schüler. Die Unterrichtenden sind schlecht ausgebildet und bezahlt. Mohamed ist ein enger Vertrauter von Bongartz und auch „der Techniker im Team“. Von den Erlösen aus dem Geschäft will er sich eines Tages ein leistungsfähigeres Motorrad kaufen, um die Anfahrtszeit zu seiner Schule zu verkürzen. Zudem studiert er noch Englisch und Französisch. Abdrahim stellt das Land für die ersten Moringabäume zur Verfügung und erhofft sich ebenfalls eine weitere Einnahmequelle. Dann gibt es noch Brahim, seinen Nachbarn. Der ältere Mann lebt von der Honigproduktion und bewirtschaftet zwölf Bienenvölker. Für ein Kilogramm Orangenhonig erhält er 70 Dirham, das sind umgerechnet etwa 6,50 Euro. Dazu produziert er noch Kaktushonig zum Preis von etwa 14 Euro pro Kilogramm. Ein Bienenvolk kann maximal 50 Kilogramm Honig produzieren. Brahim geht Marcus Bongartz zur Hand. Dafür übernimmt dieser seine monatliche Stromrechnung und hin und wieder kauft er ihm notwendige Medikamente. Der Besuch auf dem etwa einen halben Hektar großen Land gibt einen Einblick in die marokkanischen landwirtschaftlichen Strukturen. In einem gemauerten Raum hocken die Männer und beratschlagen, was zu tun ist. Eine Pfeife gehört fast immer dazu. Es geht um die Bewässerung. Das Wasser aus dem Hohen Atlas wird über mehr als zehn Kilometer durch ein Bewässerungssystem aus Beton zu den Feldern geführt. Hierzu Bongartz: „Für die Bewässerung bezahlen wir etwa 50 Euro pro Monat.“ Durch Gräben wird das existenzielle Nass zu den Pflanzen geführt, die teilweise in pyramidenförmigen Gewächshäusern wachsen. Bongartz ist stolz und nennt seine Pflanzen liebevoll meine Babys. Einige haben nach etwa elf Monaten schon Höhen von fünf Metern erreicht. Auch Früchte mit Samen präsentiert der Neubauer stolz. Ein Partner, der Kleininvestor, will weitere Flächen für den Anbau auf dem ansonsten mit etwa 100 Jahre alten Olivenbäumen bepflanzten Land zur Verfügung stellen. Zuvor hatte Marcus Bongartz in seinem Garten aber umfangreich mit der Kreislaufwirtschaft experimentiert. So holte er sich zur Düngung Mineralien aus dem nahen Atlasgebirge und versucht, dem Boden möglichst das zurückzugeben, was ihm zuvor von Menschen und über die Pflanzen entnommen wurde.

    Auch Bongartz hat investiert und einen halben Hektar Land angezahlt. Der Kaufpreis für den von Mörtelwänden umgebenen Boden liegt bei 40 000 Euro. Hinter diesen Begrenzungen finden sich Bananenplantagen; Monokulturen, kommentiert Bongartz diesen Anbau etwas bedrückt, den häufig Einheimische und Franzosen betreiben. Bongartz will die Bodenqualität nach den Ergebnissen der Experimente im eigenen Garten Schritt für Schritt auf seiner Parzelle verbessern. Sein Handeln stößt in Marokko auf gesteigertes Interesse: „War ich zunächst der verrückte Deutsche, interessieren sich die Marokkaner heute für meine Projekte und fragen hin und wieder nach Arbeit bei mir.“ Bongartz ist regelmäßig beim Bürgermeister zum gemeinschaftlichen Essen eingeladen. Auch hat ihn im Süden des Landes eine Phosphatminengesellschaft beauftragt, Menschen im Anbau der Moringa Oleiferas und Permakultur zu schulen. Damit soll dort der trockene und karge Boden kultiviert und wieder begrünt werden. Großes Interesse besteht hier an Samen zur Trinkwasserentkeimung.