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    Jerusalem

    Ausgegrabene Geschichte

    Es wäre eine biblische Sensation: Im nordisraelischen Beit Habeck gehen Archäologen davon aus, den Geburtsort Petri und dessen Bruders Andreas gefunden zu haben.

    Ein in Kreidestein graviertes Kreuz - gefunden bei Beit Habeck. Foto: Zachary Wong

    Während es für die einen die Zeit des sogenannten Sommerlochs ist, sind in Israel die heißen Sommermonate die Glanzzeit der Archäologie. Die Ausgrabungen schreiten voran und fördern neue Blicke in die Vergangenheit ans Tageslicht. Allein in der vergangenen Woche wurden drei bemerkenswerte Funde veröffentlicht. Im nordisraelischen Beit Habeck, auf Arabisch El-Araj, gehen Archäologen davon aus, den Geburtsort des Apostel Petrus gefunden zu haben. In der Negevwüste im Süden Israels ist eine der weltweit ältesten Dorf-Moscheen gefunden worden. Und südlich der Stadtmauern der Jerusalemer Altstadt wurde ein Schutzgraben freigelegt, der die dramatische Geschichte der Belagerung durch die Kreuzfahrer greifbar werden lässt.

    Mosaike, Marmor und Münzen

    Im Jahr 725 pilgerte der Eichstätter Bischof Willibald ins Heilige Land und schrieb in seinem Reisebericht, dass er am See Genezareth auf seinem Gang von Kafarnaum nach Kursi, die Kirche Petri und dessen Bruders Andreas gesehen habe. „Keine andere Kirche wurde zwischen diesen beiden Orten gefunden“, betont Professor Mordechai Aviam vom Kinneret Academic College, der die Ausgrabung zusammen mit Professor Steven Notley vom Nyack College of New York leitet.

    Ausgegraben haben sie bisher die südlichen Überreste eines Gebäudekomplexes, dessen Merkmale auf eine große byzantinische Kirche hinweisen. Erkennbar ist eine Ausrichtung der Kirche entlang der West-Ost-Achse und die Aufteilung in ein Mittelschiff mit zwei Seitengängen. Zudem wurden vergoldete Mosaikreste, Marmorfragmente einer Chorschranke und ein in Kreidestein graviertes Kreuz gefunden. Und auf der Grundlage von mehr als 100 gefundenen Münzen nehmen die Archäologen an, dass die Kirche im fünften Jahrhundert gebaut wurde und dann ab dem siebten oder achten Jahrhundert verfiel.

    Nach christlicher Tradition stand die Kirche Petri und desen Bruders Andreas über deren Geburtshaus. Steven Notley verweist jedoch darauf, dass die Identifizierung der Ruinen mit der von Bischof Willibald beschriebenen Kirche solange theoretisch bleibt, bis sie zum Beispiel durch eine Inschrift belegt werden kann: „Es wäre normal, in einer Kirche der byzantinischen Zeit eine Inschrift zu finden, die beschreibt, in wessen Andenken sie gebaut wurde.“

    Eine Moschee aus der Frühzeit des Islam

    Vermutlich wurde die Kirche mit dem Aufstieg des umayyadischen Kalifats und der islamische Präsenz im Land im späten siebten oder frühen achten Jahrhundert verlassen und aufgegeben. Kurz nach der Entstehung des Islams war bereits im Jahr 635 das gesamte Gebiet Palästinas außer Caesarea und Jerusalem durch die muslimischen Feldherren Shurahbil ibn Hasana und Amr ibn al-As erobert worden. Jerusalem wurde 637 erobert und Caesarea fiel 640. Wie schnell der Islam auch die ländlichen Gegenden durchdrang, zeigt eine nun in der beduinischen Stadt Rahat im Süden Israels von der israelischen Altertümerbehörde ausgegrabene Moschee.

    Etwa 25 Meter entfernt von den Ruinen eines Bauernhofes, der aus der Zeit Ende des sechsten Jahrhunderts bis Anfang des siebten Jahrhunderts stammt, wurde ein kleines, bescheidenes Gebäude gefunden, dessen Fläche insgesamt nur sechs Quadratmeter misst und wahrscheinlich nur für eine oder zwei Familien des Dorfes gebaut wurde. Zu erkennen ist noch die charakteristische Gebetsnische Richtung Mekka. Die umayyadische Herrschaft wurde 750 durch die religiös asketischer geltenden Abbasiden gestürzt. Im Jahr 979 wurde dann Jerusalem von der aus Ägypten stammenden schiitischen Dynastie der Fatimiden erobert, die gegen das sunnitische Abbasidenkalifat von Bagdad um die Vormachtstellung in der islamischen Welt kämpften.

    Die muslimische Herrschaft in Jerusalem kam am 15. Juli 1099 zu einem vorläufigen Ende, als die Kreuzfahrer nach einer fünfwöchigen Belagerung in die Stadt vordringen konnten. Archäologen der amerikanischen University of North Carolina haben nun in Kooperation mit dem israelischen Ashkelon Academic College einen etwa 17 Meter breiten und vier Meter tiefen Schutzgraben in der Nähe des Jerusalemer Zionstors ausgegraben, den die fatimidischen Truppen wahrscheinlich gegraben haben, als sie hörten, dass die Kreuzfahrer sich der Stadt näherten.

    Schmuckstücke erleuchten die Geschichte

    Der ausgrabende Archäologe Shimon Gibson vermutete bereits 2014, dass er den in den Chroniken erwähnten Schutzgraben gefunden habe, da die Erdschichten an dieser Stelle nicht von der Stadtmauer weg, sondern zu ihr abfielen. Während der Ausgrabung wurden Überreste von Seladon-Keramik aus dem 11. Jahrhundert, die von den Fatimiden aus China importiert wurde, gefunden. In den Steinruinen eines nur wenige Meter von dem Schutzgraben entfernten gefundenen Hauses, das Schäden von dem 1033 sich in Jerusalem ereignenden Erdbebens aufweist, wurden zudem zahlreiche Pfeilspitzen sowie zwei Kreuzanhänger, die die Kreuzfahrer traditionell auf ihren Brüsten trugen, gefunden. Vermutlich suchten die Kreuzfahrer in den Ruinen des Hauses Schutz.

    Bei den Ausgrabungen dieses im 11. Jahrhundert verlassenen Hauses wurde auch ein fatimidisches Schmuckstück entdeckt. Es ist acht Zentimeter lang und aus Gold, Perlen und Halbedelsteinen hergestellt. „Wer hat es verloren? War es jemand, der sich vor den Kreuzfahrern versteckt hat? War es etwas, das Teil der Beute war, Kriegsbeute, von einem Kreuzfahrer-Soldaten? Oder war es ein Teil des Goldes, das vom Kommandanten ausgegeben wurde, der diesen Graben füllen lassen wollte?“, fragt sich Shimon Gibson.

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