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    Auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben

    Ghassan K., lutherischer Christ und Palästinenser, ist Organist in der lutherischen Erlöserkirche in Jerusalems Altstadt. Seine Frau Rima, mit der er drei Kinder hat, kann ihn sonntags nicht in die Kirche begleiten. Grund ist das „Nationality and Entry into Israel Law“ von 2003 (jüdisches Jahr 5763), das es israelischen Bürgern oder Einwohnern untersagt, mit ihren Partnern aus den palästinensischen Gebieten in Israel, selbst im palästinensischen Ost-Jerusalem zu leben; Rima stammt aus dem nördlichen West-Jordanland.

    Das Schicksal des Christen Ghassan: Aufgrund des Gesetzes ist er allein für alle Außenkontakte zuständig. Foto: JZ

    Ghassan K., lutherischer Christ und Palästinenser, ist Organist in der lutherischen Erlöserkirche in Jerusalems Altstadt. Seine Frau Rima, mit der er drei Kinder hat, kann ihn sonntags nicht in die Kirche begleiten. Grund ist das „Nationality and Entry into Israel Law“ von 2003 (jüdisches Jahr 5763), das es israelischen Bürgern oder Einwohnern untersagt, mit ihren Partnern aus den palästinensischen Gebieten in Israel, selbst im palästinensischen Ost-Jerusalem zu leben; Rima stammt aus dem nördlichen West-Jordanland.

    Trotz des Bemühens von Rechtsanwälten und Menschenrechtsorganisationen ist es dem Ehepaar K. auch nach 20 Jahren Ehe nicht gelungen, für Rima einen Jerusalem-Ausweis und damit einen sicheren Aufenthaltsstatus zu erhalten. In dieser „verbote- nen Familie“ ist daher Ghassan allein für alle Außenkontakte zuständig: Arzt- und Schulbesuch, Behördengänge und Einkäufe.

    Drei Schicksale von Christen – fast jeder der nur noch 8 000 bis 10 000 einheimischen Christen Jerusalems kann solche Ge- schichten erzählen. Ihre Litanei ist eine lange und in Europa kaum bekannt. Das katholische Menschenrechtszentrum St. Yves stellt ihnen, jedoch auch Muslimen, kostenlosen Rechtsbeistand zur Verfügung: sei es, dass jemand seinen Umzug von Gaza nach Bethlehem registrieren lassen oder die Familienzusammenführung beantragen will. Die meisten Palästinenser kennen ihre Rechte nicht, bei vielen stellt die Antrag- stellung eine unüberwindliche Hürde dar. Schon beim Ausfüllen der Formulare in hebräischer Sprache (obwohl Arabisch die zweite offizielle Sprache ist) scheitern sie. Gleiches gilt für das Verstehen von offiziellen Schreiben oder Rechnungen. Da benö- tigen Palästinenser professionelle Hilfe beim Übersetzen und Ausfüllen.

    Derzeit arbeiten 21 Mitarbeiter – Christen, Muslime und ein Jude – bei St. Yves, das auch von Misereor und MISSIO unterstützt wird. Die Bandbreite der Themen umfasst das Aufenthaltsrecht in Jerusalem, Bewegungsfreiheit, Landbeschlagnahmung und Hauszerstörung. Laut St. Yves leben in Ost-Jerusalem etwa 60 000 Palästinenser, die schwarz gebaut haben, mit der ständigen Angst vor Hausabriss – bei 1 600 anhängigen Abrissbefehlen. Wer in Europa ahnt schon, dass man als Palästinenser oder Armenier Ost-Jerusalems entweder keine Baugenehmigung erhält oder nur nach jahrelangem Warten oder nach Entrichten einer fünfstelligen Dollarsumme für die Baugenehmigung?

    „In westlichen Demokratien macht man nicht die Erfahrung des Kreuzes, des Gekreuzigtwerdens und der Entmenschlichung. Dort kann man sich immer ans Gesetz und an die Justiz wenden, hier nicht“, erklärt der palästinensische Pfarrer Naim Ateek von der anglikanischen Kirche. 1993. Nach der 1. Intifada, dem ersten Aufstand der Palästinenser gegen die Besatzungsmacht Israel, gründete er das palästinensische Zentrum für Befreiungstheologie Sabeel. Von Anfang an hat ihn und seine Mitarbeiter die Frage begleitet: Was bedeutet die Frohe Botschaft für uns Palästinenser in einem Alltag unter Militärbesatzung und in Unfreiheit?

    Seit Jahrzehnten wandern Christen aus Ost-Jerusalem auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben aus – nach Europa, Nordamerika oder in die Golfstaaten. Der erste israelisch-arabische Krieg 1948/49 hatte durch Vertreibung und Flucht bereits alle Christen West-Jerusalems entwurzelt und in alle Welt verstreut, manche jedoch nur wenige hundert Meter weiter nach Ost-Jerusalem gebracht. Während in Jerusalem 1944 die Zahl der einheimischen Christen fast 30 000 betrug, ist es heute höchstens ein Drittel davon. Nur einer von 100 Jerusalemern ist Christ. Und diese Minderheit ist in Dutzende von Kirchen aufgesplittert: Zu den großen zählen die lateinische, wie man die römisch-katholische Kirche des Heiligen Landes nennt und die griechisch-orthodoxe: beide zählen Seelen im vier- stelligen Bereich. Die meisten Kirchen jedoch, darunter beispielsweise die lutherische, anglikanische oder syrisch-katholische Kirche haben höchstens jeweils 200 Mitglieder. Die täglich gelebte Ökumene funktioniert. Es gibt so gut wie keine christliche Familie, die nicht aufgrund von Heiraten aus Angehörigen unterschiedlicher christlicher Konfessionen besteht. Auch auf offizieller Ebene sei das Verhältnis in den vergangenen Jahren besser geworden, erzählen Kirchenkenner.

    Daran hat auch das Jerusalem-Inter- church-Centre (JIC) einen Anteil, das Sprachrohr der Christenheit im Heiligen Land. Eine solche gemeinsame christliche Anlaufstelle hatten um die Jahrtausend- wende die Kirchenoberhäupter gefordert. 2002 wurde deshalb das JIC geschaffen, „um als ökumenische Plattform für christliche Organisationen zu fungieren“, erklärt der Geschäftsführer Yousef Daher. Der 50-jährige palästinensische Christ ist Vater von fünf Kindern und gebürtig aus Jerusalem. Er und eine von der schwedischen Kirche entsandte Kollegin erstellen Situationsanalysen, verrichten Öffentlichkeitsarbeit, wollen die lokalen Kirchen stärken und arrangieren Begegnungen mit Kirchenoberhäuptern für kirchliche Würdenträger, Politiker oder Presseleute aus dem Ausland. So brachte das JIC beispielsweise Papst Franziskus mit palästinensischen Christen ins Gespräch.

    Yousef Dahers eindringlicher Appell lautet: „Sie müssen uns helfen, Druck auf Israel auszuüben, diese Besatzung zu beenden. Die tötet uns nämlich. Üben Sie über Ihre Kirchen Druck auf Ihre Regierungen aus, dass das hier aufhört. Gibt es in absehbarer Zeit keine Konfliktlösung, werden wir noch mehr Christen verlieren, vor allem in Ost-Jerusalem und im Raum Bethlehem. Die Lage der palästinensischen Christen, vor allem in Ost-Jerusalem, ist miserabel.“

    Vom Autor ist kürzlich im Echter-Verlag sein drittes Buch erschienen: Begegnungen mit Christen im Heiligen Land. Ihre Geschichte und ihr Alltag. Mit praktischen Reise- und Geheimtipps, 144 S., € 14,90