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    Armenviertel in Rio de Janeiro mit neuer Strategie befrieden

    Rio de Janeiro (DT/KNA) In Rio de Janeiros Postkartenmotiv ist endlich Ruhe eingekehrt. Ende letzter Woche hat die Polizei auch den letzten Favela-Slum im weltberühmten Stadtviertel Copacabana mit einer „Befriedungseinheit“ besetzt, der „Unidade de Policia Pacificadora“ (UPP). Die Drogenbanden seien vertrieben worden, so die Stadtregierenden, die nicht noch einmal einen solchen Imageschaden für die Olympia-Stadt 2016 riskieren wollen wie im Oktober, als Kriminelle einen Polizeihubschrauber vom Himmel schossen. Nur wenige Tage nach der Entscheidung, die Spiele an Rio zu vergeben, wurden damals bei Gefechten zwischen Drogenbanden und der Polizei mehr als 50 Menschen getötet.

    Rio de Janeiro (DT/KNA) In Rio de Janeiros Postkartenmotiv ist endlich Ruhe eingekehrt. Ende letzter Woche hat die Polizei auch den letzten Favela-Slum im weltberühmten Stadtviertel Copacabana mit einer „Befriedungseinheit“ besetzt, der „Unidade de Policia Pacificadora“ (UPP). Die Drogenbanden seien vertrieben worden, so die Stadtregierenden, die nicht noch einmal einen solchen Imageschaden für die Olympia-Stadt 2016 riskieren wollen wie im Oktober, als Kriminelle einen Polizeihubschrauber vom Himmel schossen. Nur wenige Tage nach der Entscheidung, die Spiele an Rio zu vergeben, wurden damals bei Gefechten zwischen Drogenbanden und der Polizei mehr als 50 Menschen getötet.

    Die Reaktionen der Weltpresse zeigten der Stadtverwaltung, dass das Vertrauen in die Sicherheit der Fußball-WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016 erschüttert ist. Gouverneur Sergio Cabral reagierte mit dem Einsatz einer Spezialtruppe der Polizei, die Ende letzten Jahres damit begann, die Favelas rund um die bekannte Südzone der Stadt zu besetzen. Das erklärte Ziel der Aktion sei dabei die Bekämpfung des Drogenhandels und ein Ende bewaffneter Konflikte. In der vergangenen Woche wurden mit Morro dos Cabritos und Ladeira dos Tabajaras die letzten der Favelas an den Hügeln der Copacabana besetzt. Dabei geht die Polizei neue Wege und organisiert die Aktionen gemeinsam mit Vertretern der Anwohner und ohne die in der Vergangenheit eingesetzten schweren Waffen. Lediglich mit ihren Dienstpistolen bewaffnet, patroullieren die Beamten nun. Zudem setzt man häufig weibliche Polizisten ein, um Vertrauen gegenüber den Bewohnern zu schaffen.

    Die Strategie scheint zu funktionieren. Die Bewohner begrüßten die Polizeipräsenz, so Claudio Carvalho, Präsident der Anwohnervereinigung der beiden Favelas. Schließlich soll neben der Besetzung auch die Infrastruktur in den ungeordnet errichteten Vierteln verbessert werden. „Wir wurden stets von den öffentlichen Stellen diskriminiert, was die Sicherheit angeht aber auch die Basisversorgung mit Wasser und Strom,“ so Carvalho, der etwa 25 000 Bewohner des hoch über den Mittelklassehäusern von Copacabana gelegenen Viertels vertritt. Jetzt kümmere sich die Stadtverwaltung um die Menschen. Neben den 120 Polizisten, die in der Ladeira dos Tabajaras Dienst tun, sieht man überall Arbeiter die Stromkabel verlegen und Wege ausbessern. Nach Jahrzehnten der Nichtbeachtung scheinen die Menschen hier nun endlich in der Stadtgemeinschaft angekommen zu sein. Die Drogenhändler des Comando Vermelho (Rotes Kommando), die bis vor wenigen Wochen die Favelas in Copacabana beherrschten, haben sich in nördliche Viertel abgesetzt. Aber auch hier soll demnächst gehandelt werden. „Bis Juni werden 3.300 neue Rekruten eingestellt“, verspricht der Gouverneur.

    Neben Copacabana hat die Polizei UPPs in anderen Favelas der Stadt eingerichtet: in Dona Marta, Jardim Batam und in der Cidade de Deus, der durch den Film „City of God“ berühmt gewordenen „Stadt Gottes“ in Rios Norden. Insgesamt 160 000 Favelabewohner stehen so unter direktem Schutz. Und schon bald sollen es mehr als 300 000 sein. Es bleibe abzuwarten, ob sich die riesigen Favelakomplexe im Norden der Stadt ebenso leicht befrieden lassen wie die kleinen der Südzone, warnen Kritiker. Die Gangster hätten dort ihre Bastionen verstärkt. Fernab der Traumstrände müsse die Regierung zeigen, ob sie es ernst meine. Claudio Carvalho glaubt, dass die neue Polizeistrategie nur mit den kommenden sportlichen Großereignissen zusammenhängt. „Jetzt wollen sie das Feld bereinigen, damit alles in Ordnung ist, wenn die Spiele beginnen.“ Über die Drogenbanden will er nichts sagen. Man könne ja schließlich nicht wissen, ob Gouverneur Cabral wiedergewählt werde oder seine Politik ändere und die Polizei wieder abzieht. Und dann würden die Gangster sehr schnell wieder die Macht übernehmen. Die Polizei mag also in den Favelas angekommen sein, das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Politiker ist es noch nicht.

    Von Thomas Milz