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    Afrika: Horst Köhler spricht mit Asfa-Wossen Asserate

    Berlin (DT) Wieviel Geschichte ist mit im Spiel, wenn sich ein Äthiopier und ein Deutscher auf ein öffentliches Podium setzen, um über Afrika zu sprechen? Und was kommt erschwerend oder möglicherweise auch erleichternd hinzu, wenn der eine Asfa-Wossen Asserate heißt, ein Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und nach eigenem Selbstverständnis ein Prinz aus dem Hause David ist – und danach sowohl ein Verwandter von König Salomo als auch von Jesus von Nazareth. Und der andere jener Horst Köhler, Ökonom und frühere geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds, der bis zum 31. Mai 2010 neunter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland war und dessen überraschender Rücktritt von diesem Amt für viele Menschen bis zum heutigen Tag unerklärlich geblieben ist?

    Horst Köhler (links) war nach längerer Zeit in der Öffentlichkeit zu hören – im Gespräch mit Asfa-Wossen Asserate zum Th... Foto: Schloss Neuhardenberg

    Berlin (DT) Wieviel Geschichte ist mit im Spiel, wenn sich ein Äthiopier und ein Deutscher auf ein öffentliches Podium setzen, um über Afrika zu sprechen? Und was kommt erschwerend oder möglicherweise auch erleichternd hinzu, wenn der eine Asfa-Wossen Asserate heißt, ein Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und nach eigenem Selbstverständnis ein Prinz aus dem Hause David ist – und danach sowohl ein Verwandter von König Salomo als auch von Jesus von Nazareth. Und der andere jener Horst Köhler, Ökonom und frühere geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds, der bis zum 31. Mai 2010 neunter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland war und dessen überraschender Rücktritt von diesem Amt für viele Menschen bis zum heutigen Tag unerklärlich geblieben ist?

    Was wird der Zuhörer von ihrem Gespräch erhoffen dürfen, wenn es überdies – weil von der Stiftung Neuhardenberg veranstaltet – anderthalb Stunden östlich der deutschen Hauptstadt auf ehemals fürstlich-preußischem Grund stattfindet und laut Programmheftankündigung „nicht erneut die gängigen Klischees des dunklen Kontinents der Krisen, Kriege, Katastrophen und der Korruption“ bemüht werden sollen, sondern es „den Gesprächspartnern vor allem um die Vermittlung eines lebendigen Bildes von einem Afrika im Aufbruch“ geht, „das sein Schicksal in die eigene Hand nimmt“?

    Soll der neugierig Anreisende sicherheitshalber vorab Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ aus dem Bücherschrank nehmen, wo es bereits im bezeichnenderweise „Höllenfahrt“ betitelten „Vorspiel“ heißt: „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen? Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Frage steht; dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und O all unseres Redens und Fragens bildet, allem Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht.“?

    Wie werden aus Stämmen zukunftsfähige Staaten?

    Es lohnt sich hier deshalb den Meister aus Lübeck zu zitieren, weil in seinem barock-mäandernden Satzgefüge bei genauem Nachdenken alles enthalten ist, was der aus seinem untergegangenen Kaiserreich verstoßene Prinz und der Präsident außer Diensten in ihrem vom Publizisten und Diplomaten Manfred Osten kundig moderierten Erkundungsgang durchs heutige Afrika mitteilen konnten.

    Denn trotz aller Sachkenntnis blieb auch nach immerhin neunzig Minuten Gesprächszeit das Rätsel Afrika ungelöst. Ein Rätsel ist es uns deshalb geblieben, weil weder der Afrika liebende, sich für Afrikas Fortschritt engagierende Ökonom Köhler noch der Unternehmensberater Asserate diesen widersprüchlichen Kontinent so aufzuschlüsseln vermochte, dass er für einen europäisch-westlich denkenden Menschen wenigstens umrisshaft fassbar geworden wäre.

    Sicher: Wir haben von beiden kundigen Herren erfahren, dass die in Nordafrika rebellierende Jugend in ihren jeweiligen Diktaturen oder Autokratien bislang perspektivlos war und nun zusammen mit einer lebenswerten Zukunft möglicherweise auch den Rechtsstaat will.

    Wir mussten jedoch andererseits hören, dass „sub Sahara“ die Korruption der herrschenden Klasse immer noch ein verheerendes Übel darstellt und die inzwischen durchaus vorhandenen „Großen Köpfe“, wie Asserate die neue Intelligenz nannte, lieber ins westliche Ausland gehen, um dort Karriere zu machen. Doch wie aus 2 610 afrikanischen „tribes“, also Stämmen im ethnischen Sinne, eine zukunftsträchtige Staatenbildung erwachsen kann, wussten beide Gesprächspartnern auch nicht zu sagen.

    Selbstverständlich war auch das gewaltig wirtschaftswachsende und deshalb nach Afrikas Rohstoffen greifende China ein Thema. Ebenso wie die damit einhergehende Anfrage afrikanischer Politiker, ob ihr Kontinent eventuell gar keine Demokratien braucht, um endlich zukunftsfähig zu werden. Denn die erfolgreichen Chinesen haben ja auch keine. Wozu passt, dass das westliche Beharren auf Menschenrechten als Vorwand für Neokolonialismus herhalten muss.

    Auch erinnerte Asserate an den französischen Schriftsteller und Politiker André Malraux und dessen Prophetie: „Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Religion sein, oder es wird nicht sein“ und verwies auf die Jugend seiner Heimat, die sich, wie er sagte, weit mehr um ihr eigenes Seelenheil sorge, als das noch bei seiner Generation der Fall war.

    Afrika unterscheidet nicht zwischen Feind und Gegner

    Und Asserate wies interessanterweise auf ein womöglich außerordentlich signifikantes linguistisches Phänomen hin, wonach es in keiner der rund zweitausend afrikanischen Sprachen ein Äquivalent zum deutschen Wort „Gegner“ gäbe, womit der rundum andersdenkende, gleichwohl zu respektierende Mitmensch gemeint ist. Die Afrikaner kennen sprachlich gesehen nur entweder Freund oder Feind.

    Worin jedoch, jenseits aller ökumenischen, soziologischen und postkolonialen Verwerfungen, die tiefere Ursache dafür liegt, dass die asiatischen Staaten sich aus eigener Kraft aus ihrem uralten Unglück erheben konnten, dem afrikanischen Kontinent dies aber nicht gelingen will, war eine Frage, die auf dem neuhardenbergschen Podium von Manfred Osten nicht gestellt worden ist und deshalb von Horst Köhler und Asfa-Wossen Asserate auch nicht beantwortet werden musste.