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    12 Cent mehr für saubere Kleidung

    Rebecca Khatun hatte kein Glück. Nicht einmal drei Monate ist es her, dass man sie aus den Trümmern des eingestürzten Fabrikhochhauses Rana Plaza gezogen hat. Zerschmettert von einem Stahlträger lag sie einen Tag und eine Nacht unter den Überresten, bis sie von Helfern gerettet wurde. Jetzt behandeln Ärzte die 22-Jährige in einem Krankenhaus nordwestlich von Dhaka, der Sechs-Millionen-Hauptstadt Bangladeschs. Bett an Bett liegt sie in einer langen Reihe mit weiteren Verletzten der Katastrophe, die viele Menschen auch im reichen Westen erschütterte. Einige Schaben umschwärmen das Metallgestell, ein Moskitonetz bedeckt die in Gips gehüllten Stümpfe. Rebecca Khatun wird niemals mehr laufen können. „Ich habe mein linkes Bein und meinen rechten Fuß verloren“, sagt sie einer Reporterin des amerikanischen Radiosenders NPR. Dabei hat die junge Näherin viel mehr verloren als nur ein Bein oder einen Fuß.

    Näharbeiterinnen in Bangladesch auf dem Weg in die Arbeit. Foto: dpa

    Rebecca Khatun hatte kein Glück. Nicht einmal drei Monate ist es her, dass man sie aus den Trümmern des eingestürzten Fabrikhochhauses Rana Plaza gezogen hat. Zerschmettert von einem Stahlträger lag sie einen Tag und eine Nacht unter den Überresten, bis sie von Helfern gerettet wurde. Jetzt behandeln Ärzte die 22-Jährige in einem Krankenhaus nordwestlich von Dhaka, der Sechs-Millionen-Hauptstadt Bangladeschs. Bett an Bett liegt sie in einer langen Reihe mit weiteren Verletzten der Katastrophe, die viele Menschen auch im reichen Westen erschütterte. Einige Schaben umschwärmen das Metallgestell, ein Moskitonetz bedeckt die in Gips gehüllten Stümpfe. Rebecca Khatun wird niemals mehr laufen können. „Ich habe mein linkes Bein und meinen rechten Fuß verloren“, sagt sie einer Reporterin des amerikanischen Radiosenders NPR. Dabei hat die junge Näherin viel mehr verloren als nur ein Bein oder einen Fuß.

    1 127 Tote, 2 438 Verletzte: Das ist die schreckliche Bilanz des Fabrikeinsturzes in Sabhar, einer kleinen Vorstadt im Außenbezirk der bangladeschischen Hauptstadt. Immer wieder gibt es Unfälle in den baufälligen und heruntergekommenen Fabriken des Landes. Der Zusammensturz des Rana Plazas am 24. April aber war die bisher schlimmste Katastrophe in der Geschichte der Textilindustrie Bangladeschs. Und man hätte sie verhindern können. Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. Wenn etwa die Behörden und die Regierung stärker auf die Einhaltung der Baubestimmungen gepocht und die Anweisungen von Polizeibeamten eingehalten worden wären. Denn eigentlich war das achtstöckige Gebäude, in dem eine Bankfiliale, Geschäfte und fünf Textilfabriken untergebracht waren, schon am Vortag wegen Rissen in der Konstruktion gesperrt worden. Doch die Fabrikbesitzer drängten ihre Arbeiter dennoch zum Arbeiten. Der Manager hatte Rebecca Khatun und ihren Verwandten gedroht: „Entweder ihr geht rein, oder ihr werdet nicht bezahlt und verliert eure Arbeit“, erzählt die 22-Jährige der Reporterin. Jetzt sind ihre Mutter, ihre Großmutter und zwei Cousins tot. Von einem fünften Verwandten wurden lediglich Körperteile gefunden. In einem offiziellen Untersuchungsbericht wird es später heißen, dass das Gebäude wegen eklatanter Baumängel kollabiert sei. Der Gebäudebesitzer und die Fabrikbetreiber wurden verhaftet. Dabei tragen westliche Unternehmen mindestens eine ebenso große Verantwortung an dem Desaster.

    Etwa 5 000 Textilfabriken gibt es in Bangladesch. Schätzungsweise 3,5 Millionen Menschen nähen Jeans, T-Shirts und Pullover für die ganze Welt. Für das arme Land ist die Textilindustrie überlebensnotwendig, denn sie bringt dringend benötigte Devisen ins Land. Rund 15 Milliarden Euro setzte die Branche 2012 um. Die Ausfuhren von Textilien, die überwiegend nach Europa und in die USA gehen, machen rund 80 Prozent der gesamten Exporte Bangladeschs aus. Viele westliche Modefirmen lassen in dem Land produzieren. Die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich: Bei 30 Euro pro Monat liegt der gesetzliche Mindestlohn für Textilarbeiter. Für den Hungerlohn müssen sie in heißen Fabrikräumen 14 bis 16 Stunden an sieben Tagen in der Woche schuften. Geltende Standards werden bewusst unterschritten oder ignoriert. Wer sich beschwert oder weigert zu arbeiten, verliert seinen Arbeitsplatz. Und die Behörden schauen tatenlos zu. Als moderne „Sklavenarbeit“ brandmarkte Papst Franziskus die Zustände in dem asiatischen Land.

    Eine kostenlose medizinische Behandlung und etwa 90 Euro Entschädigung hat Rebecca Khatun bekommen. Außerdem wurden ihr noch einmal 1 Millionen Taka (rund 9 000 Euro) versprochen. Ob sie die Entschädigung, die in dem bitterarmen Land viel Geld ist, jemals bekommen wird, ist ungewiss. Von einer Entschädigung will Khatun sowieso nichts wissen. „Sieben Mitglieder meiner Familie arbeiteten hier. Aber nur noch zwei von uns sind noch am Leben. Wie könnten das jemals genug sein?“, sagt sie der Reporterin. Dass die Regierung den gesetzlichen Mindestlohn anheben will und es bald zwei Gewerkschaften geben soll, in denen sich die Arbeiter organisieren können, ist ihr egal. Für Khatun kommt das zu spät. Die westlichen Industriestaaten reagieren, doch zuvor mussten erst Menschen sterben.

    Die EU forderte nach dem Unglück einen strengeren Arbeitsschutz. Teile des Arbeitsrechtes müssen reformiert und internationale Standards eingehalten werden, tönte es aus Brüssel. Doch es ist eine Forderung ohne Nachdruck. Denn Sanktionen bei Nichterfüllung sind nicht vorgesehen. Die USA reagierte entschiedener: Die Vereinigten Staaten entzogen dem Land die Zollvergünstigungen für rund 5 000 Produkte. Ein drastischer Schritt, der die Politiker im Land aufschreckte, aber auch für Kritik sorgte. Menschenrechtsorganisationen, die die Zustände in dem Land anprangerten, hatten zuvor beklagt, dass zu wenig Druck auf die Regierung Bangladeschs ausgeübt werde. Mit freiwilligen Selbstverpflichtungen aus der Wirtschaft werde es dauerhaft keine Verbesserungen geben.

    Ob sich die Arbeitsbedingungen durch den politischen Druck jetzt verbessern werden, bleibt abzuwarten. Einen Funken Hoffnung macht derzeit ein Brandschutz- und Sicherheitsabkommen, das 70 internationale Konzerne, – darunter Unternehmen wie Aldi, Lidl, Tchibo und H&M – nach dem Unglück unterzeichneten. Es trat letzte Woche in Kraft und muss noch umgesetzt werden. Das Abkommen, das für fünf Jahre gelten soll, sieht eine Überprüfung der Fabriken durch unabhängige Fachleute vor. Ein Trainingsprogramm soll Sicherheitspersonal, Arbeiter und Manager für den Ernstfall rüsten. Zugleich soll jedem Beschäftigten das Recht eingeräumt werden, die Arbeit niederlegen zu dürfen, falls er gravierende Sicherheitsmängel entdeckt. Außerdem zahlen die beteiligten Firmen für die Prüfungen. Als ein „Meilenstein“ bezeichneten die beteiligten Textilunternehmen wie KiK das Abkommen. Doch Gisela Burckhardt, Sprecherin der „Kampagne für Saubere Kleidung“ bleibt verhalten: „Wir begrüßen dieses Abkommen. Ich finde es bemerkenswert. Erstmals unterschreiben über 70 Unternehmen rechtsverbindlich ein Abkommen, und sie beteiligen sich auch finanziell daran, damit sich die Sicherheitslage in den Fabriken verbessert. Aber im Prinzip ist das doch eine Selbstverständlichkeit.“ Überhaupt seien mit den Abkommen noch lange nicht die vielen Arbeitsrechtsverletzungen vom Tisch. „Wir haben weiterhin einen viel zu niedrigen Lohn, wir haben weiterhin enorme Überstunden, wir haben weiterhin die Diskriminierung von Frauen und die Unmöglichkeit für Gewerkschaften, in den Fabriken tätig zu werden“, sagt Burckhardt, die sich beim Verein Femnet besonders für die Rechte von Frauen einsetzt. Auch die Ankündigungen der Regierung Bangladeschs, den Mindestlohn anzuheben, müsse man skeptisch betrachten. Das Bewusstsein in der westlichen Bevölkerung ist seitdem enorm gewachsen, glaubt Burckhardt. „Die Leute wollen wissen, woher die Ware stammt und dass kein Blut an ihrer Kleidung klebt.“

    Dass sich die Tragödie von Rana Plaza nicht wiederholt und anderen das Schicksal von Rebecca Khatun erspart bleibt, haben auch die Verbraucher in der Hand, indem sie Kleidung mit Siegeln, etwa der FairWear Foundation kaufen. Die Regierung in Bangladesch ist davon abhängig, dass westliche Unternehmen höhere Preise zahlen. Nach Berechnungen der „Kleidung für saubere Kleidung“ müsste ein Konsument in Deutschland lediglich 12 Cent mehr für ein Kleidungsstück hinlegen, damit die Arbeiter den doppelten Mindestlohn bekommen. Und damit auch einen Teil ihrer Menschenwürde.