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    Die Freiheit gründet im Gewissen

    John Emerich Edward Dalberg Lord Acton lebte im 19. Jahrhundert. Er war Europäer von Geburt aus: Seine Mutter war Deutsche, sein Vater Engländer, die Familie hatte zudem Wurzeln in Italien und Frankreich. Seit Heinrich VIII. war er der erste Katholik, der Mitglied im britischen Parlament wurde. 1834 in Neapel geboren, starb Acton 1902 in Tegernsee – dem Ort, der ihm immer mehr zu seinem Lebensmittelpunkt geworden war. Auf dem dortigen Friedhof liegt er begraben, eine Gedenktafel erinnert heute an ihn.

    John Emerich Edward Acton. Foto: IN

    John Emerich Edward Dalberg Lord Acton lebte im 19. Jahrhundert. Er war Europäer von Geburt aus: Seine Mutter war Deutsche, sein Vater Engländer, die Familie hatte zudem Wurzeln in Italien und Frankreich. Seit Heinrich VIII. war er der erste Katholik, der Mitglied im britischen Parlament wurde. 1834 in Neapel geboren, starb Acton 1902 in Tegernsee – dem Ort, der ihm immer mehr zu seinem Lebensmittelpunkt geworden war. Auf dem dortigen Friedhof liegt er begraben, eine Gedenktafel erinnert heute an ihn.

    Bis heute gilt Acton als der Geschichtsschreiber der Freiheit. Er war über die Maßen produktiv und sein Werk ist bis heute unvermindert aktuell. Die Frage, wie sich in Europa ein Begriff von Freiheit hat entwickeln können, war der Dreh- und Angelpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit über viele Jahrzehnte – und die Suche nach der Ordnung der Freiheit das Kernanliegen seiner so unterschiedlichen und doch miteinander verbundenen beruflichen Tätigkeiten als Publizist, Parlamentarier und Professor.

    Wer die Geschichte der Freiheit erforscht, rückt damit eine Idee in den Mittelpunkt seiner Arbeit, die, als der Versuch einer Bestimmung ihres Begriffs, der Philosophie zu ihren bedeutsamsten Leistungen Anlass gab. Kaum ein Begriff hat mehr, beständiger wie streitiger, das europäische philosophische Interesse stimuliert und inspiriert als jene Sehnsucht der Menschen, die auf Freiheit ausgelegt ist – wobei man erläuternd hinzufügen muss, dass im kontinentaleuropäischen Denken, besonders auch in Deutschland, Freiheit vorzugsweise als die innere Freiheit des Menschen transzendental gedacht wurde, während im angelsächsischen Denken Freiheit immer zugleich auch als die äußere Freiheit der Menschen politisch gesehen wurde. Und so ist Actons Geschichte der Freiheit zugleich eine Suche nach dem rechten Verständnis von Freiheit und ein Ringen um ihren Begriff im Durchgang seiner geschichtlichen Prägungen. Er hatte beide europäische Traditionen – die kontinentale wie die angelsächsische – gleichermaßen im Blick. Das ist ein Vorzug, den der Leser heute besonders zu schätzen weiß.

    Für Acton greift jede Begründung der Freiheit, wenngleich wir sie nur unter historisch und politisch kontingenten Bedingungen beschreiben können, ins Unbedingte. Sie wurzelt in einer Erfahrung, die gerade nicht als geschichtlich bedingt aufscheint, sondern Ausdruck der Bedingungslosigkeit schlechthin ist: der Erfahrung des Gewissens. Freiheit blüht in Verbindung mit dem Gewissen – Acton wird nicht müde, diesen Gedanken immer wieder zu betonen. Frei ist der Mensch, wenn er ohne äußere Behinderung den Versuchungen des Bösen in seinem Inneren ausweichen und der Verführung zur Sünde widerstehen kann. Damit er das tun kann, muss er frei von Zwang sein. Um der inneren Knechtschaft der Sünde nicht zu verfallen, darf der Mensch nicht durch äußere Knechtschaft und Fremdbestimmung zu ihr verführt werden.

    Acton verweist auf den unlösbaren Zusammenhang zwischen innerer und äußerer Freiheit: Die Gewissensfreiheit ist konstitutiv für die Handlungsfreiheit. Deren Richtung darf nicht durch politische Autoritäten vorgegeben werden. Was, so fragt Acton, rechtfertigt eigentlich die Freiheit eines Menschen, vom Staat und anderen Autoritäten unbehelligt zu bleiben in dem, was er nach eigenem Ermessen tut? Warum ist die negative Freiheit der Unabhängigkeit von Bevormundung die Voraussetzung aller ihr nachfolgenden positiven Freiheit zur Selbstbestimmung? Actons Antwort lautet: Weil der Mensch in der Entscheidung über sein Tun einem unbedingteren Anspruch folgt als dem Anspruch jener Dienstbarkeit, die Staat und Politik von den Bürgern rechtmäßig erwarten dürfen. Die Freiheit des Menschen, unbehelligt tun zu können, was eigenem Ermessen entspricht, ist unumgänglich, um tun zu können, was er im Gewissen als das erkannt hat, was getan werden soll.

    Deshalb befreit die Achtsamkeit gegenüber dem Gewissen von äußerlichen Zwängen und aus diesem Grund fordert die Freiheit des Glaubens die Gewährleistung gesellschaftlicher Freiheit. Unser Gewissen verlangt nach Achtung des Gewissens auch der anderen Menschen. Im Gewissen spricht die Stimme Gottes – genauer gesagt: Das Gewissen ist die jeweilige subjektive Wahrnehmung eines objektiven Geltungsanspruchs. In der Wahrnehmung dieses Anspruches kann der Mensch irren. Das ändert aber nichts daran, dass allein die Stimme des Gewissens eine letzte, verbindliche und nicht mehr hintergehbare Gewissheit gibt. Dieses auf Immanuel Kant zurückgehende Verständnis des Gewissens entspricht dem Gewissensbegriff Actons – und er hat ihn wohl bei Joseph Butler, der von 1692 bis 1752 lebte, vor allem aber bei Kant selbst, der seiner Meinung nach in dieser Hinsicht auf den Schultern Butlers steht, gefunden. Das Gewissen ist die Kundgabe Gottes gegenüber dem Menschen und die Selbstbezeugung des Menschen gegenüber allen Versuchen seiner Verzweckung, seiner Inanspruchnahme und seiner Indienststellung. Das Gebot des Gewissens übertrifft jedes staatliche Gebot, weil es bedingungslos gilt. Das Gewissen weist also der Freiheit nicht ihre Grenzen, sondern setzt sie allererst ins Werk, weil es den Menschen vor eine Wahl stellt. Folgerichtig führt der Verfall des Gewissens zum Zerfall der Freiheit. Die Bedingung dafür, dass es Freiheit gibt, findet sich im Gewissen – in jener Deutung der inneren Stimme des Menschen, die schon in der Antike – Acton verweist auf die Stoa – ihre Wurzeln hat und dann im Christentum zur Entfaltung kam.

    Zu den Folgen dieser Verhältnisbestimmung von Gewissen und Freiheit gehört, dass Interessen jeglicher Art das Recht des Menschen nicht beiseiteschieben dürfen. Es gibt nichts und niemanden, der befugt wäre, der Stimme des Gewissens ins Handwerk zu pfuschen oder diese Stimme in ihre Schranken zu verweisen. Gerade weil Acton – ähnlich wie John Henry Newman – dem Gewissen den obersten Rang bei Handlungsentscheidungen zuspricht, ist es wichtig, unter Gewissen nicht das zu verstehen, was heute oft unter dem Begriff verstanden wird: eine Letztbegründung, die sich vor allem durch augenblickliche Neigungen eines Menschen speist. Wer sich heute auf sein Gewissen beruft, will oft nur seine Ruhe haben und vor weiteren Nachfragen verschont bleiben. Der Verweis auf das Gewissen aber meint etwas gänzlich anderes, nämlich die Bezugnahme auf eine Ordnung, die der Wahrheit – und nicht der Laune des Tages – folgt.

    Heute gilt das Gewissen als Ausdruck von Subjektivität – und das ist es auch, als die unhintergehbare Selbstbezeugung eines Menschen und seiner letzten Überzeugungen. Aber Gewissensgründe kann diese Selbstbezeugung nur dann geltend machen, wenn sie eine geprüfte, an der Wahrheit Maß nehmende Überzeugung zum Ausdruck bringt. In der Subjektivität des Gewissens zeigt sich die Objektivität der Wahrheit. Das meint die Redeweise von der Stimme des Gewissens als der göttlichen Stimme im Menschen. Das Gewissen ist Anwalt der Wahrheit – der einen und einzigen Wahrheit, nicht Kundgabe einer Stimmung, einer Meinung oder einer Befindlichkeit. Deshalb – und nur deshalb – fordert das Gewissen die äußere Freiheit für das, was es zu tun – oder, häufiger noch, zu unterlassen – verlangt. Hier liegt für Acton das Maß der Freiheit, das dem Maß des Gewissens entspricht, sowohl in religiösen als auch in politischen Fragen. Was die innere Stimme des Gewissens fordert, ist äußerlich als Freiheit zu gewährleisten. Die innere Autorität des menschlichen Gewissens setzt der äußeren Autorität der Macht ihre Grenzen. Das Gewissen bringt die Wahrheit zu Gehör, beide bestimmen Maß und Ausmaß der Freiheit, sie treiben gleichsam die Freiheit aus sich hervor. Im Gewissen erkennen wir das, was rechtens ist. Was das Gewissen für die Erkenntnis bedeutet, das ist für die Ordnung des Zusammenlebens die Freiheit: Maßstab ihrer Rechtmäßigkeit und Quelle ihrer Wahrhaftigkeit. Im Unbedingten, der Stimme der Wahrheit im Gewissen, begründet sich das Recht auf Freiheit in ihren äußeren, endlichen Möglichkeiten.

    Für Acton findet sich im Gewissen der Ausgangspunkt, von dem aus jede Suche nach der menschlichen Ordnung einzusetzen hat: Es ist freiheitsbegründend, freiheitsfordernd und freiheitsfüllend. In der Klärung des Gewissensbegriffs, der gerade wegen der Gewissheit, die das Gewissen vermittelt, nicht in Schranken verwiesen werden kann, fließen bei Acton wissenschaftliche und geschichtliche Gesichtspunkte mit Überzeugungen der Glaubenslehre zusammen. Für ihn ist die Geisteswissenschaft die beste Waffe im Kampf um die Wahrheit des Glaubens. Als den Vater der „christlichen Wissenschaft“ bezeichnet er Origenes, der von 185 bis um 253/54 lebte, in Alexandria geboren wurde und vermutlich in Tyros an den Folgen erlittener Folterungen starb. Sein Einfluss auf die – und in der – Geschichte der Theologie und der Philosophie ist kaum zu überschätzen. Er war der erste christliche Theologe, wichtiger aber ist: Er war der Urheber und Begründer einer christlichen Philosophie.

    Origenes erkannte die Wahrheit als eine allgemein zugängliche, im Menschen inkarnierte Wahrheit. In vollendeter Weise vollzog sich diese Inkarnation in der Verbindung des historischen Christus mit dem absoluten Logos. Da dieser Logos in jedem Menschen wohnt und ihm unwiderruflich zu eigen ist, wird der Mensch zu einer gewissen Selbstständigkeit gegenüber Gott geführt. Origenes ist von den Neuplatonikern geprägt – und vor dem Hintergrund dieser Prägung, der nennenswerte Teile der christlichen Theologie damals folgten, wird die Natur des Menschen bestimmt über ihren Anteil am Logos. Das hat zur Folge, dass diese Anteilsbeziehung, die in der Natur des Menschen liegt, universal gilt: nämlich allgemein, ausnahmslos und unzerstörbar.

    Diese Natur aber ist die Freiheit, in die jeder Mensch gerufen ist. Gott will, so sagt Origenes, die Verwirklichung des Guten nur unter der Bedingung der Freiheit. Dieses Zitat könnte von Acton stammen, dessen Beschäftigung mit dem antiken Autor vermutlich durch seinen Lehrer Ignaz Döllinger ausgelöst wurde. Wer die menschliche Natur – jenseits alles Notwendigen – als Freiheit erkennt und bestimmt, kommt an einer Voluntarisierung des Schlechten nicht vorbei: Der Ursprung des Bösen liegt im Menschen, in seinem Willen. Der innere Mensch trifft eine Entscheidung, und er trifft sie in der Freiheit seiner Wahl. Gregor von Nyssa wird diese Freiheitslehre aufnehmen und sagen, der Mensch sei als das die Freiheit missbrauchende Wesen der Schöpfer und Urheber des Bösen; das aber heißt: Er hat selbst dann, wenn er das Böse tut, noch eigene Würde, die unauslöschlich ist.

    Die Folge dieser Bestimmung des Menschen in seiner „Natur der Freiheit“ liegt auf der Hand und ist von Origenes beschrieben worden, indem er das Gewissen ontologisch substanzialisiert: Er identifiziert es über den Anteil, den jedweder Mensch – von Natur, also in seiner und mit seiner Freiheit – am Logos hat, genauer gesagt: Origenes identifiziert das Gewissen mit dem Pneuma des Logos, einer Kraft, die im Menschen wirkt, und die über das Gewissen auf den Menschen, seine Seele und sein Tun einwirkt. Diese Kraft ist die Quelle aller Erkenntnis dessen, was sein soll, also der Ort der wahrhaftigen Unterscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen.

    Der Gedanke dieser Inkarnation der Freiheit des ewigen Wortes in der Natur des endlichen Menschen ist deshalb so wegweisend, weil er die Universalität menschlicher Fähigkeit zur Unterscheidung begründet. Nicht intellektuelle Kraft oder spirituelle Begabung sind Ursprung gewissenhafter Entscheidung, sondern es ist Freiheit – die Natur des Menschen, die eben die Natur ausnahmslos jedes Menschen ist. Jeder Mensch bleibt bei allen Verfehlungen und Verirrungen in dieser Natur, die er nicht zerstören oder verlieren kann. Auch in tiefer Schuld hat er doch immer noch Anteil am göttlichen Logos, der sich in ihm und seiner Freiheit unwiderruflich inkarniert hat. Nie kann sich ein Mensch dieser Teilhabe entledigen. Von seiner Freiheit muss er Gebrauch machen. Dass die ihm eigene Natur, also die Freiheit des Menschen, universal zu denken ist, kann als die Voraussetzung für alle naturrechtlichen Erörterungen verstanden werden. Der universale Anspruch des origineischen Freiheitsbegriffs ist das Ergebnis seiner theonomen Fundierung: Er ist nicht nur Gewährleistung menschlicher Autonomie, sondern die Folge einer Einstiftung durch göttliche Vernunft: individuell und universal zugleich.

    Bei dem Text handelt es sich um den auszugsweisen Vorabdruck eines Beitrages, der im Oktober in einer Sammlung von Aufsätzen über Lord Acton unter dem Titel „Die Freiheit des Glaubens und der Glaube der Freiheit. Religiöse Grundlagen der liberalen Gesellschaft: Lord Acton und seine Aktualität“ im Verlag Springer VS, Wiesbaden, als Einzelband der vom Verfasser verantworteten Reihe „Das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft“ erscheinen wird.