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    Kardinal John Henry Newman: Das Gewissen zuerst

    Der selige John Henry Kardinal Newman in der Literaturserie „Poeten, Priester, Propheten“.

    Ein Lehrer des Gewissens: der Konvertit und spätere Kardinal John Henry Newman. Foto: IN

    Newman sieht das Gewissen als interkulturelle Konstante in den unterschiedlichsten Religionen. Damit ist über den Wahrheitsgehalt des Gewissens und seine Umsetzung im Tun allerdings noch nichts gesagt. Doch bedarf es des Gewissens zur Wahrheitsfindung ebenso wie der Vernunft. Es besteht aus einer dreifachen Konstellation: aus der unleugbaren Naturanlage = dem moralischen Sinn (moral sense) für Gut und Böse, aus dem normativen Anstoß durch die „Stimme“ Gottes und aus dem Pflichtgefühl (sense of duty) des jetzt Erforderlichen.

    Das Gewissen kann verbogen werden

    Es kann freilich durch nachgeschobene „vernünftige“ Argumente verbogen werden. Also gibt es kein naturwüchsiges gewissenhaftes Handeln, sondern immer ein konkretes, das sich der Entscheidung im unmittelbaren Augenblick verdankt. Newman nennt den dritten Teil des Gewissensvollzugs to realize. Es ist der persönliche Anteil am Gewissen, während die „Stimme Gottes“ nicht mit der eigenen zu verwechseln ist - das zeigt schon die Furcht vor Strafe oder die Scham.

    John Henry Newman: Der erste Impuls ist entscheidend

    Übrigens hält Newman in der Regel den ersten Impuls für die entscheidende „Stimme“. „Oft hört man sagen, die zweiten Gedanken seien die besten. Dies mag von Gegenständen der Überlegung stimmen, nicht aber in Dingen des Gewissens. In Dingen der Pflicht sind in der Regel die ersten Gedanken die besten, in ihnen redet Gott zu uns [...] Balaams Sünde bestand darin, daß er nicht nach dem ersten Befehl Gottes handelte.“ Nur Bileams Eselin erkannte den zürnenden Engel, nicht aber  ihr Herr.  

    Im Gewissen spricht die Wirklichkeit

    Unbestreitbar spricht für Newman im Gewissen ein objektives Moment: die Wirklichkeit. Auf sie zielt alle Theorie, von ihr spricht die „Stimme Gottes“. Auch sie fällt aber nicht unvermittelt ein, sondern sie meldet sich im Anspruch der konkreten Lage. Die Leistung des Menschen ist, ethisch gesehen, ein „Hören“, das er selbst abdichten kann, so daß sein Tun falsch wird. Allerdings ist er verpflichtet zur Schärfung des Ohres - daher die entscheidende Schulung des Gewissens durch Kultur, Kirche und (Selbst-)Erziehung.

    Erfahren Sie mehr über Kardinal Newman aus der Feder einer renommierten Expertin: Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Lesen Sie dazu ihren Essay in der „Tagespost“ vom 13. September 2018. Kostenlos erhalten Sie diese Ausgabe hier.

    DT

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