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    Berlin

    Die reduzierte Natur der Soziobiologen

    Die Natur des Menschen ist mehr als seine Biologie. Davon sind Moralphilosophen überzeugt, wenn sie den Naturbegriff nutzen. Wer Ethik treibt, darf sich daher nicht von einem verkürzten Verständnis der menschlichen Natur leiten lassen.

    Nicht nur Menschen, auch Affen lachen – doch tun sie das aus Freude? Foto: Holger Battefeld (dpa)

    Dass die menschliche Natur etwas mit der Moralität des Menschen zu tun hat, steht außer Frage. Was seit jeher umstritten ist und – soviel sei jetzt schon verraten – auch weiterhin heftig umstritten sein wird, das ist die Frage, was wir denn meinen, wenn wir von der „Natur“ sprechen.

    Die natura humana als Vernunftnatur

    Wenn Thomas von Aquin die natura humana anspricht, um den Hang des Menschen zum Guten zu erklären, meint er nicht das gewordene Genmaterial, sondern den seienden Geist Gottes, der das Gewissen formt, vor dessen Urteilskraft dem Menschen Tugenden und Laster als solche identifizierbar sind. Wenn die Aufklärer von „Vernunftnatur“ sprechen, erscheint ihnen dabei die menschliche Ratio als unbestechlicher „Gerichtshof“ (Immanuel Kant), der in der Lage ist, Handlungen (eher: handlungsleitende Maxime und Normen) letztgültig als gut und böse zu qualifizieren.

    Von der Biologie zum Biologismus

    Wenn nun die „evolutionäre Ethik“ von einer „Natur des Menschen“ spricht, dann meint sie die biologische Natur – alle anderen Naturvorstellungen, insbesondere, soweit sie eine metaphysische Ontologie des Naturbegriffs aufrecht erhalten und die übernatürlichen Bezüge menschlicher Lebenspraxis betonen, werden je nach Temperament des Autors als „unwissenschaftlich“, „unvernünftig“ oder „unsinnig“ charakterisiert, wobei das naturalistische Paradigma eines streng materialistischen Biologismus zur Voraussetzung jedes Definitionsversuchs der Begriffe „Wissenschaft“, „Vernunft“ und „Sinn“ gemacht wird.

    Edward O. Wilson und die Folgen

    Dieses Vorgehen soll nun auch für die Erforschung der Ursprünge der Moralität fruchtbar gemacht werden. Was bisher göttlich gestiftet, vernünftig verinnerlicht, erzieherisch vermittelt, gesellschaftlich gestützt und persönlich eingeübt wurde, das soll nun die Makroevolution erklären: das Gute, das Gerechte, das Selbstlose. Im Gefolge von Edward O. Wilsons Empfehlung, „die Ethik vorübergehend den Philosophen aus den Händen zu nehmen und zu biologisieren“ („Sociobiology“, 1975) erscheinen in den letzten Jahren zahlreiche Schriften, die sich einer „evolutionären Ethik“ im Allgemeinen oder auch einer „Tierethik“ im Speziellen annehmen – Ethiken, die auf eine Moralität und daraus resultierende Handlungsdispositionen abzielen, welche biologisch, also mit unserer genetischen Konstitution vollständig erklär- und beschreibbar sind.

    Was davon im Lichte der philosophischen und theologischen Ethik zu halten ist und warum es problematisch ist, ein bei Tieren beobachtetes Verhalten mit Interpretamenten der Handlungstheorie ("Motive", "Gründe", "Absichten") zu erklären und damit einen Bezug zum Menschen herzustellen, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der "Tagespost" vom 9. Mai 2019. Kostenlos erhalten Sie diese Ausgabe hier.

    DT (jobo)

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