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    Christliches Abendland: Zur Geschichte eines Deutungsmusters

    Welche Rolle spielt der Begriff "christliches Abendland" und warum kommt dessen Verabschiedung durch Reinhard Kardinal Marx einer faktischen Kapitulation gleich? Von Felix Dirsch

    Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Foto: Arne Dedert (dpa)

    Die Bundesrepublik ist (im Sinne einer treffenden Umschreibung Jan Assmanns) als eine Gesellschaft einzustufen, in der „heiße“ Erinnerungsprozesse die vorherrschenden sind. Darüber dürfte kein Zweifel bestehen.

    Die spezifische Dimension des deutschen Geschichtsgedächtnisses

    Der emeritierte Heidelberger Ägyptologe meint damit die spezifische Dimension des deutschen Geschichtsgedächtnisses: nämlich als eines, das nicht lediglich die Vergangenheit als Instrument chronologischer Orientierung ausmisst, sondern durch den Bezug auf eine maßgebliche Periode der eigenen Historie aktuelle Anhaltspunkte für Handlungsziele gewinnen will. Die zentrale, unmittelbare Fokussierung der Erinnerungskultur auf den Nationalsozialismus ist im politischen Diskurs kaum umstritten.

    Einwände gegen die Reduzierung des historischen Bewusstseins auf den Nationalsozialismus

    Für die historiographische Reflexion jedoch hat etwa der Germanist Karl Heinz Bohrer im Rahmen seiner Heidelberger Gadamer-Vorlesungen 2001 Einwände gegen die weitgehende Reduzierung der öffentlichen Geschichtsbesinnung auf Ereignisse von 1933 bis 1945 vorgebracht. Der Willkommensüberschwang 2015/16 dürfte die Skepsis mancher bestätigt haben, ist doch die hier zum Ausdruck kommende Hypermoral der Umschwung des Pendels vom einstigen zerstörerischen Größenwahn in sein Gegenteil, die Verleugnung des Eigenen, mit Händen zu greifen. Es existieren auch andere erinnerungspolitische Entwürfe, über die es nachzudenken lohnt.

    "Christlich-jüdische Tradition" versus "Christliches Abendland"

    Eine der Konsequenzen der aktuellen erinnerungspolitischen Ausrichtung ist der umstrittene Topos einer „christlich-jüdischen“ Tradition. Er gilt manchen als kulturpolitische Fiktion, die wegen der damit verbundenen Vereinnahmung abzulehnen sei. Seit der Wiedervereinigung ersetzt diese Kombination den schon vorher in die Krise geratenen Begriff des „christlichen Abendlandes“ endgültig.

    Wie die Begriffsgeschichte des in Misskredit geratenen Konzepts „christliches Abendland“ verlief und warum die „Abendland“-Debatte für Felix Dirsch noch lange nicht zuende ist, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 7. Februar. Kostenlos erhalten Sie diese Ausgabe hier.

    DT (jobo)

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