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    John Henry Newmans Martyrium der Wahrheit

    Welche vier Wahrheiten den Anglikaner John Henry Newman (1801-1890) wider Willen in die katholische Kirche führten. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

    Bekennertum, Konversion und Martyrium liefen bei Kardinal John Henry Newman zusammen. Papst Benedikt XVI. sprach ihn 201... Foto: dpa

    Newmans Leben stand zunächst im Zeichen eines bewunderungswürdigen Kampfes für die anglikanische Kirche. Als glänzender Scholar in Oxford und Prediger an der Universitätskirche St. Mary zog seine Wortgewalt Hörer bis aus London an. Alle Zeugnisse über die Oxford-Jahre bezeugen eine unvergleichliche Anziehungskraft.„Die Wirkung seiner einzigartigen Verbindung von Genialität und religiöser Persönlichkeit hat weder vorher noch nachher ih-resgleichen gehabt“ (Dean Lake).

    Dann setzte im August 1833 ein unerwarteter Aufstand in der anglikanischen Kirche ein: Eine Gruppe junger theologischer Draufgänger veröffentlichte hinreißende Traktate für eine Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern. Nach Tract 90 brach ein Sturm los; sein Verfasser (wie auch der meisten anderen) hieß John Henry Newman. Von nun an galt er als „Pastetenbäcker, der vergiftete Brötchen angeboten hatte“.

    Worin bestand das „Gift“? Die kämpferische „Artus-Runde“ sah ihre Kirche im Würgegriff des Staates. Seit Heinrich VIII. sich 1534 zum religiösen Oberhaupt der englischen Kirche ausgerufen hatte, war das gesamte öffentliche Leben, waren auch die Universitäten verpflichtet, ihre Staatstreue durch das Bekenntnis zu den 39 Glaubensartikeln des Anglikanismus und Sakramentenempfang nachzuweisen. So hing die Immatrikulation an den Universitäten vom Nachweis anglikanischer Beichte und Abendmahl ab; natürlich waren Katholiken dadurch von höherer Bildung ausgeschlossen. Dem Parlament lagen Anträge vor, das Common Prayer Book mit seiner noch weitgehend katholischen Überlieferung abzuschaffen; selbst Bischöfe hielten Dogmen wie Dreifaltigkeit und Sündenvergebung angesichts der „Vernunft“ für überholt. Der Raum der Oxforder Theologen „stank nach Logik“, so Newman.

    In Tract 1 hieß es herausfordernd: Den Bischöfen „könnten wir, obwohl es für das Land ein trauriges Ereignis wäre, kein besseres Ende ihrer Laufbahn wünschen, als den Verlust ihrer Güter und das Martyrium“. In Newman erwachte ein erstaunliches, ja prophetisches Sendungsbewusstsein. Es schnitt ihm in die Seele, wie die Wahrheit des Christentums durch Staatskirchentum und platte Aufklärung verunstaltet war, und er warf sich unter Verachtung aller üblen Folgen in den Kampf: „Möge es das Los derer sein, die ich liebe, im Herzen von einem oder zwei in jeder nachfolgenden Generation zu leben oder auch völlig vergessen zu werden, wenn es ihnen nur gelang, der Wahrheit den Weg zu bahnen.“ So wurde er in seiner eigenen Kirche zum gehassten Aufrührer; Bischöfe sprachen von einem „Werk des Satans“ und „Pestilenz“. Man unterstellte ihm, unter dem Vorwand der Erneuerung als heimlicher Papist die Jugend in die Arme Roms zu führen. Zugleich stieg Furcht in ihm auf – vor seinem der Wahrheit verpflichteten Ausscheiden aus der angestammten Kirche und dem Übertritt anderer: „Wenn die Dinge sich nicht ändern, so prophezeie ich mit tiefer Betrübnis, dass nicht einige, sondern viele zur römischen Kirche übertreten werden.“ Als die Angriffe immer schärfer wurden, gab Newman 1843 sein Amt in St. Mary auf und zog sich mit einigen Jüngeren zu einem mönchischen Leben nach Littlemore bei Oxford zurück. Das Studium der Vätertheologie und der frühen Konzilien sollte die Wahrheit erweisen: die lückenlose Verankerung der anglikanischen Kirche im frühen Christentum und in den damals gewonnenen Dogmen. Dabei geschah das Gefürchtete: Je länger Newman studierte, desto qualvoller wuchs in ihm die Überzeugung, nicht die anglikanische, sondern die katholische Kirche sei Hort der geschichtlichen Überlieferung. Es war wie eine Häutung bei lebendigem Leibe. Das seelische Leiden vertiefte sich ins Unerträgliche, als einige seiner jungen Begleiter trotz seiner inständigen Bitten konvertierten – für ihn die öffentliche Bloßstellung seines angeblich planmäßigen „Betrugs“. Auch John Keble, ein heiligmäßiger Freund, verstand ihn nicht mehr. Doch Newman entschied sich im Oktober 1845 blutenden Herzens zum Übertritt.

    Aber welche Wahrheit bezwang Newman wider seinen Willen? Vor allem vier Fundamente der katholischen Kirche:

    – eine klare, fortlaufend bis in die Gegenwart erbaute Dogmatik, welche die sich immer weiter ausfaltenden Wahrheiten Christi sicherte;

    – die sieben Sakramente einer umfassenden Heilslehre, vor allem der Glaube an die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie, der in den protestantischen Kirchen erschüttert war;

    – die Verehrung der Heiligen und der jungfräulichen Mutter Christi, die Newman immer geliebt hatte, und dennoch konnte ihm erst eine theologische Vertiefung über heftige Bedenken einer „Vergöttlichung“ der Heiligen hinweghelfen;

    – und letztlich – was ihm am schwersten gefallen war – die Gestalt des Papstes als Garant der Einheit und Wahrheit.

    Wenn man bedenkt, wie sehr Newman gerade gegen das Papsttum zu Felde gezogen war, so war dies die entscheidende Wende. Er vollzog sie mit Hilfe der frühen Kirchenväter und ihrem Kampf gegen zahlreiche Häresien. Offensichtlich war darin der Papst maßgebend, der mehrfach auf frühen Konzilien die Lehrmeinung auch gegen eine Mehrheit entschieden hatte. Und Newman sah zugleich, wie die vergangenen Irrlehren in der Gegenwart aufblühten, ohne dass die Bischöfe dagegen einschritten. Die Arianer, welche die göttliche Natur Jesu leugneten, waren für ihn die reformatorischen Kirchen und nicht Rom. Zudem waren sie mit nationalen Interessen engst verquickt, während Rom für eine übernationale Weltkirche stand.

    Newmans Übertritt musste jedoch die Frage der legitimen Ausfaltung des Evangeliums anhand der Dogmengeschichte der römischen Kirche beantworten: Dies geschah in dem „Essay on the Development of Christian Doctrine“ 1845. Darin wies er das bloße Zurückgehen zum „reinen Wort“ als Missverständnis ab: denn als „Wort“ fordere es die fortgesetzte Deutung durch die Jahrhunderte der Kirche heraus, und „Fleisch“ sei es gerade in der geschichtlichen Gestalt Jesu. Im radikalen Eintritt Gottes in die Geschichte liege ja gerade der Stachel der christlichen Lehre.

    So gibt es nach Newman Glaubensaussagen, die autoritativ Wahrheit beanspruchen, zugleich aber geschichtlich ausgearbeitet und erst dann verbindlich dogmatisiert sind. Die Konzilsgeschichte weist zum Beispiel Christusdogmen auf, die nicht wörtlich biblisch zu dokumentieren sind, vielmehr im lange reflektierten oder erbeteten Glauben der Kirche wurzeln. So nimmt Newman die Überlieferung des Christentums radikal-historisch: Sie selbst ist sprachlich bedingt, geschichtlich fundiert – sie zwingt damit zur immer tieferen Auslegung. Das zeigt schon die Lehre vom vierfachen Schriftsinn bei den Vätern, und einer davon ist ausdrücklich der historische. Überlieferung selbst ist also ein Prozess. Ernsthaft wahrgenommen bedeutet dies, dass gewandelte Auslegung erkennbar und auf das Gewandelte rückbezogen bleiben muss (also kein Bruch, sondern Kontinuität). Daher müssen zwingende „Sicherungen“ geschehen; eine davon ist das Credo, die andere das Dogma. Newman entwickelt sieben Kriterien für die dynamische Aneignung der Offenbarung: Erhalten bleiben müssen im Wandel die Ursprungsgestalt (der „Typus“) und die Glaubensprinzipien, es bedarf der Fähigkeit, sich Neues anzueignen und daraus logische Folgen zu ziehen, ebenso bedarf es der Vorwegnahme des Späteren und Erhaltung des Früheren, letztlich muss eine „Lebenskraft“ (vigour) am Werk sein. Zeigen sich diese Kriterien in der geschichtlichen Ausfaltung lebendig, so ist eine hohe Wahrscheinlichkeit am Werk, dass der Heilige Geist selbst die Kirche führt und gerade das Ursprüngliche freilegt. Das kann auch bedeuten, dass das heilige Wort überhaupt erst in solcher Ausfaltung verständlich oder sogar sinnvoll wird. Newmans Übertritt wirkte wie eine Bombe, bestätigte alle Vorurteile und – erntete das Misstrauen der katholischen Kreise, bis hinauf zu Kardinal Wiseman. Als Newman später einen Bischofssitz erhalten sollte, wurde dieser Plan vereitelt: Er galt als „der gefährlichste Mann in ganz England“. Aber diese einem Martyrium ähnliche Konversion löste den „zweiten Frühling“ der katholischen Kirche aus. In einer Predigt am 27.10.1850 sagte Newman: „Die Fürbitte der Heiligen hat endlich Erfolg, das Geheimnis, mit dem die Vorsehung sich umgeben hat, ist enthüllt, die Stunde ist gekommen. (...) Er aber kam wie ein Geist über den Wassern. Er selbst ging über der finstern, brodelnden Tiefe hin und her und, wunderbar für das Auge und unfassbar für den Geist: Herzen erwachten und Augen belebten sich mit neuer Hoffnung, und Füße strebten zu der großen Mutter, die ihrer kaum noch gedacht und sie bereits verloren gegeben hatte. Wir haben verstehen gelernt, wie innig Bekennertum mit Martyrium verbunden ist. Niemand predigt einer betrogenen Welt die Wahrheit, ohne dass er selbst zum Betrüger gestempelt wird. (…) Das ist das Gesetz, das der Herr über alle Dinge mit der Verbreitung der Wahrheit verbunden hat: Ihre Apostel werden Märtyrer, aber ihre heilige Sache triumphiert.“

    Die Autorin ist Religionsphilosophin, Sprach- und Politikwissenschaftlerin an der TU Dresden.

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