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    Religion tut der Psyche gut

    Der Psychiater und Bestsellerautor Raphael Bonelli macht die narzisstische Nabelschau der 68er für die Missbrauchswelle mitverantwortlich.

    Warnt vor Frühsexualisierung: Raphael Bonelli.Jerko Malinar / RPP Foto: Foto:

    Herr Bonelli, seit fast zwölf Jahren versucht das von Ihnen gegründete „Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (www.RPP-Institut.org) zwei Welten miteinander ins Gespräch zu bringen: Psychiater und Psychotherapeuten mit Theologen und Seelsorgern. Wozu?

    Wir haben wissenschaftlich gesehen, dass Religion und Religiosität dem Menschen und seiner Psyche gut tun. Es gab bereits 2007 viele Studien, die das eindeutig gezeigt haben, aber im Alltag und in den Köpfen der Psychotherapeuten und Psychiater war das nicht angekommen. Religion wurde in erster Linie als Blockade gedeutet, nicht als Ressource und Möglichkeit, die den Menschen freier macht und ihm ermöglicht, sein Leben selbstbestimmt und glücklich zu leben. So begannen wir vor zwölf Jahren mit einem großen Kongress in Graz, mit vielen Psychiatern, Psychotherapeuten und anderen Experten.

    Was ist seither auf diesem verminten Gelände gelungen?

    Unsere Fachtagungen hatten immer einen guten Zulauf. Dass das nach zwölf Jahren nicht weniger, sondern immer mehr Rückfrage hervorruft, ist ein gutes Zeichen. Seit einem halben Jahr pflegen wir unseren Youtube-Kanal, auf den wir schon bisher die Vorträge kostenlos stellten, ganz professionell. Jetzt haben wir 16 000 Abonnenten, und vor kurzem erreichten wir drei Millionen Klicks. Im gesamten deutschen Sprachraum haben wir eine überraschend große Reichweite. Damit können wir nun einem breiten Publikum erklären, wie der Mensch psychisch gebaut ist. Am Ende wird klar, dass Religion dem Menschen gut tut.

    Für Sigmund Freud und für jene, die in seiner Lehrtradition stehen, gilt Religion eher als suspekt. Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die Freud widerlegen und eine neue Sicht der Religion ermöglichen?

    Ja. Dass Religion eine „kollektive Zwangsneurose“ ist, wie Freud sagte, ist längst widerlegt. Religion hilft bei vielen psychischen Krankheiten oder verhindert sogar ihr Ausbrechen. Offensichtlich ist das etwa bei Suiziden: Religiöse Menschen töten sich viel seltener als Atheisten. Freud hat seine atheistische Auffassung auf eine wissenschaftliche Lehre gelegt, weil er selbst nicht frei war von Ideologie.

    Viele religiöse Menschen haben eine tiefe Skepsis gegenüber der Psychotherapie, der Psychiatrie und vor allem gegenüber Psychopharmaka. Warum ist das so?

    Das erlebe ich tatsächlich. Natürlich ist nicht jedes Vorurteil falsch, denn es gibt unter meinen Kollegen auch Scharlatane. Man muss wirklich kritisch hinsehen, bei wem man sich therapieren lässt, weil Psychotherapeuten tief in das Leben eines Menschen eingreifen können. Was Psychopharmaka betrifft, sagen viele Menschen: Ich will das selber schaffen! Oder, wenn sie sehr religiös sind: Ich bete, und Gott heilt mich! Tatsächlich sind psychische Störungen manchmal auch ein asketisches Problem, etwa Suchterkrankungen. Hier kann Religion eine starke und wichtige Ressource sein. Aber es gibt auch die endogenen Erkrankungen, die nichts mit dem Lebenswandel zu tun haben, sondern mit einer Gehirnstörung. Hier helfen Psychopharmaka sehr. Das lassen viele Menschen außer Acht. Während kein religiöser Mensch bei einem Beinbruch den Gips verweigern und auf wundersame Heiligung hoffen würde, sind viele bei Psychopharmaka über die Maßen skeptisch.

    Auf manchen Gebieten hat eine Zusammenarbeit von Seelsorgern und Psychotherapeuten begonnen, etwa bei Missbrauch und Missbrauchsprävention. Ist diese Kooperation zufriedenstellend oder ausbaubar?

    Sie ist verbesserbar, weil die Kirche nicht immer die besten Berater aus den Reihen der Psychiater und Therapeuten gewählt hat. So orte ich in manchen kirchlichen Einrichtungen eine Sexualpädagogik, die sich an den pädophilen Psychologen Helmut Kentler anlehnt, was eine Katastrophe ist. Das ist nicht Missbrauchsprävention, sondern fördert Missbrauch. Die Kirche wäre gut beraten, sich an die Besten zu wenden.

    Was kann die Kirche von der Psychologie lernen, um angemessen mit Phänomenen wie sexuellem Missbrauch umzugehen?

    Die Psychologie ist eine bunte Welt unterschiedlichster Richtungen. Die Kirche sollte sich nicht zu sehr anlehnen und nicht zu viel Rat einholen, sondern bei ihrer Kompetenz bleiben. Hier haben Angestellte und auch Priester gesündigt, indem sie das Gegenteil dessen taten, was die Kirche immer gelehrt hat. Die Kirche lehrt ja, dass Sexualität in die Ehe gehört, und dass Kinder damit nicht belästigt werden sollen. Ich höre immer wieder, dass kirchliche Mitarbeiter meinen, der Zölibat gehöre abgeschafft oder Masturbation sei notwendig. Das entspricht weder der kirchlichen Lehre noch den wissenschaftlichen Erkenntnissen.

    Die nächste RPP-Fachtagung am 15. Juni in Wien beschäftigt sich mit „Sex & Crime“. Warum gerade jetzt dieses Thema?

    Die Dringlichkeit liegt auf der Hand: Viele Missbrauchsfälle brechen auf. Nicht nur im kirchlichen Bereich, sondern auch in Psychiatrie, Sportverbänden und Familien. Wir ernten jetzt die Früchte der Achtundsechziger, die meinten, Sexualität sei nur zur eigenen Befriedigung da. Diese narzisstische Nabelschau ist das Fundament des Missbrauchs.

    Wie kann die RPP-Fachtagung in Ihre beiden Zielgruppen hinein Wirkung entfalten?

    Ich erlebe bei jeder unserer Tagungen, dass jede Disziplin ihre jeweilige Kompetenz einbringt, und dass dann gemeinsam etwas Größeres gebaut werden kann. Auch Kirche und Philosophie haben viel zu sagen über den richtigen Umgang mit der Sexualität. Bei uns sprechen ausgewiesene Fachleute, die äußerst fundiert den aktuellen Stand der Wissenschaft berichten können.

    Im Kontext von „Sex & Crime“ sieht sich die Kirche seit Jahren permanent auf der Anklagebank. Warum werden Kirche und Klerus heute nicht mit Liebe, Barmherzigkeit und Heiligkeit, sondern mit sexuellem Missbrauch assoziiert?

    Es gibt eine massive Schieflage in der Berichterstattung. Wenn einer seine Tochter missbraucht, ist das noch keine Schlagzeile, wenn aber der Täter ein Kleriker ist, ganz sicher. Kaum jemand nimmt wahr, dass innerhalb der Kirche weniger Missbrauch passiert als außerhalb. Zweitens ist die kirchliche Lehre natürlich eine Herausforderung für diese Welt. Die Kirche hat dem Zeitgeist, insbesondere jenem der Medienwelt, stets widersprochen – und erntet dafür jetzt Häme. Tatsächlich ist jeder Missbrauch ein katastrophaler Schaden: Ein Priester, der jemanden sexuell missbraucht, sündigt schwer und scheint keine Gottesfurcht mehr zu haben. Den Schaden, den er in den Seelen anrichtet, weil er als Priester Christus repräsentieren sollte, können wir gar nicht ermessen. Dadurch ist die Kirche schwer beschädigt und hat massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Dass sich aber die Grünen und Alt-Achtundsechziger über die Kirche ereifern, finde ich fragwürdig, weil es doch gerade diese ideologischen Kreise waren, die einst die Pädophilie enttabuisieren wollten – ganz im Gegensatz zur Lehre der Kirche.

    Hätte nicht gerade die Kirche der heutigen Gesellschaft etwas zur Sexualität zu sagen, etwa die Theologie des Leibes von Papst Johannes Paul II.?

    Ja, denn Papst Johannes Paul II. hat immer die personale Dimension der Liebe zwischen Mann und Frau hervorgehoben. Leider sind Irrtümer wie die „Sexualpädagogik der Vielfalt“ von Helmut Kentler tief in kirchliche Strukturen eingedrungen. Ich kann da nur warnen: Frühsexualisierung ist das Muster des Pädophilen. Dennoch sind viele sexualpädagogischen Ansätze auf die Frühsexualisierung aus – auch innerhalb der Kirche, und sogar bei Missbrauchsbeauftragten, die es eigentlich besser wissen sollten.

    von Stephan Baier

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