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    Reale Gegenwart

    Um die Welt zu verändern, müssen Christen auch unter den Eliten wirken. Von Gudrun und Martin Kugler

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    Während wir über das „ob und wie“ eines Engagements von Christen in der Politik diskutieren, treffen andere langfristig wirksame Schlüsselentscheidungen. Sie tun das über die Köpfe vieler Christen hinweg, die sich aus einem Missverständnis heraus nicht beteiligen und in der Herde weiterziehen. „Kein Weihrauch für Caesar“, so der markante Titel von Tobias Kleins Replik auf unseren Kommentar zur Benedikt Option, illustriert dieses Missverständnis. Ebenso wie Rod Drehers Feststellung: „Fragwürdige politische Allianzen sind für Christen keine Option.“

    Selbstverständlich kann man Politik gestalten, ohne unethische Kompromisse einzugehen. Man muss es sogar! Und nicht jeder Kompromiss ist faul, nicht jeder politisch tätige Christ baut deshalb schon „auf Fürsten“. Wir kennen alle das katholische „et, et“, das „sowohl als auch“. Und deshalb erscheint uns Tobias Kleins Schlussappell „heimzugehen und die Familie zu lieben“ für den Wiederaufbau der Gesellschaft zu wenig. Der Einsatz für christliche Werte in der Politik ist eine Tat der Nächstenliebe und verlangt keine Beugung des Gewissens. Gerade weil Europas Christen bei diesem Engagement zunehmend Einschränkungen erfahren, darf sich die Versuchung des Rückzugs nicht auf Argumente der Innerlichkeit oder einer dringend gebotenen Entweltlichung der Kirche stützen. Ganz im Gegenteil: Die Sauerteig-Berufung bringt die Frage nach der Veränderung der Welt mit sich. Wie verändert sich eine Kultur? Und wie können Christen dabei mitwirken?

    „To Change the World“ heißt ein Buch des amerikanischen Religionssoziologen James Davison Hunter. Und um die grassierende Resignation und Naivität gleich zu entschärfen, lautet der Untertitel „The Irony, Tragedy, & Possibility of Christianity in the Late Modern World“. Unser konkreter Vorschlag beruht vorwiegend auf Ideen Hunters.

    Kultur als eine Form der Macht verstehen

    Ganz wesentlich erscheinen seine Aussagen über die Merkmale einer vorherrschenden Kultur, ihre Langlebigkeit und ihren starken Konnex zu den herrschenden Eliten und Institutionen. Kulturen ändern sich nicht einfach durch eine Veränderungen der Herzen. In den USA gibt es heute mehr gläubige Christen als in vielen Jahrzehnten davor. Die Mehrheit der Amerikaner will restriktivere Abtreibungsgesetze und dennoch hat sich dieses Umdenken bisher nicht durchgesetzt. Hinge Kultur direkt an Meinungsmehrheiten, hätten kreative Minderheiten keine Chance, sich durchzusetzen, was aber erwiesenermaßen vorkommt. Auch Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale könnte dann nicht funktionieren. Warum sind Christen in vielen Anliegen der letzten Jahrzehnte gescheitert? Haben sie einfach nicht intensiv genug gearbeitet? Nein! Die dominante Kultur hat sich als stärker erwiesen und bestimmte Überzeugungen ins Abseits gedrängt. Kultur ist eingegossen in die Strukturen der Macht. Sie ist ein hochkomplexes Puzzle und in den meisten Fällen sehr beständig. Man meint oft, Veränderungen würden von einer Handvoll Menschen eingeläutet. Doch dieser Gedanke greift zu kurz, denn er übersieht die Komplexität der Kultur und das, was sie widerstandsfähig macht. Hunters Thesen helfen zu verstehen, warum Christen mit ihren Themen so oft gescheitert sind. Kultur entsteht aus der gegenseitigen Beeinflussung zwischen Ideen und Institutionen. Individuelle Persönlichkeiten schaffen Institutionen, werden aber dann von ihnen auch geprägt. Am Ende sind die Institutionen stärker.

    Es ist wichtig, Kultur als eine Form der Macht zu verstehen. Moden, Marken, Symbole, moralische Autoritäten beziehen ihre Glaubwürdigkeit aus der Kultur. Das betrifft die Frage, welche Universitäten wir für gut halten, welche Empfehlungen wir ernst nehmen, auch welche Zeitungen wir für vertrauenswürdig erachten, ja sogar was wir schön finden. Die Kultur bestimmt den Wert von Dingen und den Stellenwert von Meinungen.

    Die Intensität der kulturellen Macht wird durch den Status bestimmt. Nicht wie oft eine Zeitung verkauft, sondern wie sie wahrgenommen wird, zählt. Der Mainstream einer Kultur hat einen Kern und eine Peripherie, deren Einfluss sehr unterschiedlich intensiv sein kann. Kultur wird nicht von Einzelpersonen geprägt, sondern von Netzwerken und Institutionen, die von diesen Netzwerken geschaffen und mit Leben erfüllt werden.

    Beeindruckende Einzelpersönlichkeiten, die in die Geschichte eingehen, sind jene, die in diesen Netzwerken Leitungsfunktionen innehaben und das größere Risiko tragen. Aber alleine wären sie meist nicht weit gekommen. Kulturen ändern sich eher Top Down als Bottom Up: Sogar Massenbewegungen sind meist kurzlebig, solange sie nicht von Eliten mitgetragen werden. Echte Veränderungsprozesse beginnen mit Theorien, die von Wissenschaftlern und Intellektuellen aufgegriffen und bestätigt werden. Dann geben Lehrer und Medienproduzenten sie weiter. Von dort gelangen sie in die Hände derer, die sie vereinfachen und populär machen: die Praktiker, die Theorien anwenden. Veränderung kommt meist von jenen Eliten, die nicht im innersten Zentrum der Kultur, sondern an ihrer Peripherie stehen, also durch eine Zirkulation innerhalb der Eliten. Veränderung ist dann am stärksten, wenn Eliten aus verschiedenen Sparten gemeinsam an einem Ziel arbeiten und von unterschiedlichsten Institutionen unterstützt werden. Wenn angesehene Intellektuelle und Wirtschaftskreise zusammenarbeiten, zieht die Politik nach und nachhaltige, profunde Veränderung findet statt. Dafür ist jedoch ein langer Atem notwendig: „Little of signifcance happens in three to five years.“

    Kulturen ändern sich selten ohne Konflikt oder gar Kampf: Terrain will gewonnen, andererseits auch behalten werden. Ideen kämpfen gegeneinander an, Grenzen werden ausgelotet. Es ist ein Kampf um Legitimierung und Delegitimierung. Und solche Konflikte laufen meist nicht fair ab.

    Das Engagement für Menschenwürde motivieren

    Viel von diesen Thesen hat ganz praktische Konsequenzen für Christen, die als kreative Minderheit wirksam sein wollen. Ideen, die reüssieren wollen, dürfen nicht zu weit vom Mainstream „entfernt“ oder formuliert sein, damit sie nicht als esoterisch oder exzentrisch empfunden werden und scheitern. Aber sie dürfen auch nicht zu „nahe“ liegen, sonst werden sie einfach einverleibt und bewirken keine Veränderung. Kurzfristige Erfolge wie ein vereinzeltes Gesetz oder ein kultureller „Eye-Opener“ sind durchaus möglich, aber nachhaltige Erneuerung dauert viele Jahre, ja oft Generationen. Und sie wird an tiefergehende Veränderungen, manchmal sogar an sprachlichen Wandel geknüpft sein, wie wir dies zum Beispiel am Begriff der Diskriminierung erkennen können. Solche, auch strukturelle Veränderungen gelingen nur, wenn Eliten partiell gewonnen und einbezogen werden.

    Nicht eine Rückzugsdebatte ist den Christen in Europa also zu raten, sondern ein vertieftes Verständnis von Kultur und Veränderung, und was dies für ihr Engagement für die Würde des Menschen bedeutet. Ein kleiner Trost: Nicht den Erfolg schuldet der Christ, sondern das ehrliche Bemühen an dem Ort, wo er hingestellt ist, das Gute zu tun und möglichst breit zu wirken. „Faithful presence“ nennt Hunter diese treue, mitgestaltende Gegenwart: Ordnung in sich selbst, Engagement im Umfeld, Karriere machen und strategisches Arbeiten in Institutionen, Beitragen zum Aufbau der Gemeinde. Aus diesem vielfältigen Bemühen schreibt Gott Seine Geschichte.

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