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    Löschaktionen

    Facebook und YouTube stehen seit Monaten in der Kritik, mit Lösch- und Sperraktionen die Meinungsfreiheit zu untergraben. Lob kommt indes von "Jugendschutz.net" für das beherzte Vorgehen gegen islamistische Propaganda

    „Jugendschutz.net“ versucht ein Bollwerk zu sein gegen islamistische Propaganda im Netz. Foto: dpa

    Martialische Posen und wirre Machtfantasien vor der Kulisse einer verschworenen Gemeinschaft, die mehr zu bieten hat als Konkurrenz und Kommerz, Schule und Sportverein. Islamische Gruppen werben im Internet gezielt um die Gunst Jugendlicher. Ihre Propaganda-Videos erreichen Hunderttausende.

    In Sozialen Netzwerken wie Facebook, YouTube und Co. spuken sie umher, aufzufinden mit jugendaffinen Suchanfragen. Wer „Muslim“ und „Piercing“ in einer Suchmaschine eingibt, landet bei einem der dubiosen Angebote von Salafisten oder des IS. Auf harmlose Fragen wie „Was ist dein Lebensziel?“ geben Islamisten dort fundamentalistische Antworten. Sie sind auf den Erfolg in der virtuellen Welt angewiesen, denn in der realen Welt sind die Widerstände oft zu groß. Daher investieren sie viel Zeit und Geld in diesen Bereich der Kommunikation und führen so die Rekrutierung der nächsten Generation „Gotteskrieger“ durch.

    Kampf gegen Propaganda: Häufiger sperren

    Lange Zeit taten sie dies weitgehend unbehelligt. Ergebnis: Junge Menschen ließen sich beeinflussen und waren plötzlich in einer anderen Welt – nicht selten auch ganz konkret – und ließen ratlose Eltern und Familienangehörige zurück. Doch die großen Anbieter wie Facebook und YouTube sind aufgewacht, kontrollieren strenger, sperren häufiger, löschen mehr.

    Das liegt nur teilweise an den neuen rechtlichen Rahmenbedingungen, dem sogenannten Netzwerkdurchsetzungsgesetz, denn das regelt ja nur die Möglichkeiten, die Facebook und andere haben. Entscheidend sind engagierte Jugendmedienschützer, die im Kampf gegen islamistische Propaganda verstärkt mit den großen Sozialen Netzwerken zusammenarbeiten. Stefan Glaser, Leiter von „Jugendschutz.net“, dem Kompetenzzentrum für den Jugendschutz im Internet, ist mit dieser Kooperation einstweilen zufrieden: „In ungefähr 82 Prozent der Fälle haben wir die Entfernung unzulässiger Inhalte erreicht. Das läuft bei den großen Diensten ganz gut. Wenn wir etwas melden, löschen die in der Regel zeitnah, und wirklich fast zu 100 Prozent“, meinte er unlängst in einem „Deutschlandfunk“-Interview.

    Dabei haben die Islamisten jedoch längst andere Kanäle erschlossen, die bislang nicht so sehr im Fokus von „Jugendschutz.net“ und anderer Einrichtungen standen. Instagram zum Beispiel, wo Dschihadisten unverfängliche Hashtags wie „#derBartStehtMir“ nutzen, um ihre Ideologie zu verbreiten, oder auch der verhältnismäßig unbekannte Messenger-Dienst Telegram, der sich nach Angaben von „Jugendschutz.net“ wenig kooperativ zeigt und nur etwa sechzig Prozent der beanstandeten islamistischen Inhalte zu löschen bereit war. Die Jugendmedienschützer wollen hier den Druck hoch halten, um dafür zu sorgen, dass die islamistische Propaganda im Internet beseitigt wird.

    Glaser fordert im Interview mit dem „Deutschlandfunk“ dazu auf, „die Betreiber von Social Media in die Verantwortung zu nehmen“, denn „die Betreiber sind diejenigen, die an der Schaltstelle sitzen, die wissen, was auf ihren Diensten passiert. Wir brauchen hier vor allen Dingen geeignete Meldesysteme, die niedrigschwellig sind, gut zu erreichen sind, schnell auch zu Löschungen führen. Es müssen aber auch Hilfesysteme eingerichtet werden. Da muss eine Anlaufstelle da sein, die eine Schnittstelle bietet zu Hilfsorganisationen, zu Beratungseinrichtungen, die dann vor Ort tatsächlich Unterstützung anbieten“. Zunächst ist aber vor allem eines nötig: Information. Die bietet „Jugendschutz.net“ im Netz, aber auch in der Broschüre „Islamismus im Internet: Propaganda, Verstöße, Gegenstrategien“ mit zahlreichen Praxisbeispielen extremistischer Einmischung in die Jugendkultur und mit Tipps, was man dagegen tun kann – als Eltern, als Lehrer, aber auch als betroffener Jugendlicher selbst. Zum Beispiel: eine Seite, einen Post, ein Video melden, damit es gelöscht werden kann.

    Der Kampf ist noch nicht gewonnen

    Die Erfolge, die der Jugendschutz in dieser Hinsicht bei den Giganten Facebook und YouTube hat, dürfen einerseits nicht dazu verleiten, dass man meinte, der Kampf sei gewonnen (das ist er noch lange nicht, wie das Ausweichen der Extremisten auf Instagram und Telegram zeigt), und andererseits sollten sie auch nicht über so manche Schieflage hinwegtäuschen, die das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verursacht hat. Auch in Zeiten abstrakt bedrohter Sicherheit ist die Freiheit der konkreten Meinung ein hohes Gut. Löschen ist daher immer nur die ultima ratio. Doch am Ende muss man Facebook und YouTube nach so viel negativer Presse zu ihrer bisweilen undurchsichtigen Lösch- und Sperrpraxis auch mal loben: Durch ihren Einsatz gibt es mittlerweile weniger extremistische Propaganda im Internet, Islamisten dringen mit ihren Hassbotschaften nicht mehr ungehindert zu den Jugendlichen durch. Eine gute Nachricht.

    Von Felix Rapa

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