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    Heuchler oder Hoffnungsträger?

    Saudi-Arabiens friedfertiges Gesicht: Das KAICIID in Wien bildet für den interreligiösen Dialog aus. Von Stephan Baier

    Der damalige saudische König Abdullah (links) gab den Anstoß zur Gründung des in Wien residierenden KAICIID. Sein Nachfo... Foto: dpa

    Man kennt sich, man schätzt sich. KAICIID-Generalsekretär Faisal bin Abdulrahman bin Muaammar begrüßt Bischof Miguel Ayuso Guixot am Eingang seines prachtvollen Wiener Hauptquartiers nicht mit Handschlag, sondern mit einer vertrauten Umarmung. Der eine ist ein hochrangiger saudischer Politiker und Diplomat, der andere Sekretär des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog. Der saudische Multifunktionär ist seit dessen Gründung 2012 Generalsekretär des „König Abdullah-Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ (KAICIID), hat aber auch staatsnahe Funktionen in seiner Heimat Riad inne; der in Sevilla geborene Bischof, der als Comboni-Missionar in Ägypten und dem Sudan tätig war, ist der katholische Vertreter im Direktorium des KAICIID.

    Die Schüler werden zu Lehrern des Dialogs

    Der Anlass, zu dem der Kurienbischof in der Vorwoche nach Wien reiste, war ehrwürdig: 41 junge Akademiker und religiöse Führungspersönlichkeiten aus 25 Ländern wurden auf Kosten des KAICIID im interreligiösen Dialog und in Friedensarbeit geschult. Sie konnten mit herzeigbaren Projekten das einjährige „KAICIID International Fellows-Programm“ abschließen und sollen ihrerseits zu Trainern und Lehrern des interreligiösen Dialogs werden. Wie bei KAICIID üblich, gehören sie unterschiedlichen Religionen an, stammen aus verschiedenen Ländern mehrerer Kontinente, sprechen unterschiedliche Sprachen – und werden alle aufs Höflichste hofiert. Da ist ein griechisch-orthodoxer Vikarbischof, der sich an einem Projekt mit der Jüdischen Gemeinde von Paris versuchte, eine italienische Kirchenrechtlerin, die an einem „Vademecum des Dialogs für künftige Priester“ arbeitete, eine amerikanische Rabbinerin, die mit Teenagern an einem interreligiösen Kalender arbeitet, ein Abt aus Zentralafrika, der den interreligiösen Dialog in Bangui leitet, eine indische Journalistin, eine muslimische Nigerianerin und so fort.

    Sie alle verdienen interreligiöses Lob, und das wurde ihnen auch reichlich zuteil: von ihren Ausbildern und Kollegen, vom saudischen Generalsekretär und vom vatikanischen Bischof. Sie sind nicht nur eine Zukunftshoffnung ihrer Heimatländer, die vielfach unter interreligiösen und interethnischen Konflikten, mitunter auch unter brutaler Verfolgung religiöser – häufig christlicher – Minderheiten leiden. Sie sind auch die Gegenwartshoffnung des KAICIID. Denn wann immer Saudi-Arabien in die Schlagzeilen gerät – derzeit etwa, weil ein kritischer saudischer Journalist im saudischen Konsulat in Istanbul zu Tode gefoltert wurde und weil Riad den Völkermord im Jemen vorantreibt –, dann gerät in Wien das KAICIID ins Fadenkreuz der Kritik.

    Nicht ohne Grund, denn es ist eine Gründung des verstorbenen saudischen Königs Abdullah ibn Abd al-Aziz, wird von Riad finanziert und von saudischen Funktionären dirigiert, auch wenn die Trägerschaft der internationalen Organisation bei drei Staaten liegt. Die religiösen und politischen Führer aus Saudi-Arabien, die bei den noblen Konferenzen in Wien nicht nur christlichen Bischöfen, sondern Rabbinern, Buddhisten und Hindus vergnügt die Hand schütteln, brüderlich auf die Schulter klopfen und wortreich erklären, warum der Islam eine Religion des Friedens und der Toleranz sei, denken gar nicht daran, den „Religionen des Buchs“, geschweige denn Polytheisten auf der arabischen Halbinsel so etwas wie Religionsfreiheit einzuräumen. Ob es nun propagandistisch hochwertige Heuchelei sei, was die Saudis da via KAICIID veranstalten, oder das zarte Pflänzchen der Hoffnung, das den nahenden Frühling eines winterlichen Systems anzukündigen wagt – darüber ließe sich trefflich streiten.

    Natürlich nicht bei den KAICIID-Feierlichkeiten, wo gar nicht gestritten wird. Hier käme auch ein vatikanischer Bischof nicht auf die Idee, die Ängste der katholischen Untergrundkirche in Saudi-Arabien und die Massaker im Jemen offen anzusprechen. Stattdessen erläuterte Bischof Ayuso, eifrig Papst Franziskus zitierend, warum der interreligiöse Dialog eine Priorität dieses Pontifikates sei, warum er eine feste religiöse Identität voraussetze und weshalb jede authentische Religion eine Quelle des Friedens sei, nicht der Gewalt. Jeder von uns biete das Zeugnis seiner eigenen Identität an, meinte der Bischof vor dem nicht nur bunt gewandeten, sondern auch konfessionell überaus bunten Auditorium im Palais Sturany, dem Sitz des KAICIID.

    Dass religiöse Unterschiede kein Grund für Konflikte seien, aber der interreligiöse Dialog eine Bedingung für den Frieden, hörte wohl keiner der Teilnehmer zum ersten Mal. Ob da zwischen den vatikanischen Zeilen etwas zu lesen war, blieb dem Hörer und seinem Vorverständnis überlassen. Etwa, wenn Bischof Ayuso anmerkte, durch dieses Ausbildungsprogramm solle das KAICIID besser bekannt und höher geschätzt werden, und zwar lokal wie überregional. Klang da vielleicht doch ein diplomatischer Reflex auf jene Kritik an, die in Österreich hochbrandet, wenn Saudi-Arabien in die Schlagzeilen gerät?

    Zu den leidenschaftlichen Verteidigern des KAICIID zählt David Rosen, der jüdische Vertreter im Direktorium, der als Rabbiner zwischen Irland und Südafrika, Israel und den USA tätig war und ist. Er war in der Vorwoche nur per Video in Wien präsent, dafür aber umso klarer in seiner Botschaft: Rosen rief dazu auf, „eine Gemeinschaft des interreligiösen Respekts zu erbauen“, und sagte den Absolventen des Programms voraus, sie würden zum Segen für ihre jeweiligen Gemeinschaften und die Gesellschaft insgesamt.

    Sicher, wenn Hindus, Christen und Muslime gemeinsam in Indonesien trainieren, wenn in einem ethnisch und ideologisch zerrissenen Land wie Nigeria junge Akademiker in Dialogkultur geschult werden, wenn junge Muslime lernen, mit Buddhisten und Juden zusammenzuwirken, dann kann man schon auf „Erfahrungen der Brüderlichkeit“ hoffen, wie Bischof Ayuso es tat. Wenn nur all das, was der KAICIID-Generalsekretär in Wien mutig als „Missbrauch von Religion“ brandmarkt, nicht gerade heute so verbreitet wäre – und mit Petro-Dollar verbreitet würde!

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