• aktualisiert:

    Die Unzertrennlichen

    Wie die Universität Münster das Verhältnis von Religion und Politik unter die Lupe nimmt. Von Barbara Stühlmeyer

    Das Exzellenzcluster der Universität Münster untersucht das Verhältnis von Politik und Religion in historischer und kult... Foto: dpa

    Sie können sich nicht leiden und nicht einig werden. Religion und Politik scheinen nicht nur in unseren Tagen auf verschiedenen Planeten zuhause zu sein und so unterschiedliche Sprachen zu sprechen, dass es nur wenige Dolmetscher gibt, die zwischen ihnen zu vermitteln verstehen. Grund genug für die Westfälische Wilhelms-Universität Münster, das Verhältnis der beiden Unzertrennlichen und zugleich chronisch Verschiedenen einmal genauer zu untersuchen. Genau dies geschieht im Rahmen des Exzellenzclusters der WWU. Und dabei beschränken die rund 200 Forscher verschiedener Fachgebiete, die an dem Projekt beteiligt sind, keineswegs nur auf die Gegenwart. Denn sie gehen – völlig zu Recht –, davon aus, dass es schon immer ein Drahtseilakt war, zu definieren, wer auf welchen Feld etwas zu sagen hat und wie man sich im Konfliktfall einigen kann. Die Vorgehensweise der Wissenschaftler ist hochinteressant. Denn sie setzen bei ihrer Arbeit nicht nur auf die kleinteilige Untersuchung längst vergangener Auseinandersetzungen, sondern mischen sich aktiv in den politischen Diskurs ein. Sie sind überzeugt: Nur wenn Menschen der Religion eine Stimme geben, hat unser Gemeinwesen die Chance, sich so weiterzuentwickeln, dass alle Menschen guten Willens darin einen angemessenen Platz finden. Zugleich hoffen die am Projekt Beteiligten darauf, durch ihre regelmäßigen Beiträge zu öffentlichen Debatten eine größere reflexive Distanz zur Gegenwart zu ermöglichen. Wenn dies gelänge, wäre das allein schon mehr, als man von einem guten Forschungsprojekt erhoffen kann. Denn in einer Zeit, in der selbst Präsidenten ohne intellektuellen Filter twittern, was ihnen gerade in den Sinn kommt, ist es offenkundig, dass ein Raum des Nachdenkens dringend von Nöten ist.

    Der Herausforderung unserer globalisierten Gesellschaft wird das Exzellenzcluster insofern gerecht, als die Grundannahme darin besteht, dass die heutigen Probleme nur in historischer und zugleich kulturvergleichender Perspektive angemessen beurteilt werden können.

    Die einzelnen Forschungsvorhaben beschäftigen sich also nicht nur mit der Auswertung historischer Quellen, sondern betreiben zugleich Medienarbeit, integrieren und analysieren Kulturveranstaltungen wie Ausstellungen, Kino- und Konzertreihen, die die öffentlichen Ringvorlesungen, Vorträge, Workshops und Dialogveranstaltungen ergänzen. Zieht man eine Summe unter das Vorgehen, wird ersichtlich, dass hier ein wissenschaftlich basierter gesellschaftlicher Diskurs angestoßen werden soll, der der Religion in der Gesellschaft wieder eine Stimme gibt. Erkennbar wird diese Zielvorstellung auch daran, dass das Zentrum für Wissenschaftskommunikation, dessen Angebote man unter www.uni-muenster.de nachlesen kann, die Expertise der Forscherinnen und Forscher an die Öffentlichkeit jenseits der Universitäten weitervermittelt.

    Der große Vorteil der Konzeption des Exzellenzclusters liegt darin, dass hier wirklich konsequent vernetzt gearbeitet wird. Denn aufgrund seiner Größe und der Vielfalt der daran beteiligten Fachrichtungen nimmt das Projekt eine Sonderstellung ein. Es bindet nämlich auch solche Disziplinen und Methoden ein, die andere Einrichtungen der Religionsforschung nicht aufweisen. Ein Beispiel dafür ist die epochen- und kulturübergreifende Arbeit zu allen monotheistischen Religionen, die durch die rund 80 Einzelprojekte ergänzt wird. Sie erforschen gegenwartsbezogen, empirisch, normativ und zugleich analytisch und hermeneutisch die Bereiche Religion und Politik. Diese werden dabei als historisch veränderliche soziale und kulturelle Felder gesehen, deren je unterschiedliches Wechselverhältnis die Konflikte und deren Lösung maßgeblich mitbestimmt.

    Damit die Forschungsfelder einem angemessenen Vergleich unterzogen werden können, unterscheiden die Forscher Normativität, Medialität, Integration und Gewalt. Diese Bereiche werden durch Arbeitsplattformen vernetzt, in denen die Differenzierung von Religion und Politik, deren transkulturelle Verflechtung und kulturelle Ambiguität untersucht werden. Auch das Verhältnis von Religion und Geschlecht steht auf der Tagesordnung, ebenso wie die Verbindungen von Religion und Wirtschaft und das jüngst wieder virulente Phänomen von Märtyrertum und normativen Krisen. Die Ergebnisse des Exzellenzclusters werden seit 2012 bereits sukzessive veröffentlicht. So ergaben sich neue Erkenntnisse zum Verhältnis von Religion und Gewalt, Integration und religiöser Vielfalt, Umgang mit kultureller Mehrdeutigkeit, zur höchst umstrittenen Säkularisationstheorie, zur Frage politischer und religiöser Inszenierungen und zur Durchsetzung von Normen in säkularen Gesellschaften. Gerade die letzte Frage zu beantworten ist angesichts der unübersehbaren Erosionsprozesse bei gleichzeitig exponentiell steigender Sehnsucht nach Sinn und Sicherheit von dringlicher Relevanz.

    Wer sich näher für das Exzellenzcluster interessiert, findet eine Projektbeschreibung sowie weiterführende Informationen unter www.uni-muenster.de.

    Weitere Artikel