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    Der Bruch des letzten Tabus

    He Jiankui gilt inzwischen als Paria. Offenbar, weil er etwas zur falschen Zeit tat und dies droht, eine ganze Branche in Verruf zu bringen. Von Stefan Rehder

    Den 25. November 2018 werden sich viele merken. Allen voran Historiker. Schon jetzt wird dieser Tag von manchem mit dem 25. Juli 1978 verglichen. Jenem Tag, an dem Lesley Brown im Royal Oldham Hospital nahe Manchester um 23.47 Uhr ihre Tochter Louise entband – das weltweit erste mittels In-vitro-Fertilisation (IVF) im Labor erzeugte Kind. Damals belagerte ein Heer von Reportern und Fotografen das Hospital. Sie alle wollten einen Blick auf das Baby erhaschen und dabei sein, wenn der Tierphysiologe und spätere Nobelpreisträger Robert Edwards (1925–2013) und der Gynäkologe Patrick Steptoe (1913–1988) ihr Humanexperiment der Öffentlichkeit vorstellten.

    18 Jahre, nachdem die Marktzulassung der „Anti-Baby-Pille“ der Menschheit „Sex ohne Zeugung“ beschert hatte, ermöglichten Edwards und Steptoe ihr nun die „Zeugung ohne Sex“. Was oberflächlich betrachtet eine Weltsensation darstellte, kam in Wirklichkeit der Überschreitung des Rubikons gleich. Eine, ohne die der Embryo nie den Weg ins Labor gefunden hätte. Eine, ohne die weder die Embryonen verbrauchende Forschung noch die Selektion genetisch auffälliger Embryonen mittels Präimplantationsdiagnostik (PID) möglich geworden wäre. Eine, ohne die auch der chinesische Biophysiker He Jiankui – 39 Jahre später – womöglich nie auf Abwege geraten wäre und ein freundlich und zuvorkommend wirkender Mensch geblieben wäre.

    Mit Problemen, die Edwards und Steptoe damals dem Royal Oldham Hospital einbrockten, hatte das HarMoniCare Frauen- und Kinderkrankenhaus im Shenzhen, in dem die weltweit ersten, mittels der neuartigen CRISPR/Cas9-Technologie gentechnisch optimierten Mädchen geboren worden sein sollen, jedenfalls nicht zu kämpfen. Anstatt sich mit der Weltpresse herumzuschlagen, informierte He die Welt gleich selbst: „Zwei wunderschöne kleine chinesische Mädchen namens Lulu und Nana“ seien „vor einigen Wochen weinend und so gesund wie jedes andere Baby zur Welt“ gekommen, ließ der erst 34-Jährige in einer am 25. November über Youtube verbreiteten Videobotschaft wissen. In dem fast fünfminütigen Video vermittelt der Chinese den Eindruck eines erfolgreich verlaufenen Keimbahneingriffs, der die Zwillinge Lulu und Nana gegen HI-Viren resistent gemacht habe.

    HI-Viren benötigen einen Rezeptor, um in die Zellen eines Wirts eindringen zu können. Als Rezeptor werden in der Biochemie Proteine bezeichnet, an denen Signalmoleküle binden, die im Inneren der Zellen Prozesse auslösen. Die Bauanleitung für die Herstellung des von den HI-Viren benötigten Rezeptors liefert ein Gen mit der Bezeichnung CCR5. Ist es defekt, kann der Organismus den Rezeptor nicht herstellen, und von den HI-Viren nicht infiziert werden.

    Um Lulu und Nana gegen HIV resistent zu machen, hat He das Erbgut der Zwillinge mit der auch CRISPR/Cas9 genannten Genschere bearbeitet und das Gen CCR5 funktionsunfähig gemacht. In dem Youtube-Video erklärt er das so: Wie bei einer „normalen IVF“ habe er zunächst Ei- und Samenzelle verschmolzen und – als der Embryo aus einer einzigen Zelle bestand – noch „ein klein wenig Protein und die Instruktion für die Genoperation“ hinzugefügt. Später, bevor die Zwillinge in den Uterus ihrer Mutter implantiert wurden, habe man das Genom der Zwillinge sequenziert. Dabei sei festgestellt worden, dass die „Genoperation“ erfolgreich verlaufen sei. Nach der Geburt sei das gesamte Genom von Lulu und Nana erneut sequenziert worden. „Dabei wurde bestätigt: Die Genoperation verlief sicher: Kein Gen wurde verändert, außer dem einen, um die HIV-Infektion zu verhindern.“

    Eine steile Behauptung. Und eine, mit der He bisher allein dasteht. Kiran Musunuru vom Stem Cell Institute der Universität Harvard, einer der wenigen Wissenschaftler, die Hes bisher noch unveröffentlichte Arbeit über das Humanexperiment vorab gelesen haben wollen, behauptet nämlich anderes. „Ich war entsetzt, als ich die Daten gesehen habe“, wird Musunuru in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“ zitiert. Es habe klare Hinweise auf eine Mosaikbildung gegeben. Von Mosaiken spricht man, wenn eine genetische Mutation nicht alle, sondern nur einen Teil der Zellen eines Organismus erfasst. Ein Grund: Die Selbstheilungskräfte von Embryonen erlauben es ihnen, abnorme Zellen in gewissem Umfang selbst abzustoßen, weshalb bei der PID regelmäßig auch solche Embryonen ausgesondert werden, die später gesund wären. Außerdem soll es laut Musunuru an mindestens einer Stelle in dem Genom der Zwillinge eine sogenannte „Off-Targeting-Mutation“ gegeben haben. Dabei schneiden die programmierbaren Genscheren an Stellen, an denen dies die Forscher gar nicht beabsichtigten.

    Erst kürzlich zeigte ein Team britischer Wissenschaftler um den Genetiker Allan Bradley vom Wellcome Sanger Institute in Hinxton bei Cambridge, dass die Genscheren ihre Ziele öfter verfehlen als bisher angenommen. In der Fachzeitschrift „Nature Biotechnology“ berichteten die Forscher von beträchtlichen Kollateralschäden, welche der Einsatz von CRISPR/Cas9 in unterschiedlichen Zellkulturen – darunter auch menschlichen – hinterlassen hätten. Bei den von den Genscheren angerichteten Schlachtfesten seien größere DNA-Abschnitte verloren gegangen, andere seien falsch herum oder sogar an verkehrter Stelle eingefügt worden. Verantwortlich dafür sind nach Ansicht von Bradley die zelleigenen Reparaturmechanismen. Die bänden, nachdem die Genscheren den DNA-Doppelstrang durchtrennt hätten, viel häufiger als bisher gedacht, die falschen Enden zusammen.

    Was Forscher nicht hindern wird, mit den Genscheren außer an Embryonen auch bei bereits geborenen Menschen zu experimentieren. Am Universitätsklinikum Regensburg etwa soll demnächst der Einsatz von CRISPR/Cas9 im Rahmen einer klinischen Studie an Patienten erprobt werden, die an der tödlichen Blutkrankheit Beta-Thalassämie erkrankt sind. Was allerdings – ethisch betrachtet – selbst im Falle eines Fehlschlags kein Problem darstellt, jedenfalls kein prinzipielles. Der Grund: Anders als bei Lulu und Nana zielen solche Humanexperimente nicht auf die Keimbahn, sondern auf somatische Zellen. Genetische Veränderungen solcher Zellen werden nicht auf die nächste Generation vererbt. Ein Misserfolg hätte daher nur Konsequenzen für die Betroffenen selbst. Und da die – den sicheren Tod vor Augen – wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen haben, sind derartige Heilversuche – ordentliche Aufklärung und Einwilligung der Studienteilnehmer vorausgesetzt – ethisch nicht zu beanstanden.

    Dass He’s Patienten derart aufgeklärt waren, wird von vielen angezweifelt. Nicht zuletzt deshalb, weil es – medizinisch gesehen –, gar keine Notwendigkeit für einen derart riskanten Eingriff gibt. Das Risiko eines Kindes, sich bei seinem HIV-positiven Vater anzustecken, wird von Fachleuten angesichts der heute erhältlichen medikamentösen Therapien als nahezu nicht existent betrachtet. Und selbst die hoch wahrscheinliche Infektion des Kindes bei der Geburt durch eine HIV-positive Mutter kann heute durch entsprechende Therapien und besondere Vorkehrungen bei der Geburt zuverlässig verhindert werden.

    Medizinisch gesehen stellt He’s Eingriff daher auch gar keinen Heilversuch, sondern ein Humanexperiment dar. Eines, dessen mögliche Tragweite noch keiner ermessen kann. Schon deshalb nicht, weil niemand sagen kann, ob das Gen CCR5 im menschlichen Organismus nicht doch eine Funktion besitzt, die Wissenschaftlern bisher unbekannt ist. Dass CCR5’s einzige Funktion darin besteht, HI-Viren zu ermöglichen, das Immunsystem zu überwinden, ist jedenfalls wenig wahrscheinlich. Darüber hinaus ist He’s Humanexperiment eines, das zeigt, dass die von prinzipiellen Kritikern des Genom Editings früh artikulierte Befürchtung, in der Praxis würden die Genscheren statt zur Heilung von Krankheiten vor allem zur „Verbesserung“ von Menschen eingesetzt, alles andere als aus der Luft gegriffen war.

    Noch bevor die erste CRISPR/Cas9-Therapie zur Heilung irgendeiner Krankheit erprobt wurde, wurde die Technologie – jedenfalls wenn He kein gerissener Betrüger ist, wofür bislang nichts spricht – zur Verbesserung von Menschen eingesetzt. In diesem Fall, um sie HIV-resistent zu machen. Auch wenn laut Robin Lovell-Badge von Francis Crick Institute in London Versuche mit Mäusen gezeigt haben sollen, dass die Veränderung des Gens CCR5 zu einer Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten der Tiere führe, ging es He offenbar nicht darum, neue Übermenschen zu schaffen. Vielmehr wollte er Paaren Familien ermöglichen und sie vor der sozialen Ächtung bewahren, die HIV-Infizierte in China vielerorts erfahren.

    Wie He auf dem vergangene Woche in Hongkong veranstalteten „Second International Summit on human genome editing“ darlegte, arbeitete er anfangs mit insgesamt acht Paaren, bei denen jeweils die Männer HIV-positiv und die Frauen HIV-negativ waren. Ein Paar sei später aus der Studie ausgesch- ieden. Aus den Gameten der verbleibenden sieben Paare will He, wobei die Spermien der HIV-infizierten Männer zuvor „gewaschen“ wurden, 30 Embryonen erzeugt und ihr Genom mit den CRISPR/Cas9-Genscheren bearbeitet haben. 19 der Embryonen seien anschließend gesund und lebensfähig gewesen. Von ihnen implantierte er einer Frau, die er Grace nennt, die Zwillinge, die der Welt nun als Lulu und Nana vorstellt wurden.

    Welches Schicksal den 17 verbliebenen Embryonen zugedacht ist, ist überwiegend unklar. Lediglich eine weitere Frau soll, so He, mit einem weiteren geneditierten Embryo schwanger sein. Und auch das erst in einem frühen Stadium der Schwangerschaft. Die auf dem Hongkonger Gipfel versammelte „scientific community“, wie sich die Gemeinschaft der Wissenschaftler selbst nennt, zeigte sich schockiert. Der Vorsitzende des Organisationskomitees, David Baltimore, bezeichnete He’s Experiment als „unverantwortlich“ und kritisierte den Mangel an Transparenz.

    Der Umgang der „scientific community“ mit He ist – obgleich für ihn selbst überaus tragisch – nicht frei von Ironie. Ausgerechnet diejenigen, die in öffentlichen Debatten stets auf die Freiheit der Forschung pochen, sobald staatliche Akteure oder gesellschaftliche Gruppen es wagen, Moratorien oder gar Verbote zu fordern, finden, He hätte die Gemeinschaft der Forscher frühzeitig über sein Vorhaben informieren und ihre Zustimmung einholen müssen.

    Und so beschränkte sich die Kritik an He in Hongkong – von wenigen Ausnahmen abgesehen – im Wesentlichen denn auch darauf, welches Ziel er für seine Eingriffe in die Keimbahn wählte und wie er diese durchführte. Analysiert man die Vorwürfe, so kommt man zu dem Schluss, dass He’s Humanexperiment den Segen der scientific community erhalten hätte, wenn er seine Studie im Rahmen des üblichen Peer-Review-Verfahrens durchgeführt hätte und die genetisch modifizierten Embryonen hinterher vernichtet worden wären.

    In ihrer Abschlusserklärung, die das Datum vom 3. Dezember trägt, bestehen die Mitglieder des Organisationskomitees des Hongkonger Gipfels denn auch darauf, dass die Forschung mit den Genscheren „weitergeführt“ werden müsse und fordern: „Wenn im Verlauf der Forschung frühe menschliche Embryonen oder Keimbahnzellen einer Gen-Bearbeitung unterzogen werden, so sollten die modifizierten Zellen nicht dazu verwendet werden, eine Schwangerschaft zu etablieren.“

    Weiter heißt es: „Es wäre unverantwortlich, mit jeder klinischen Verwendung der Keimbahnbearbeitung fortzufahren.“ Jedenfalls so lange, „wie die relevanten Sicherheits- und Wirksamkeitsprobleme, basierend auf einem angemessenen Verständnis und dem Abwägung von Risiken, möglichen Vorteilen und Alternativen“ noch nicht gelöst wurden und es keinen „breiten gesellschaftlichen Konsens über die Angemessenheit der vorgeschlagenen Anwendung“ gibt. „Darüber hinaus sollte eine klinische Anwendung nur unter angemessener aufsichtsrechtlicher Beobachtung erfolgen.“ Gegenwärtig seien diese Kriterien noch nicht erfüllt. So seien etwa die Sicherheitsaspekte noch nicht ausreichend untersucht worden. Auch gebe es in vielen Ländern „gesetzliche oder behördliche Verbote der Keimbahnveränderung“. „Mit dem Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der gesellschaftlichen Ansichten sollte jedoch die klinische Verwendung der Keimbahnbearbeitung regelmäßig überprüft werden.“

    Mit anderen Worten: Nach Ansicht der Organisatoren des Gipfels hat He nichts unternommen, das per se falsch wäre. Verkehrt war lediglich, dass er es zur falschen Zeit und beinah im Alleingang mit nur wenigen Getreuen – auf eigene Faust – unternahm. Ergo: Der genetisch optimierte Mensch wird kommen. Nur will uns die „scientific community“ darauf weit besser vorbereiten, als dies der 34-jährige Chinese getan hat. Wie gut, dass wir das nun auch wissen.

    Von Stefan Rehder

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