• aktualisiert:

    Eine ganz kurze Geschichte des rheinischen Karneval

    Helau und Alaaf. Die Rosenmontagszüge rollen wieder. So wie in jedem Jahr. Doch wie fing alles an? Und wie ging es dann weiter? - Eine ganz kurze Geschichte des rheinischen Karneval

    Im Rheinland läuft der Straßenkarneval auf Hochtouren. Foto: Federico Gambarini/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ Foto: Federico Gambarini (dpa)

    Die Karnevalsfestivitäten am Rhein beginnen im Hochmittelalter. Ab dem frühen 12. Jahrhundert finden wir erste Anzeichen für größere Fastnachtsfeiern. So ist überliefert, dass der erste Karnevalswagen 1133 in Aachen gebaut wurde. In Köln sprach man schon im Jahr 1234 vom „närrischen Treiben“. Im Jahre 1341 fand der erste Karnevalsumzug in Köln statt. Eine der ältesten Erwähnungen der Fastnacht findet sich in der Speyerer Chronik von 1612, der aus alten Akten berichtet: „Im Jahr 1296 hat man Unwesen der Fastnacht etwas zeitig angefangen / darinn etliche Burger in einer Schlegerey mit der Clerisey Gesind das ärgst davon getragen / hernach die Sach beschwerlich dem Rhat angebracht / und umb der Frevler Bestrafung gebetten.“ (Clerisey Gesind meint die Bediensteten des Bischofs und des Domkapitels) Also, da hat’s ne Schlägerei gegeben.

    Sinnbild für die „verkehrte Welt“ des Karneval, den verkehrten Kurs ist das mittelalterliche „Narrenschiff“. Es ist besetzt mit Personen, die nur dem eigenen Vergnügen frönen. Auf Holzschnitten und Bildern sind Frauen und Männer geistlichen Standes vertreten. Sie reisen unter geblähten Segeln „gen Narragonien“. Bekannt ist auch die Schrift Daß Narrenschyff ad Narragoniam von Sebastian Brant, ein Buch, das 1494 erschien und das dieses Bild der „verkehrten Welt“ aufgreift und der Narrengesellschaft auf dem Schiff durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster kritisch den Spiegel vorhält. Die Moralsatire Daß Narrenschyff ad Narragoniam ist das erfolgreichste deutschsprachige Buch des Mittelalters.

    Der Blick in die Geschichte des Mittelalters zeigt: Der Karneval hat als „Fest der verkehrten Welt“ (hierin liegt auch der Ursprung des sich Verkleidens) eine unverrückbare Stellung im christlich-katholischen Kalender, er ist untrennbar mit dem Aschermittwoch und der folgenden Fastenzeit verbunden. Bereits der Fasching bereitet die Fastenzeit als den reinigenden Bußakt vor: Durch Darstellung und Spiel der verkehrten Welt soll die rechte Ordnung um so deutlicher erscheinen. Am Aschermittwoch ist schlagartig „alles“ vorbei. Die Narrenkappe mit den „Eselsohren geistlicher Trägheit“ und den „Schellen der Lieblosigkeit“ wird abgelegt. Umkehr hin zu Gott. Damit ist der Antagonismus von Karneval und Fastenzeit auch so etwas wie der ewige Kampf des Guten gegen das Böse. Als ein Beleg dafür gilt das Gemälde „Kampf zwischen Fastnacht und Fastenzeit“ von Pieter Brueghel d.Ä. aus dem 16. Jahrhundert. Das wüste Fastnachttreiben stellt demnach den unerlösten, chaotischen Zustand der Welt dar – samt der Herrschaft des Teufels und seiner Narren. Die Umkehr und Rückkehr zur kirchliche und weltlichen Ordnung ist eine Umkehr und Rückkehr zu Gott.

    Die Reformation stellte die vorösterliche Fastenzeit und damit eben auch die Fastnacht infrage. Der Karneval zieht sich vom 16. bis ins 19. Jahrhundert an die Höfe, auf die Schlösser zurück, wird als elitärer Maskenball veranstaltet; der lebhafte Straßenkarneval des Volkes geht ein. Der Straßenkarneval, also die Umzüge mit Wagen und Fußgruppe, wie man es vom Rosenmontagszug kennt, wurde erst 1823 in Köln neu belebt, dann vor allem organisiert vom aufstrebenden Bürgertum, das die Rolle der Zünfte übernahm. In der Geschichte Kölns fiel der Zug seit 1823 nur ganz selten aus, zuletzt 1991 aufgrund des Zweiten Golfkriegs. Auch davor hauptsächlich wegen der Kriege und unmittelbaren der Kriegsfolgen.

    In dieser Zeit der Wiederentdeckung des Straßenkarnevals, also Anfang des 19. Jahrhunderts, entstehen auch die Garden, die Funken. Die Funken gehen zurück auf verschiedene Einheiten der Kölner Stadtsoldaten, die von den 1794 einmarschierenden französischen Truppen aufgelöst wurden. Die Karnevalssoldaten machten aus dieser Not eine Tugend, übernahmen die alten Uniformen der Stadtgarden und karikierten damit in den Folgejahren die preußischen Soldaten, die nach 1822 in Köln das Kommando innehatten (von 1822 bis 1945 gab es ja die so genannte „Rheinprovinz“ als Teil Preußens). Bis heute persiflieren die Funken das militärische Gehabe durch ihre Kommandosprache und ziemlich absurde Exerzierformen, z. B. den Stippeföttchedanz.

    Dann kommt das 20. Jahrhundert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde Fasching, wie alles andere auch, oftmals für propagandistische Zwecke eingesetzt. Die Propaganda der Nazis sollte den Fasching umfunktionieren und aus seiner religiösen Sinngebung lösen. Stattdessen sollte es unter Berufung auf die „germanische Vorzeit“ eine „Deutsche Fastnacht“ geben, die kein „Abkömmling jüdisch-christlicher Kultur“ sei. „Die innere Beziehung zum kirchlich-christlichen Fastabend“ müsse „negiert und verwischt“ werden, hieß es in einer nationalsozialistischen Weisung vom November 1933.

    Kardinal Michael Faulhaber musste den Karneval gegen diese völkische Umdeutungen in Schutz nehmen. In seiner Predigt an Silvester 1934 sagte er: „Der Karneval, früher eine Vorfeier der kirchlichen Fastenzeit, hat sich von der Kirche losgesagt und wird, eigentlich als Irrläufer und ohne inneres Recht, auch von jenen heute gefeiert, die die fleischlosen Fasttage der Kirche nicht mitmachen.“ 1935 widerstand der Kölner Karneval dem Eintritt in die NS-Organisation „Kraft durch Freude“, was als Narrenrevolte bezeichnet wird. Allerdings bezog sich das nur auf die Organisationsstruktur; ein Teil der Leitung der Kölner Karnevalisten war bereits zuvor in die NSDAP eingetreten.

    Von Widerstand auf breiter Front kann also keine Rede sein. Doch in Einzelfällen zeigt sich, dass die Kreativität des Karneval dem Zeitgeist auch damals etwas entgegenzusetzen hatte. Erinnert sei etwa an Karl Küpper, einen Kölner Büttenredner, der die Nazis (besonders deren „Deutschen Gruß“) gehörig auf die Schippe nahm, daraufhin lebenslängliches Redeverbot bekam und sich dem KZ nur entziehen konnte, indem er freiwillig in die Wehrmacht eintrat. Küpper selbst sah sich jedoch nie als Widerstandskämpfer, sondern immer als Karnevalist. Das sollte im besten Fall das gleiche sein.

    Josef Bordat