• aktualisiert:

    Der Gipfel der Askese

    Eine religiöse Spurensuche in Georgien führt zur heiligen Stätte des Katskhi-Felsens. Dort findet in 40 Metern Höhe klösterliches Leben im Miniaturformat statt. Von Sabine Ludwig

    In fast 40 Metern Höhe erhebt sich der Katskhi-Felsen über die Baumwipfel – einer der Lieblingsplätze von Vater Giorgi F... Foto: Sabine Ludwig

    Für Nino Kurtskhalia aus Chiatura, einer kleinen Stadt im Westen Georgiens, sind die Besuche des nur wenige Kilometer entfernt gelegenen Katskhi-Felsens immer etwas ganz Besonderes. Denn die knapp 40 Meter hohe, frei stehende Kalkstein-Felsnadel beherbergt auf ihrem rund 10 mal 15 Meter messenden Gipfelplateau eine kleine georgisch-orthodoxe Klosteranlage. Diese umfasst eine Kapelle mit einer Fläche von 4,5 mal 3,5 Meter und eine unterirdische Krypta sowie ein winziges Wohngebäude mit Weinkeller. Dieses Kloster wurde in seiner ursprünglichen Form wahrscheinlich zwischen dem siebten und zehnten Jahrhundert nach Christus errichtet.

    Damals zogen sich Christen auf die Spitze des Monolithen zurück, um allen weltlichen Versuchungen zu entgehen. Auch heute noch lebt auf dem Gipfelplateau ein asketischer Einsiedler-Mönch genau nach den Riten seiner Vorgänger. Nur zweimal in der Woche steigt er die lange eiserne Leiter herab. In der modernen Kapelle am Fuß des Felsens, die dem Säulenheiligen Simeon geweiht ist, hält er dann für seine Anhänger einen Gottesdienst. Sonst wird er über einen Seilzug mit Wasser und Lebensmitteln versorgt. Weltliche Besucher dürfen nicht hinauf, wenn, dann nur andere Mönche. Und für Frauen wie Nino Kurtskhalia ist das Betreten des Gipfelplateaus strikt verboten.

    Ein nach Europa ausgerichtetes Georgien

    Trotzdem kommt die 51-Jährige gerne hierher. Von klein auf gehörte das Heiligtum für sie zu ihrem georgisch-orthodoxen Glauben. Den lebt sie wie fast alle Menschen in Georgien mal mehr und mal weniger strikt. Eher weniger und nicht so ausgeprägt wie bei ihren Mitmenschen, für die eine Trennung zwischen Kirche und Staatsgewalt unvorstellbar ist. Doch immer mehr junge und moderne Menschen lehnen sich gegen das Diktat der Landeskirche auf. Und Kurtskhalia gehört zu der moderneren Gesellschaft in dem Land an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien. „Ich bin nicht sehr religiös“, sagt die Englischlehrerin. „Als Gläubige musst du sehr vielen strengen Regeln folgen. Da führt kein Weg daran vorbei.“ Genau das ist es, was sie in einem aufstrebenden, nach Europa orientierten Georgien nicht mag. „Als berufstätige Frau habe ich einfach keine Zeit, jede Woche in die Kirche zu gehen oder die vielen Fastenzeiten zu beachten.“ Denn die sind jeden Mittwoch und Freitag. Und dann auch noch zwei lange Monate vor Weihnachten und vor Ostern. „Nur Gemüse und Obst essen ist einfach nicht mein Ding“, sagt die gelernte Übersetzerin.

    Wie fast alle anderen Georgier kennt sie die Geschichte des Katskhi-Felsens: „Mit dem Einfall der Osmanen im 15. Jahrhundert gab es die Mönche auf dem Plateau nicht mehr. In den folgenden Jahrhunderten blieb die Felsnadel sich selbst überlassen. Die Anlage verfiel.“ Erst als im Jahr 1944 eine Gruppe Bergsteiger beschloss, den Monolithen hinaufzuklettern, wurden in den Ruinen die Gebeine eines früheren Säulenheiligen entdeckt.

    Eine Schürze für die Frauen

    Die Ergebnisse dieser Expedition wurden im Jahr 1946 publiziert. Später, von 1999 bis 2005, war der Berg Ziel archäologischer Untersuchungen. Nach deren Abschluss wurden im Jahr 2009 die Gebäude mit staatlicher Unterstützung restauriert und wieder aufgebaut. Die Gebeine des Säulenheiligen fanden in der Krypta unter der Kapelle ihre letzte Ruhe. Heute steht die Stätte unter Denkmalschutz. Frauen dürfen nach wie vor die Klosteranlage auf dem Gipfel nicht betreten. Auch jeder Kletterversuch wird unterbunden. Sie dürfen nur die kleine Kirche am Fuß des Felsens besuchen. Wer Hosen trägt, muss sich eine Schürze umbinden, die vor Ort kostenlos ausgeliehen werden kann.

    Giorgi Feradze kommt mit Freunden aus Tiflis, um ihnen diesen magischen Ort zu zeigen. Er ist ein sogenannter „Weißer Vater“. So nennt die georgisch-orthodoxe Kirche ihre Laienpriester, die heiraten und Familie haben dürfen. Feradze hat drei Kinder. Er arbeitet in einem Kloster in der Hauptstadt Tiflis. Damit gehört er zu jenen Männern, die ohne Probleme den Felsen besteigen könnten. Auf den Besuch bei seinem Mitbruder weit oben verzichtet er heute zugunsten seiner Freunde, die den Katskhi-Felsen als Touristen erleben wollen. „Ich möchte ihnen lieber von unten die Höhepunkte des orthodoxen klösterlichen Lebens zeigen. Die Kirche auf dem Plateau gehört zu meinen Lieblingsplätzen“, lacht Feradze.

    Für den gläubigen Kote Chankvetadze bedeutet es sehr viel, Vater Giorgi an diesem heiligen Ort zu treffen. Er kommt aus dem kleinen Dorf Rupoti, das rund eine Stunde entfernt in der Nähe der Stadt Terjola liegt. Der 38-Jährige ist in der atheistischen Sowjetära aufgewachsen, doch in seinem Elternhaus war der Glaube immer da. Auch wenn er damals heimlich gelebt werden musste. „Erst mit 17 Jahren konnte ich mich taufen lassen und damit offiziell Christ werden“, betont er. Jeden Sonntag und an allen Festtagen besucht er den Gottesdienst in seinem kleinen Ort. Das sei für ihn sehr wichtig. Beten, dem Priester zuhören und die Lieder begleiten machen für ihn den Gottesdienst aus. Darauf will er nicht verzichten. An hohen Festtagen wie Weihnachten oder Ostern bleibt er die ganze Nacht in der Kirche. „Unsere Religion definiert unsere Persönlichkeit als Georgier. Wir nennen das unsere nationale Identität“, sagt der Schulbusfahrer. Auch seine Kinder wird der noch Unverheiratete einmal in diesem Glauben erziehen. Etwas anderes käme für ihn gar nicht in Frage. Denn viel zu sehr hätte ihn die Verleugnung jeglicher Religion in der früheren Sowjetunion geprägt.

    Aber es gibt auch religiöse Feste, von denen sie begeistert sei, beteuert Nino Kurtskhalia. Zum Beispiel das Christfest. „Weihnachten feiern wir am 7. Januar. Das Fest mag ich sehr, denn es bringt die Familien zusammen.“ Am Abend des 6. Januar gehen die georgischen Gläubigen ab Mitternacht in die Kirchen. „Dort verbringen wir die ganze Nacht, hören der Predigt und den Gesängen zu. Das möchte ich nicht missen, denn ich bin damit aufgewachsen.“ Am Morgen des Weihnachtstages kehren sie in ihre Häuser zurück. „Sämtliche Familienmitglieder werden erwartet. Es gibt das traditionelle Essen Satsivi mit geröstetem Truthahn in Walnuss-Sauce, dazu Khachapuri, unsere beliebten Käsefladen, und den nach jahrhundertealten Rezepten hergestellten Wein.“ Auf dem Dorf werden die eigens für Weihnachten gemästeten Schweine geschlachtet. Vegetarier oder Veganer sind in dem Land am südlichen Kaukasus noch ziemlich unbekannt.

    Geschenke gibt es dagegen schon an Neujahr. Sie liegen unter dem dann aufgestellten Weihnachtsbaum. „Ich frage gerne nach den Wünschen meiner Lieben und richte die Präsente danach aus“, sagt die zweifache Mutter. In der Hauptsache stehen auf den georgischen Wunschlisten Kleidung, Bücher und Spielsachen. Genau wie Kote Chankvetadze oder Giorgi Feradze wird auch Nino Kurtskhalia am georgischen Weihnachtsfest mit ihrer Familie in die Kirche gehen, denn das gehört für fast alle Georgier dazu, egal, wie stark ihr Glaube letztendlich ist.

    Weitere Artikel