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    Passionsspiele 2020 - Haarige Zeiten

    In Oberammergau haben die Vorbereitungen für die Passionsspiele 2020 begonnen. Von Claudia Fuchs

    2020 rückt näher: Spielleiter Christian Stückl mit Frederik Mayet alias Jesus auf dem Esel. Foto: Peter C. Düren

    Im bayerischen Oberammergau zeichnen sich haarige Zeiten ab. Seit Aschermittwoch gilt dort der sogenannte „Haar- und Barterlass“, feierlich plakatiert von Christian Stückl, dem Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele, und dem Ersten Bürgermeister der Gemeinde, Arno Nunn. Der Erlass, den es seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt, als man sich nicht mehr mit Langhaarperücken behelfen wollte, besagt, dass jeder, der im nächsten Jahr an den Passionsspielen teilnehmen möchte, seinem Haarwuchs freien Lauf lassen soll. Haare und Bärte werden von nun an sprießen, was dem Friseurhandwerk in Oberammergau nicht gerade rosige Aussichten zu bescheren scheint. Friseurmeisterin Janina Nowotka jedenfalls ist gespannt, was auf sie zukommen wird. Ihren Salon „Haarvanna Cut“ in der Sankt-Lukas-Straße führt sie seit knapp zehn Jahren. Somit sind es für sie die ersten Passionsspiele, die es nun wirtschaftlich zu meistern gilt: „Es wird interessant zu beobachten, wie sich die Kundensituation entwickelt, hoffentlich nicht zu negativ“, erklärt sie auf Nachfrage.

    Richtig viel Erfahrung mit dem zehnjährlichen „Schneideverbot“ hat dagegen Friseurmeisterin Katharina Daisenberger. Ihren Salon „Kretschmar“ in der Dorfstraße in Oberammergau gibt es bereits seit dem 19. März 1925, nunmehr in vierter Generation. Während ihre Urgroßeltern und Großeltern noch „wirklich Angst vor wirtschaftlichen Einbußen vor und während der Spiele“ hatten und eigens „für die Passion schon zwei, drei Jahre im Voraus Rücklagen bildeten“, wie Katharina Daisenberger berichtet, haben sich ihre Mutter Gabriele und sie selbst der Tradition angepasst: „Wir wissen, dass die Kunden in dieser Zeit in größeren Abständen kommen, und haben uns deshalb schon seit etwa 20 Jahren auf eine spezielle Haarpflege spezialisiert. Viele Frauen haben ja heute gar nicht mehr ihre natürliche Haarfarbe, das heißt, selbst wenn sie die Haare wachsen lassen, müssen sie regelmäßig koloriert und der Haaransatz nachgefärbt werden.“ Und auch bei Männern sei, so Katharina Daisenberger, erheblich „Pflegebedarf“, etwa wenn durch den neuerlichen Bartwuchs die Gesichtshaut sehr strapaziert werde. Einen sehr persönlichen Bezug zu den Passionsspielen hat die Friseurmeisterin darüber hinaus. Im Alter von drei Jahren stand sie zusammen mit ihrem Großvater auf der Theaterbühne, bei den Spielen im nächsten Jahr werden ihre Mutter und ihre Schwester beteiligt sein.

    Insgesamt nehmen voraussichtlich etwa 2 400 Oberammergauerinnen und Oberammergauer, darunter 450 Kinder, am Passionsspiel teil, dies entspricht ziemlich genau der Hälfte aller Einwohner. Viele sind nicht nur Darsteller, sie geben sogar ihre Arbeitsstellen auf, um sich vor und während der Spiele einzubringen: Albert Huber beispielsweise, ein gelernter Steuerfachangestellter, nimmt schon zum dritten Mal als Laiendarsteller teil und ließ sich 2017 zusätzlich im Organisationsteam anstellen. Während die allgemeinen Vorbereitungen für 2020 nun schon seit vier Jahren laufen, sind mittlerweile auch die Hauptdarsteller bekannt. Für Frederik Mayet ist die Passion zu einem festen Bestandteil seines Lebens geworden: Mit 20 Jahren spielte er den jungen Johannes, mit 30 zum ersten Mal die Rolle des Jesus, im nächsten Jahr nun übernimmt er zum zweiten Mal diese Hauptrolle. „Je mehr ich mich mit Jesus auseinandergesetzt habe, desto tiefer wurde mein persönlicher Bezug zu ihm. Die katholische Kirche mit ihrer Hierarchie dagegen sehe ich immer kritischer, Jesus selbst war mit seiner Botschaft viel näher an den Menschen“, gibt Frederik Mayet zu bedenken. Anfang September wird er zusammen mit Spielleiter Christian Stückl und den anderen Hauptdarstellern nach Israel reisen, um sich an den historischen Orten noch intensiver in seine Rolle einzufühlen.

    Bei der Bundeswehr gibt es die „Lex Oberammergau“

    Cengiz Görür alias Judas hat den Morgen vor dem Haarerlass noch schnell genutzt und sich beim Friseur einen schicken Undercut schneiden lassen. Der 19-jährige in Oberammergau geborene Muslim wurde von Christian Stückl im Café entdeckt. „Seine Stimme machte mich aufmerksam“, erzählt der Regisseur. Für den zweiten Judas (Martin Schuster) – alle Rollen werden doppelt besetzt – ist noch eine Sondererlaubnis notwendig: Er ist gerade bei der Bundeswehr, und da sind bekanntlich kurze Haare vorgeschrieben. Ein Bittbrief an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist in Vorbereitung. Bereits unter dem damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß gab es eine solche „Lex Oberammergau“ den Wehrdienst betreffend. Nicht jeder darf übrigens bei den Passionsspielen mitmachen. Heute gilt, dass man in Oberammergau geboren oder dort erstmals gemeldet sein oder seit mindestens 20 Jahren seinen ersten Wohnsitz haben muss, um Darsteller zu werden.

    Das Passionsspiel, das mit jeweils an die 500 000 Besuchern als eines der wichtigsten religiösen und kulturellen Ereignisse in Deutschland gilt, lässt sich auf ein Gelübde aus dem Jahr 1633 zurückführen. Die Oberammergauer legten es ab, um die damals mitten im Dreißigjährigen Krieg um sich greifende Pest abzuwenden. 1632 suchte die Seuche den Ort heim, ein Jahr später hatte beinahe jede Familie Tote zu beklagen. Und so gelobten die Einwohner feierlich auf dem Friedhof, in jedem zehnten Jahr das „Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ aufzuführen, sollte fortan niemand mehr an der Pest sterben. Tatsächlich geschah dies, und es überlebten selbst jene, die schon Pestzeichen aufgewiesen hatten. An Pfingsten 1634 schließlich wurde die Passion auf einer Bühne, die mitten auf dem Pestfriedhof über den Gräbern errichtet worden war, erstmals gespielt.

    Der zehnjährige Rhythmus galt von 1680 an: In der Regel gab es immer im letzten Jahr eines Jahrzehnts eine Aufführung. Mit zwei Ausnahmen: 1770 wurde die Passion im Zuge der Aufklärung verboten, da man diesen „jahrmarktartigen Jesus-Klamauk“ nicht mehr dulden wollte. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1940 musste die Aufführung ebenfalls ausfallen, da zu viele Oberammergauer eingezogen worden waren und somit im Dorf fehlten.

    Die Premiere der 42. Oberammergauer Passionsspiele ist am 16. Mai 2020. Rund fünf Stunden dauert die Aufführung, zuzüglich einer längeren Pause – beginnend nachmittags mit dem Einzug Jesu in Jerusalem, endend in den Abendstunden mit der Auferstehung. Das Spiel ist in elf Akte unterteilt, gesprochene Einleitungen, dramatisches Spiel und sogenannte „Tableaux vivants“ (lebende Bilder), eine Besonderheit, die aus dem 18. Jahrhundert beibehalten wurde, wechseln sich dabei ab. Gespielt werden insgesamt 103 Vorstellungen, fünfmal pro Woche – bis zum 4. Oktober 2020. Und ab diesem Tag heißt es dann wieder: Scheren raus, die Haare und Bärte fallen!

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