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    Gott, Gene und Evolution

    Francis S. Collins ist einer der bekanntesten Genetiker der Welt – und er ist Christ. Ein Widerspruch? Nicht für ihn. Der Amerikaner sieht Wissenschaft und Glaube in Ergänzung. Von Burkhardt Gorissen

    Inspiriert von C.S. Lewis: Wo Francis Collins redet, hören die Leute zu.dpa Foto: Foto:

    Die Wissenschaftsindustrie kennt viele Götter. Solche in Weiß, und solche, die nobelpreisträchtig ihren Atheismus zur Schau stellen. Über die irdische Lebenswirklichkeit sagt das nicht viel aus, wohl über das, was die Welt der Wissenschaft für real hält. Diesem Kreisen um sich selbst, setzte schon Benedikt XVI., in seinem Buch „Jesus von Nazareth“ die Realität des Glaubens entgegen: „Nur der Glaube an den einen Gott befreit und ,rationalisiert? wirklich die Welt“, wogegen „die ,Chaostheorie? (…) den Menschen vor Dunkelheiten“ stellt, „die er nicht auflösen kann“. Gottesleugnung scheint die Eintrittskarte für eine notabele Karriere im erlauchten Kreis der klügsten Köpfe zu sein.

    Zum Glück gibt es Ausnahmen, wie Francis S. Collins. Der Leiter des Human-Genom-Projekts ist einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der DNA. Ausgerechnet in einem Forschungszweig, in dem darwinistische Verirrungen den Alltag bestimmen, ist für den Humangenetiker der unerschütterliche Glaube an Gott das Lebenselixier.

    Francis S. Collins Werdegang zum bekannten Genetiker

    Aufgewachsen ist der schlaksig wirkende Wissenschaftler, der aussieht, als wäre er ein Bruder von Bill Gates, auf einem kleinen Bauernhof in Virginia. Seine Eltern waren frühe Aussteiger. Die Mutter unterrichtete ihn in den ersten Schuljahren selbst. Seine Jugend verlief stressfrei und unauffällig. Auf der Universität legte er eine glänzende wissenschaftliche Karriere hin: Chemiestudium, Promotion in Yale, Medizinstudium, Professor für Humangenetik. Doch dann der Wendepunkt in seinem Leben. Als er sein Pflegepraktikum absolvierte, sah er viele leidende Patienten, die im christlichen Glauben tiefen Frieden fanden. Durch einen Geistlichen wurde der damalige Medizinstudent auf den legendären Oxford-Gelehrten und Literaturwissenschaftler C. S. Lewis aufmerksam. Auch Lewis hatte den Prozess vom selbstgerechten Atheisten zum tiefgläubigen Christen durchlebt. Seither gibt der Glaube dem Forscher in der sich ständig wandelnden Welt der Nukleinsäuren, Doppelhelix-Strickleitern und Zytoplasmata Sicherheit und Heimat. Die Kraft des Glaubens braucht er, denn seit 1993 leitet der geistige Überflieger ein Humangenomprojekt, in dem viele Hundert Wissenschaftler an der vollständigen Entschlüsselung der menschlichen DNA arbeiten. Unvorstellbar komplex sind die Vorgänge in einer winzigen Zelle. Die in den Chromosomen enthaltene, aus Basenpaaren bestehende DNA enthält die Erbinformation, bestehend aus verschiedenen Genen, die jeweils den Aufbau einer bioaktiven RNA veranlassen. Collins löste das Geheimnis, das für ganze Generationen von Wissenschaftlern als unlösbar galt. Am 26. Juni 2000 präsentierte er im Weißen Haus mit seinem Kollegen Craig Venter feierlich erste umfassende Ergebnisse. „Heute lernen wir die Sprache, in der Gott das Leben schuf“, sagte der damalige US-Präsident Bill Clinton. Collins setzte unerschrocken hinzu: „Wir haben einen ersten Blick auf unsere Bauanleitung geworfen, von der vorher nur Gott wusste.“ Subtil stichelte Venter dagegen, er würde das sequenzierte Erbgut im Gegensatz zu Collins nie als „Buch des Lebens“ bezeichnen. Das Genom könnte keinesfalls als „Bauplan der Menschlichkeit“ verstanden werden.

    Biochemiker und Genetik-Unternehmer Venter ist der Gegenentwurf zu Collins. Mit diabolischer Akkuratesse sequenzierte Venter ein gesamtes menschliches Genom. So gelang es seiner Firma Celera Corporation als Erste, ein Erbgut selbst herzustellen und in eine Zelle einzupflanzen, sodass ein lebensfähiges Bakterium entstand. Natürlich geht es dem genialischen Venter vornehmlich um Profit in Form von Preisen und Geld. In bester Frankenstein-Manier will der Pionier des Genomdesigns, der seinen Atheismus wie eine Monstranz vor sich her trägt, Leben verlängern und den Tod ausrotten. Auf die Frage „Können wir neues Leben aus dem digitalen Universum erschaffen?“, antwortet Venter mit faustischer Gewissheit, „Ja, sehr bald.“ War da nicht mal etwas? Ach ja, 1. Mose 3,5: „Ihr werdet sein wie Gott.“

    Auf solche Schimären fährt Collins nicht ab. Der smarte Harley-Davidson-Fahrer spielt dann schon lieber mit anderen Wissenschaftlern zur Entspannung in einer Rockband, die sich den bezeichnenden Namen „The Directors“ gegeben hat. Er ist sogar mit Joe Perry, dem wilden Gitarristen von Aerosmith, aufgetreten. Nebenbei schreibt Collins Bestseller. In seinem bekanntesten Werk, „Gott und die Gene“, präsentiert er eine Mischung aus Autobiographie und populärwissenschaftlichen Erläuterungen über die neuesten Entwicklungen in Kosmologie, Quantenphysik, Biologie und Medizin. Laut Collins lässt sich die Evolutionstheorie mit dem Glauben an den christlichen Gott sehr wohl vereinbaren: „Es ist Zeit, einen Waffenstillstand in dem ausufernden Krieg zwischen Wissenschaft und Geist auszurufen. Dieser Krieg war nie wirklich begründet.“

    Gegen den Ansatz des Intelligent Design (ID) grenzt sich Collins allerdings klar ab. Das ID baut auf den Erklärungsmängeln der Evolutionisten auf. In den Augen von Collins kein tragfähiges Fundament, denn mit jeder neuen Erklärungsmöglichkeit bricht eine weitere Stütze des ID zusammen. Liegt es an solchen Aussagen, dass prominente Forscher Obamas Entscheidung kritisierten, Collins zum Direktor des „National Institutes of Health“ zu machen? So etwa Harvard-Psychologe Steven Pinker, der, obwohl selbst gläubiger Jude, Collins vorwarf, „antiwissenschaftliche Glaubensvorstellungen“ zu fördern.

    „BioLogos“ nennt Collins die von ihm vertretene theistische Evolution. Selbst wenn Mensch und Affen gemeinsame biologische Wurzeln haben, so seine Schlussfolgerung, seien die Menschen „in einer Weise einzigartig, für die es keine evolutive Erklärung gibt und die so auf unsere geistige Natur verweist“. Besonders nachhaltig setzt er sich mit dem Agnostizismus des NWO-Architekten Thomas Huxley auseinander. Mit derselben methodischen Akkuratesse weist er Richard Dawkins zurecht. Zoologe Dawkins, weniger Forscher, denn militanter Atheist, erreichte mit seiner Polemik „Der Gotteswahn“ traurige Popularität. Collins schafft es, dessen Argumente zu widerlegen. In seinem, auch für Laien verständlichem Buch, verdeutlicht er, dass die Evolution stattfand, jedoch vom Geist Gottes geleitet werden musste, um überhaupt wirksam zu werden. Doch ebenso wie er den dogmatischen, aggressiven Naturalismus kritisiert, wendet er sich gegen eine in Formalien erstarrte Religiosität. Insbesondere gilt seine Sorge dem Kreationismus, der, laut Collins, einen Keil zwischen Wissenschaft und Glaube treibt. Sein Resümee lautet: „Wissenschaft wird von Gott nicht bedroht, sie wird verbessert. Gott ist nicht bedroht durch die Wissenschaft, er machte sie möglich.“ Höchst bemerkenswert ist seine Feststellung, „dass die sexuelle Orientierung genetisch beeinflusst, aber nicht durch die DNA programmiert wird und dass Gene Anlagen, aber keine Festlegung darstellen“.

    Das schreibt nicht etwa ein erzkonservativer Kirchenfürst, sondern der Wissenschaftler, unter dessen Leitung die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes gelang. Bleibt zu hoffen, dass es dem frommen Forscher weiterhin gelingt, Religion und Wissenschaft zu versöhnen.

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