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    Zur anhaltenden Diskussion über die katholische Liturgie, ihre Reform und eine „Reform der Reform“: Glaubenstreue Verkündigung: Der Priester ist wie ein Pilot

    Papst Franziskus nennt in einem Interview mit einer italienischen Jesuitenzeitschrift die „Reform der Reform“ einen Irrtum und die Anhänger der alten Messe „Nostalgiker“. Ob er sich dabei bewusst war, dass er damit nicht nur den Präfekten der Liturgiekongregation, Kardinal Sarah, etliche Bischöfe, zahlreiche Priester und Gläubige, sondern auch Papst Benedikt XVI. vor den Kopf gestoßen hat? Hat er sich die Mühe gemacht, dessen Schriften, in denen sich dieser gründlich mit dem Thema einer „Reform der Reform“ auseinandersetzt und diese theologisch und spirituell in profunder Weise begründet, aufmerksam gelesen? Die „Reform der Reform“ ist zwar nicht mit der „alten Messe“ identisch, kann aber von dieser nicht getrennt werden. Ist doch gerade diese für Papst Benedikt XVI. der Maßstab für eine „Reform der Reform“.

    Papst Franziskus nennt in einem Interview mit einer italienischen Jesuitenzeitschrift die „Reform der Reform“ einen Irrtum und die Anhänger der alten Messe „Nostalgiker“. Ob er sich dabei bewusst war, dass er damit nicht nur den Präfekten der Liturgiekongregation, Kardinal Sarah, etliche Bischöfe, zahlreiche Priester und Gläubige, sondern auch Papst Benedikt XVI. vor den Kopf gestoßen hat? Hat er sich die Mühe gemacht, dessen Schriften, in denen sich dieser gründlich mit dem Thema einer „Reform der Reform“ auseinandersetzt und diese theologisch und spirituell in profunder Weise begründet, aufmerksam gelesen? Die „Reform der Reform“ ist zwar nicht mit der „alten Messe“ identisch, kann aber von dieser nicht getrennt werden. Ist doch gerade diese für Papst Benedikt XVI. der Maßstab für eine „Reform der Reform“.

    Es erstaunt, vom gegenwärtigen Papst kaum ein Wort zur tiefen Glaubenskrise zu hören, die sich gerade auch in der Liturgie bemerkbar macht, sei es durch das Nichtbeachten liturgischer Vorschriften, sei es in der Verkündigung oder einen allgemeinen Mangel an Ehrfurcht. Zahlreiche Gläubige flüchten nicht zuletzt deshalb an Orte, in denen der „außerordentliche lateinische Ritus“ gefeiert wird. Nicht weil sie Liebhaber des Latein sind oder weil sie aus nostalgischen Gründen an alten Zöpfen hängen, sondern weil sie spüren, dass diese altehrwürdige Form in der Regel einhergeht mit einer glaubenstreuen Verkündigung und einer Ehrfurcht, die dem heiligen Geschehen am Altar entspricht.

    In die von Kardinal Sarah erneut angestoßene Überlegung über die Ausrichtung des Priester beim Eucharistieteil der heiligen Messe möchte ich ein paar Überlegungen, insbesondere Beobachtungen und Erfahrungen einbringen. So habe ich bei Messfeiern in Kirchen ohne „Volksaltar“ erlebt, wie die ab Gabenbereitung erfolgende Ausrichtung nach Osten durchaus in mir eine spirituelle Wirkung auslöste; ein inneres Achtungszeichen: Nun treten wir noch einmal deutlicher vor Gott hin; der Priester ist es, der uns darin vorangeht; indem er nun nicht mehr uns anschaut, lockt er uns, mit ihm zusammen in eine gemeinsame Richtung zu schauen – hin zu etwas, das vor uns liegt, uns voraus ist, das wir nicht besitzen und was außerhalb unseres (vielleicht) geschlossenen Kreises liegt. Ich muss an das Wort denken: Lieben bedeutet nicht, sich anschauen, sondern gemeinsam in eine Richtung schauen. Ich stelle mir vor, dass dies im übertragenen Sinn auch für die Messe gilt. Diese Hinwendung des Priesters nach Osten hat eine Tiefenwirkung, selbst wenn man sie nicht bewusst bemerkt. Ich glaube an die unterschwellige Wirkung von Gesten und Haltungen.

    Jedoch auch die der Gemeinde zugewandte Zelebration ist ein Weg, das Zueinander und Miteinander (also die Gestalt des Kreises) zu öffnen zur Transzendenz, zum Mysterium hin. Viele, viele Priester bezeugen das durch die Art ihrer Zelebration und sorgen so dafür, dass sich die Versammlung sozusagen nach oben hin öffnet. Zum Beispiel, wenn ein Priester Gesten vollzieht und Haltungen einnimmt, die den Blick und damit Herz und Seele nach oben lenken. Das habe ich erlebt bei Gabenbereitung, Wandlung und Schlussdoxologie. Wenn dabei der Priester die (verwandelten) Gaben nicht (um sie zu zeigen) der Gemeinde entgegenhielt, sondern sie hoch über den Kopf nach oben streckte, dabei auch seinen Blick nach oben lenkte – dann spürte ich, wie mich dies nach oben hin orientierte, also das Mysterium zu sprechen begann. Der Priester hielt die Gaben dem Vater entgegen, der ihr Adressat ist und machte aus dem reinen Zeigen eine Erhebung. „Der Geist dessen, was wir über uns hochhalten, kommt auf uns zurück“ (Wilhelm Willms).

    Das Öffnen ins Droben habe ich gleichfalls erlebt, wenn der Zelebrant das Hochgebet nicht mit dauernden Blicken in die Gemeinde hinein betet, sondern immer wieder mal mit erhobenem Blick. Selbst das Sprechen des Hochgebetes mit verhaltener Stimme führte mich hin zu einer Erfahrung des Ganzanderen. Es war, als wäre der Priester im Zwiegespräch mit dem Vater und ich dürfte dabei zuhören. Da, wo ich dies erlebt habe, war es sehr wohltuend für die Seele. In der verhaltenen Stimme liegt meines Erachtens ebenfalls eine Weise, einen spirituellen Spannungsbogen aufzubauen. Das verhaltene Sprechen führte zu einer Erfahrung des verhüllenden Zeigens, das für mich zum Mysterium dazu gehört. Das Verhüllte macht aufmerksam.

    Schließlich kann auch der Weihrauch in seinem Aufsteigen zur transzendental-vertikalen Dimension beitragen und das Bewusstsein nach oben hin öffnen. Leider wird er vielerorts wenig und wenn – dann sparsam benutzt. In einer Messe hatte der Priester zur Gabenbereitung so stark Weihrauch nachgelegt, dass sich zur Wandlung eine Wolke über dem Altar bildete und wortlos den Blick – und mehr noch: die Seele nach oben ausrichtete. Und die Weihrauchwolke deutete das unter ihr Geschehende wie von selbst. Auch wenn ein Zelebrant viele Gebete singt, ist dies ein Mittel, um die andere Dimension lebendig zu machen. Leider sind die Mehrzahl der Messen nur noch gesprochene Messen.

    Darüber kann man sicher verschiedener Meinung sein, auch liturgietheologisch. Aber dies hier sind persönliche Erfahrungen und Überlegungen, die mich daran glauben lassen, dass der ordentliche Ritus, feinfühlig und pointiert gefeiert, unseren Blick nach vorne, nach oben, in die Tiefe lenken kann: Christus und dem Vater entgegen (also das bewirken kann, worum es Kardinal Sarah im Grunde geht).

    Auch die ordentliche Form trägt es in sich, die Mitfeiernden mitzunehmen in eine andere Dimension, ins Mysterium. Darum liegt es an der Kunst des Zelebrierens, das Zueinander und Miteinander immer wieder nach vorne, nach oben aufzubrechen. Letztlich liegt die spirituelle Ausrichtung der heiligen Messe „ad Deum“ in der Hand des Priesters, oft in kleinen Zeichen, Gesten, Blickrichtungen, mit denen er die Gemeinde mitnimmt, zu Gott hin. Der Priester hat die Schlüssel zu der Tür in die Hand, die aus dem Kreis des Miteinanders hinausführt in das „zu Gott gehen“.

    Der Priester ist gewissermaßen wie ein Pilot, der dafür sorgt, dass die Messe sich nach kurzem Anlauf nach oben erhebt, dabei die Erde mitnimmt, um zu suchen, was droben ist... und der dann mit dem Aussendungsruf die Gemeinde wieder erdet und hinausschickt in die Welt. Dabei wird (nach meinem Erleben) stärker als bei der Zelebration nach Osten die ganze Physiognomie und Gestalt des Zelebranten in Dienst genommen: nicht nur im Zeigen, sondern auch im verhüllenden Beiseitetreten der Person (oder Durchsichtigwerden auf Christus hin). Auch das ist Hinführung nach oben.

    P. Bernhard Gerstle FSSP,

    88145 Wigratzbad