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    Zur Situation der internationalen Finanzmärkte: Krise der Person, nicht des Systems

    In Beiträgen und Leserbriefen der Tagespost und anderen Medien sehe ich eine gewisse Einseitigkeit der Diskussion, die ich zu ergänzen versuche. Bei allem Respekt vor persönlichen Härtefällen und bei aller berechtigten Kritik an Beratungsfehlern, Managern und Märkten, sollten wir doch den Dreck vor der eigenen Tür nicht vergessen, denn so unschuldig, wie mancher sich wähnt, ist er vielleicht gar nicht.

    In Beiträgen und Leserbriefen der Tagespost und anderen Medien sehe ich eine gewisse Einseitigkeit der Diskussion, die ich zu ergänzen versuche. Bei allem Respekt vor persönlichen Härtefällen und bei aller berechtigten Kritik an Beratungsfehlern, Managern und Märkten, sollten wir doch den Dreck vor der eigenen Tür nicht vergessen, denn so unschuldig, wie mancher sich wähnt, ist er vielleicht gar nicht.

    Schon durch die alltäglichen Kaufentscheidungen sind wir mit dem Kapitalmarkt verflochten, eben weil wir damit Kapital bewegen. Kauft zum Beispiel jemand seine Semmeln nicht beim Bäcker nebenan, sondern in der Billigmarkt AG, weil er sie da drei Cent billiger bekommt, hat er seinen Beitrag zum System geleistet, denn er vermehrt sein eigenes Einkommen durch Kostensenkung, was zugleich die Rendite des in der Billigmarkt AG investierten Kapitals erhöht und die des Bäckers schmälert.

    Der Manager der Billigmarkt AG wird den Erfolg seiner Preispolitik zum Anlass nehmen, die Semmelpreise weiter zu senken, wodurch mehr Kunden kommen, was die Rendite weiter steigert, woraus der Manager einer Bank ein Anlageprodukt entwickelt, in das der Manager der Rentenversicherung investiert, die der Bäcker abgeschlossen hat, weil er um seine Altersversorgung fürchtet, die sein Laden jetzt nicht mehr erwirtschaftet.

    Im nächsten Schritt wird dann der Manager der Semmelfabrik, die die Billigmarkt AG beliefert, die Semmelproduktion nach Billigland verlegen, und die Arbeitslosen können sich die Semmeln vom Bäcker sowieso nicht mehr leisten.

    Bevor nun jemand anfängt, das sei ja alles Unsinn und die Zusammenhänge gänzlich andere, es gebe Menschen in Armut, die gar nicht anders handeln könnten, es gebe Betrogene und Beratungsopfer – das alles will ich nicht bestreiten – ich möchte mit dem Beispiel nur die Frage aufwerfen, ob Manager nicht im Auftrag handeln, ob an diesem Auftrag wirklich nur eine rücksichtslose Finanzelite die Verantwortung trägt oder ob nicht vielmehr Gier und Geiz als zwei Ausprägungen derselben Haltung Motor unser aller Handlungsweise sind. Geht es hier aber um Gier und Geiz, handelt es sich nicht um ein Systemversagen, sondern um eine menschliche Fehlhaltung von gesellschaftlichen Ausmaßen. Dann sollten wir nicht über Reglementierung und Strukturreformen räsonieren, sondern über Menschen und am besten jeder über sich selbst.

    Und genau das würde ich mir wünschen, dass wir katholischerseits die Finanzkrise als Krise der Person und nicht des Systems auffassten. Wir könnten über das spezifisch Christliche, über den ganz persönlichen Weg jedes Einzelnen heraus aus Gier und Geiz hin zu Gott sprechen. Wir könnten Reue, Umkehr und Buße entstauben, auf die Gebote hinweisen, zu den Sakramenten führen und den Nächsten als den Tempel Gottes lieben statt als Geschäftspartner tolerieren lernen.

    Vor allem aber könnten wir daran erinnern, dass Christus nicht zur Reform der sozialen Ordnung berufen hat, sondern zur Heiligkeit. Würde die Kirche sich mehr um die Heiligung der Menschen kümmern, müsste sie sich weniger Sorgen um das System machen, denn Heilige brauchen keine Systeme. Sie leben aus den Geboten Gottes. Doch leider – das ist zumindest meine Wahrnehmung – verliert man sich gerade in katholischen Kreisen allzu gerne im Allgemeinen und gefällt sich im moralisierenden Einfordern eines nebulösen irgendwie Sozial-, Gut- und Gerechtseinwollens.

    Es wäre schon traurig, gäbe es in der Kirche nicht auch die anderen Stimmen, wie die von Professor P. Karl Wallner in dem Beitrag „Wir brauchen echte christliche Spiritualität“ (DT vom 4. Oktober). Welche Wohltat sind solche Worte, die wirklich Inhalte vermitteln, tief, einfach und konkret. Obwohl gar kein Beitrag zum Thema, steht hier meines Erachtens für einen Christen mehr über alle Finanzkrisen der Welt, als in jeder noch so engagierten Streitschrift über Managergehälter, soziale Gerechtigkeit und transparente Märkte. Ein Segen, dass es solche Stimmen in der Kirche gibt, ein Segen, dass sie in der Tagespost publiziert werden! Danke, P. Karl Wallner, Danke, Tagespost.

    Heinrich Breuer, 45476 Mülheim an der Ruhr