Zur Forderung, ein Bußgeld für Nichtwähler einzuführen: Wer nicht Opel fährt, muss zahlen

Mit dem Nichtwähler-Bußgeld übertrumpft Jörn Thießen jedenfalls noch den CSU- Kollegen Stephan Mayer, der auch schon vor zwei Monaten die Wahlpflicht forderte, wenn auch ohne Bußgeld und immerhin mit der Option „Enthaltung“ auf dem Stimmzettel. Beide zusammen sind ein erschütterndes Symptom für den Realitätsverlust einer politischen Klasse, die sich für den Mittelpunkt des Universums hält und es nicht fassen kann, dass ihre begriffsstutzigen Untertanen das nicht genauso sehen.

„Wir Politiker müssen im Parlament abstimmen – das kann man auch von den Wählern bei einer Wahl verlangen.“ Das wäre freilich der feine Unterschied, dass Politiker wie Thießen dafür bezahlt werden, nicht schlecht im Übrigen, und zwar von denselben Bürgern, die an Wahltagen zunehmend zuhause bleiben und nun bestraft werden sollen. Wer so etwas von sich gibt und nicht merkt, dass er dummes Zeug redet, der ist mit 11 500 Euro im Monat einschließlich 3 900 steuerfreie Aufwandsentschädigung offenkundig hoffnungslos überbezahlt.

Trotzdem gibt es Narren genug, die Thießens Unsinn Beifall klatschen. Wenn alle wählen müssten, kämen „undemokratische Parteien“ (das sind im Zweifelsfall die, die Thießen, Mayer und Kollegen nicht neben sich haben möchten ) nicht so leicht ins Parlament, und Populisten hätten es auch schwerer, weil bei herrschender Wahlpflicht sich ja alle zwangsläufig mit Politik und Wahlprogrammen beschäftigten müssten.

Na das wollen wir mal sehen, was die Zwangswähler dann ankreuzen, die eigentlich lieber fernsehen oder in die Kneipe gehen wollten. Für mich riecht das jedenfalls nach Planwirtschaft und Kollektivzwang, das Ganze. In der „DDR“ war „ Stimmzettel falten“ ja auch Pflicht. Das Schelmenstück, dem Verdruss über das nicht gerade erstklassig bevölkerte Europaparlament mit Bußgeldern abhelfen zu wollen, ist übrigens ausbaufähig. Warum hat eigentlich noch keiner an eine strafzahlungsbewehrte Pflicht zum Opelfahren oder zum Einkaufen bei Karstadt gedacht? Doch bevor die Jörn Thießens in unseren Parlamenten sich auch noch an der Lösung der Wirtschaftskrise versuchen dürfen, gehen wir doch lieber zur Wahl und machen dem Spuk ein Ende.