Zur Diskussion um die Zukunft der Kernkraft nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima: Verstand statt Hysterie und Panik

Zum Beitrag „Romano Guardini und die Kernkraft“ (DT vom 19. April): Herr Seitschek beruft sich auf Guardini, um aus der Sicht eines christlichen Religionsphilosophen gegen die Kernkraft zu argumentieren. Er hält die friedliche Nutzung der Atomenergie für nicht beherrschbar und verweist auf das Entsorgungsproblem des Atommülls und das Restrisiko einer Kernschmelze. Zur geringen Wahrscheinlichkeit eines schwerwiegenden Unfalls bei deutschen Kernkraftwerken gibt er die Antwort, dass damit nicht ausgeschlossen werden kann, dass es doch passiert. Nach seiner Auffassung ist etwas bereits unzulässig, wenn auch nur ein rationaler Einwand dagegenspricht. Eine Haltung, die letztendlich zu einer totalen Blockade des technischen Fortschritts führt, denn es gibt kaum eine neue Technologie ohne Risiken, weshalb in der Technikfolgenabschätzung auch mit Risikopotenzialen gerechnet wird. Durch einen Verkehrsunfall, einem Ereignis mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit, sind seit der Inbetriebnahme des ersten Atomkraftwerkes in Deutschland im Jahre 1961 etwa 600 000 Menschen umgekommen. Dagegen hat es in deutschen Kernkraftwerken bis heute noch keinen Toten gegeben. Kein Mensch käme auf die Idee, wegen der Möglichkeit von Verkehrsunfällen auf unsere Mobilität zu verzichten. Große Katastrophen wie Verwüstungen durch Überschwemmungen, Erdbeben, Tsunamis oder Flugzeugabstürze und Schiffsuntergänge kommen selten vor, fordern aber zumeist viele Opfer, wenn es doch einmal passiert.

Das hohe Katastrophenpotenzial einer Großtechnologie allein erzeugt verständlicherweise Ängste bei den Menschen, unabhängig davon, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Katastrophe auch eintritt. Dies trifft im besonderen Maße für die Nutzung der Kernenergie zu. Unverständlich ist jedoch, warum die Reaktorkatastrophe von Fukushima bei der deutschen Bevölkerung zu einem Menetekel der Atomenergie wurde. Die „German Angst“ vor der Atomkraft ist einzigartig auf der Welt. Deutsche Kernkraftwerke unterliegen den weltweit schärfsten Sicherheitsauflagen, Erdbeben der Stärke wie in Japan gelten hier als unwahrscheinlich und auch Tsunamis sind nicht zu befürchten. Ebenso ist die Zerstörung durch (herbeigeführte) Flugzeugabstürze als eher gering wahrscheinlich einzustufen. Für deutsche Atomkraftwerke hat sich durch das Unglück in Japan nichts geändert, sie sind genauso sicher oder unsicher wie vorher und das Restrisiko eines größten anzunehmenden Unfalls ist nicht erst seit Tschernobyl und Fukushima bekannt.

Die Politik in Deutschland ist gefordert wieder auf Rationalität zu setzen, anstatt emotionalen Stimmungen nachzulaufen. Ausstieg aus der Kernenergie, ja, aber mit Verstand und nicht getrieben durch Hysterie und Panik!