Zur Debatte um aktive Sterbehilfe und um den Sinn und das Ziel des Leidens: Wehret also den Anfängen: Vom Sinn des unschuldigen Leidens: Hoffen auf viele Nachahmer: Ehe als wahrhaftiges gemeinsames Sakrament

Mich treibt die wortwörtlich himmelstürzende Frage nach sanktionierter Suizidhilfe ebenso um wie die gesetzlich erlaubte Abtreibung. Dem EKD-Ratsvorsitzenden ist bei seiner Aussage, er würde aus Liebe seine krebskranke Frau in die Schweiz zum assistierten Selbstmord begleiten, große Anerkennung sicher. Und er verdient Mitgefühl. Doch dieser gewiss schwere Entschluss ist das eine, die Wirkung seiner Worte als leitende Kirchenperson etwas völlig anderes. Nicht Anmaßung sei ihm vorgeworfen, aber er hat intime Überlegungen in unverantwortlicher Weise öffentlich gemacht, also sein hohes christliches Amt missbraucht. Denn in seinen Worten steckt sehr viel Tieferes, und dabei geht es um mehr als Juristisches: dass nämlich in unserem liberal säkularen Staat ein Gesetz zur in irgendeiner Form erlaubten Euthanasie bedeutende ethische Konsequenzen hat. Es ist also zweierlei, ob man eine aus unerträglich werdender Qual folgende Selbsttötung nicht verurteilt, oder sie coram publico sanktioniert. Meine Kirche lehnt aus gutem Grund einen so folgenreichen Paragrafen ab, dessen Folgen in Huxleys immer aktueller werdender „Brave New World“ zu besichtigen sind. Sie öffnen Tür und Tor für Missbrauch, die nicht mehr zu schließen wären.

Es war wohl unbarmherzig, etwa Selbstmördern ein Grab innerhalb der Friedhofmauern zu verweigern. Aber man könnte wissen, dass etwa in Holland Schwerkranke und Uralte auch ohne eigenes Einverständnis nur auf Wunsch Angehöriger oder gar des Klinikpersonals den „Gnadentod“ erleiden, so dass viele über den Rhein in deutsche Altenheime streben. Aber davon berichten die Medien nicht: Wehret also den Anfängen. Patientenschutz und Hospizbewegung werden daher immer wichtiger mit liebevoller Sterbebegleitung sowie der Bereitschaft, unerträgliche Schmerzen mit hohen, das Sterbenselend eventuell verkürzenden Opiaten zu lindern. Das hat nichts mit Euthanasie zu tun.

Hier ist nicht der Ort, auf den Sinn auch schwersten Leides einzugehen. Diese Frage ist so alt wie die Menschheit, theologisch gesehen nach dem Sündenfall. Sogar der Gekreuzigte hat sie gestellt, aber auch beantwortet: Erst am Ölberg, dann auf Golgatha – das eine als Mensch, das andere als Sohn Gottes. Das lassen wir uns von niemandem nehmen.

Viele Menschen können mit dem Sinn des Leidens, vor allem des unschuldigen Leidens, nichts mehr anfangen, selbst solche nicht, die sich mit dem „C“, der Abkürzung für christlich, in der Gründerzeit der CDU beziehungsweise CSU zum Lebensprogramm von Jesus Christus bekannten. Jedenfalls offenbart dies deutlich wieder einmal der Artikel der „Tagespost“ vom 29. Juli auf der ersten Seite „CDU-Politiker verteidigen EKD-Chef“.

Daher ist ihnen auch ein bewusstes Sühneleiden, wie es im Leben und Sterben vieler Heiliger und Seliger deutlich wird, innerlich fremd. Die hl. Maria Magdalena von Pazzi hatte sich als Leitspruch gewählt: „Leiden, nicht sterben“, natürlich nur in dem Sinn, soweit dies im Willen Gottes liegt. Ähnlich sah auch die hl. Anna Schäffer im etwa 25-jährigen Schmerzenslager eine Berufung. Der selige Franz Jägerstätter schrieb in seinem Abschiedsbrief an seine Gattin Franziska nach monatelanger grausamer Kerkerhaft noch am Tag seiner Hinrichtung: „möge Gott mein Leben hinnehmen als Sühnopfer nicht nur für meine Sünden, sondern auch der anderen“. Der selige Kaiser Karl von Österreich hat in seiner überaus schmerzlichen Todeskrankheit einmal gesagt: „Ich muss soviel leiden, damit meine Völker sich wieder zusammenfinden.“ In Fatima sagte die hl. Gottesmutter Maria bei der ersten Erscheinung am 13. Mai 1917 zu den Seherkindern: „Wollt ihr euch Gott schenken, bereit, jedes Opfer zu bringen und jedes Leiden anzunehmen, das er euch schicken wird als Sühne für die vielen Sünden, durch die die göttliche Majestät beleidigt wird, um die Bekehrung der Sünder...“ Im Namen aller drei hat Lucia mutig geantwortet: „Ja, das wollen wir.“

Im Vergleich zum Alter dieser Erde oder gar der Ewigkeit ist ein einzelnes Menschenalter, wie lange es auch auf dieser Erde dauern mag, nur ein rasches Vorübereilen. Aber in diesen wenigen Lebensjahrzehnten entscheidet sich unendlich viel für jedes einzelne Menschenleben. Dies kann kaum genügend abgeschätzt werden. Als der kleine Johannes (der spätere hl. Johannes der Täufer) im Kindbett lag, fragten sich die Verwandten und Nachbarn nachdenklich: „Was wird aus diesem Kinde werden?“ Bei einem Kleinkind ist tatsächlich alles offen. Es kann sich zu einem Heiligen entwickeln, aber auch zu einem Verbrechter. Kann man da wirklich noch mit Überzeugung sagen, wie es oft zu hören ist: „Das Wichtigste ist die Gesundheit.“ Ich habe jedenfalls schon mehrmals, wenn mir dies gesagt wurde, geantwortet: „Ja, dass wir einmal ewig gesund sind“, was mitunter verdutzte Gesichter zur Folge hatte.

Mit großem Respekt und Hochachtung haben wir den Leserbrief von Maria Elisabeth Schmidt gelesen (DT vom 07. August). Ihre sehr persönliche Schilderung des Leidensweges ihres Mannes und wie sie ihn beide im Glauben getragen haben, war schon sehr bewegend. Hier können wir nur wünschen, dass eine solche Haltung viele Nachahmer findet. Von daher bedauern wir umso mehr, dass der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, die Krebsdiagnose seiner Frau zum Anlass genommen hat, in Interviews zu erklären, er würde aus Liebe entgegen seiner persönlichen Haltung und entgegen der offiziellen Haltung seiner Kirche seine Frau beim assistierten Sterben begleiten. Umso mehr hoffen wir, dass das Ehepaar Schneider – nicht zuletzt aufgrund der Schilderungen von Frau Schmidt – doch noch zu einem anderen Ergebnis kommt. So wie wir unser Leben von Gott empfangen haben, so dürfen/müssen wir es ihm auch am Ende wieder zurückgeben. Möge Gott dem Ehepaar Schneider die nötige Kraft geben, dass sie gemeinsam diese schwere Zeit bestehen. Wer, wenn nicht wir Christen, soll denn gerade bei solch existentiellen Situationen erfahren, dass Gott ihn trägt. Wie hat es der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer so treffend formuliert: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Bei der ergreifend geschilderten gemeinsamen Lebenssituation im Angesicht des leidenden und sterbenden Ehemannes zeigt sich die Ehe als wahrhaftiges gemeinsames Sakrament. Es passt die erhellende Bemerkung dazu: Ora, ergo sum – ich bete, also bin ich, wie es der Dichter Bergengruen einmal umformuliert hat. Ehe und Tod haben eine gewaltige, das Leben überschreitende Dimension.