Zur Debatte über den Zölibat in der katholischen Kirche: Mehr Wissen und klareres Denken: Danke, Bischof Hanke!: Da platzt mir der Kragen: Zu gerne katholisch

Wenn Pfarrer V. Kurmanovytsch (DT Nr. 33) in seinem Leserbrief fordert, die theologischen Argumente für den Zölibat fallenzulassen, dann kann das zwar als eine Art „apologia pro vita sua“ gelten, aber bestimmt nicht als ein Beispiel theologischer und kirchlicher Reflexion. Über das Thema lässt sich ja nicht anders sprechen als auf der Grundlage vor allem der lehramtlichen Dokumente, auch der jüngsten wie der Aussagen des Vaticanum II, der Enzyklika Pauls VI. „Sacerdotalis coelibatus“ und des postsynodalen Schreibens Johannes Pauls II. „Pastores dabo vobis“, wo nicht nur die Nützlichkeit, sondern die Angemessenheit und die Verbindung (durch die Person Jesus Christi, der ja bekanntlich zölibatär lebte) mit dem neutestamentlichen Priestertum herausgestellt wird. Pfarrer Kurmanowytsch scheint ebenfalls auszuklammern, dass die östlichen Ortskirchen einen Rest des Zölibats bewahren, nämlich indem nur Zölibatäre zum Bischofsamt zugelassen werden.

Ebenfalls erwähnenswert ist, dass Anfang des 20. Jahrhunderts einige Eparchien in der heutigen Ukraine und in Ostpolen die lateinische Praxis des Priesterzölibats freiwillig einführten (was bis heute in einigen Eparchien im Ausland beibehalten wird). Warum erwähnt man auch nicht die in den östlichen Ostkirchen kanonische Pflicht zur Enthaltsamkeit zu gewissen Zeiten und Tagen des liturgischen Jahres?

Was die Geschichte der Kirchen unter dem Kommunismus betrifft, erzählte mir einer der Teilnehmer der Bischofssynode von 1991, wo Vertreter der Ostkirchen ihr Zeugnis ablegten: Die verheirateten byzantinischen Geistlichen waren wegen ihrer Verantwortung für die eigenen Familien eher erpressbar, obwohl es auch etliche heroische Beispiele gibt. Dass auch Priesterfrauen und Priesterkinder wegen der Tätigkeit ihres Mannes beziehungsweise Vaters leiden oder sogar das Martyrium erleiden mussten, spricht eben für den Zölibat.

Zur Geschichte und Theologie dieser Frage gibt es übrigens eine ausgezeichnete Studie eines Vertreters der ostkirchlichen Tradition: Roman Cholij, Clerical Celibacy in East and West. Sehr lesenswert sind außerdem folgende Studien: Kard. A.M. Stickler, Der Klerikerzölibat. Seine Entwicklungsgeschichte und seine theologischen Grundlagen (1993); S. Heid, Zölibat in der frühen Kirche. Die Anfänge einer Enthaltsamkeitspflicht für Kleriker in Ost und West (1997). Mehr gründliches Wissen und klares Denken kann der Diskussion nur nützen.

Das Thema „Zölibat“ steht nicht zum ersten Mal, und ganz sicher auch nicht zum letzten Mal zur Diskussion. Viel Wirres und Verwirrendes steht in den Leserbriefen. Da kann man dem Bischof von Eichstätt, Gregor Hanke OSB, gar nicht dankbar genug sein, und der Tagespost, dass sie seine Gedanken in der Ausgabe vom 18. März im Artikel „Der Zölibat reduziert sich nicht auf die Junggesellenexistenz“ anderen Meinungen gegenübergestellt hat.

In unserer liberalen und sexualisierten Umwelt kann die zölibatäre Lebensform weniger denn je verstanden werden. Erschreckend ist es allerdings, wenn sich innerhalb der Kirche Stimmen melden mit der Ansicht, „Getaufte und Gefirmte sollten mit unseren Bischöfen zusammen Rom gegenüber selbstbewusster auftreten“. Gott bewahre uns vor solcher Entwicklung! Diese Gesinnung hat in der Vergangenheit wahrlich genug Schaden angerichtet und abgetrennt, was vormals eins war.

Allmählich sollten Sie die Debatte um den Priesterzölibat beenden, denn je länger diese Diskussion währt, desto platter kommt sie daher. Oder meinen Sie, dass speziell der Leserbrief des Herrn H.-P. Funke aus Schramberg Ihrem ansonsten doch sachlich fundierten und ausgewogenen Niveau gut tut? Ich jedenfalls bin nur noch genervt, wenn gerade zu diesem Thema jeder Unberufene meint, vollkommen unbelastet von Fakten und Realität seine persönliche Gefühlsäußerung breitzutreten. Besonders peinlich empfinde ich es wiederum, wenn solche Leser meinen, für eine von ihnen angenommene Mehrheit zu sprechen.

Erstens wüsste ich nicht, dass es hierzu eine demokratische Befragung gegeben hätte. Zweitens ist die Überheblichkeit dieser Annahme zumeist damit gekoppelt, über eine Realität zu urteilen, die diese Menschen nur von außen kennen. Drittens ist es eine Unverschämtheit, andere Meinungen als rückständig – das ist doch mit „traditionalistisch“ gemeint – oder als unsachlich zu diffamieren, für sich selbst aber das beliebte Etikett „kritischer Gläubiger“ zu reklamieren. Mir platzt inzwischen ob dieser höchst unkritischen und borniert-zeitgeistigen Selbsterhöhung der Kragen.

Als ebenfalls „einfache“ Christin kann ich Herrn Hans-Peter Funkes Leserbrief vom 27. März nicht so einfach unkommentiert stehen lassen. Eine alte Binsenweisheit lehrt, dass selten ein Schaden ganz ohne Nutzen sei. Während noch lauthals geklagt wurde über den vermeidbaren Flurschaden, den Erzbischof Zollitsch' verkürzte Interviewäußerungen im Erscheinungsbild unserer Kirche hinterlassen hatte, durfte ein einfaches Herdentier wie ich unerwarteten Nutzen frommen: Denn Sinn und Ursprung des Zölibats erschließt sich dem Durchschnittschristen mit stetig abnehmendem Glaubenswissen keineswegs so selbstverständlich wie dem Theologen.

Was in der Folgezeit an informativen und lehrreichen Leserbriefen in die Tagespost strömte, kam einer fundierten Katechese gleich, für die ich allen Schreibern, auch den provozierenden, herzlich danke. Hoffentlich macht mich diese Freude und dieser Zugewinn nicht auch gleich zu einem „traditionalistischen“ (was ist das denn?) Christen, denn ich bin doch zu gern katholisch!